03.06.2019 - 17:27 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Frauen über 25 treiben öfter ab

11 600 Schwangerschaftsabbrüche gab es 2018 in Bayern. Mehr ältere Frauen entscheiden sich für eine Abtreibung als Jugendliche. Elisabeth Schieder von Donum Vitae in Weiden kennt die Probleme der Schwangeren.

Symbolbild: Bücher und Informationshefte liegen auf einem Tisch.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

100.986 Frauen haben sich 2018 in Deutschland gegen ein Kind entschieden und einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen. In Bayern waren es 11.600 Abtreibungen. Das geht aus kürzlich veröffentlichten Daten des Bundesamts für Statistik in Wiesbaden hervor. Die meisten Frauen waren über 25 Jahre alt. Elisabeth Schieder von der Schwangerenberatungsstelle Donum Vitae in Weiden und Tirschenreuth erläutert, warum sich eher etwas ältere Frauen für einen Abbruch entscheiden.

„Junge Frauen machen sich schon Gedanken, sind aber unbekümmerter und nehmen das hin“, sagt Schieder. Sie verdienen zwar oft weniger, haben sich aber auch noch keinen Lebensstandard aufgebaut, den sie mit einem Kind eventuell verlieren würden. Die Diplom-Sozialpädagogin weist darauf hin, dass insgesamt weniger junge Frauen schwanger werden. Das Durchschnittsalter der Frauen, die zum ersten Mal Mutter werden, liegt heute bei 29,8 Jahren.

Elisabeth Schieder leitet die Schwangerenberatungsstelle von Donum Vitae in Weiden.

Immer ähnliche Gründe

Bis ins Jahr 2012 waren die meisten Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben, zwischen 20 und 25 Jahre alt. Seit 2013 ist die Zahl der Abtreibungen in der Altersgruppe 25 bis 30 am höchsten. Das gilt auch für Bayern im Jahr 2018: Nach den Zahlen der Behörde waren 2779 Frauen, die im Freistaat ihren Wohnsitz haben, zum Zeitpunkt des Abbruchs 25 bis 30 Jahren alt. Etwas weniger Abbrüche waren es bei den 30- bis 35-Jährigen.

Das deckt sich mit dem Bundesdurchschnitt: Dort waren es 24.361 bei den 25 bis 30-Jährigen und 23 773 bei den 30- bis 35-Jährigen. Die Altersgruppe 20 bis 25 Jahre folgt in Bayern an dritter Stelle. Nur 14 Frauen im Freistaat waren unter 15 Jahre alt, 274 bis 18 Jahre und 523 bis 20 Jahre alt. 90 Prozent der Abbrüche werden in gynäkologischen Praxen vorgenommen, der Rest in Kliniken.

Wer in Bayern einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen will, muss Gründe dafür nennen, erläutert Schieder, die seit 1989 Schwangere und Paare mit Kinderwunsch berät. „Und die sind seit Jahren ungefähr ähnlich.“ Etwas ältere Frauen entscheiden sich dafür, weil sie zum Beispiel ihre Familienplanung schon abgeschlossen hatten und wieder arbeiten gehen sollten. 24 Prozent der Frauen hatten vor einem Abbruch bereits zwei Kinder, 23 Prozent ein Kind, 42 Prozent der Frauen haben kein Kind geboren, so die Zahlen des Statistikamts.

Ein großes Problem für viele Frauen und Männer seien befristete Arbeitsverträge, berichtet die Diplom-Sozialpädagogin. „Ich finde das unmöglich. Es kann wenig Sicherheit aufgebaut werden, da machen sich Frauen um die 30 Sorgen.“ Genauso sei es, wenn sich die Frau zwar vorstellen könne, das Kind zu bekommen, aber der Arbeitsvertrag bald auslaufen würde: „Wenn in der Elternzeit die Befristung endet, stehen sie ohne Arbeit da.“

Andere Gründe seien eine psychische oder physische Überforderung, der falsche Zeitpunkt der Schwangerschaft, Lebensentwürfe, die durcheinander geraten, oder Erwartungen an die Frau – von außen und von ihnen selbst –, die sie mit einem Baby nicht erfüllen können.

So läuft eine Beratung ab:

Im Grundgesetz, Artikel 2, heißt es: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Dennoch dürfen Frauen abtreiben. Aber: „Die Frau soll nach eigenem Ermessen eine Entscheidung treffen“, sagt Elisabeth Schieder, Leiterin der Schwangerenberatungsstelle Donum Vitae in Weiden. „Ich weiß nicht, was für sie besser ist.“

Bei der Beratung geht Schieder mit der Klientin beide Wege durch und versucht, dass die Frau folgende Fragen beantworten kann: Was bedeutet eine Schwangerschaft? Was ein Abbruch? Was passiert nach der Geburt? „Man gibt dem ungeborenen Kind eine Stimme“, beschreibt die Sozialpädagogin die Situation. Für viele Frauen sei ein solches Gespräch erleichternd. „Alles kommt aufs Tablett, ohne dass es hier jemand besser weiß.“ Nur in 15 Prozent der Fälle begleitet der Mann die Frau zu Donum Vitae in Weiden, bedauert Schieder.

„Es ist allen Frauen bewusst, dass es um Leben geht“, sagt sie und kritisiert Einstellung und Aktionen von sogenannten Lebensschützern. Oft entstünden im Gespräch Lösungen für Probleme. Die Beraterinnen vermitteln auch Unterstützungsangebote zum Beispiel für Anschaffungen für das Baby.

Nicht immer findet sich eine Lösung sofort, manche Klientinnen kommen zwei oder drei Mal, andere noch einmal Jahre nach einem Abbruch, wenn das Thema bei ihnen „plötzlich wieder aufploppt“. Für viele sei ein Schwangerschaftsabbruch zwar ein einschneidendes Erlebnis, sagt Schieder. Aber nur ganz wenige werden deshalb psychisch krank. Belastender sei die Stigmatisierung, schreibt die Zeitschrift „Psychologie heute“.

Not unverändert

„Die Not der Frauen blieb gleich, seit 25 Jahren.“ Schieder wünsche sich, dass es mehr Teilzeitangebote für Mütter gibt, Arbeitszeiten flexibler geregelt werden und mehr Männer in Teilzeit arbeiten, um beim Haushalt und der Kindererziehung zu helfen. „Aber viele Männer und Arbeitgeber können sich das nicht vorstellen“, sagt sie.

Die meisten Bayerinnen sind zum Zeitpunkt des Abbruchs ledig (54 Prozent), 41 Prozent verheiratet, 5 Prozent geschieden und 0,3 Prozent verwitwet. Die Abbrüche fanden in Bayern meist in der 5. oder 6. Schwangerschaftswoche statt, im Bundesdurchschnitt lag der Termin ein bis zwei Wochen später. Im Bundesdurchschnitt waren 96 Prozent der Frauen, die abtreiben, zuvor bei einer Beratungsstelle. Nur bei 4 Prozent lagen medizinische oder kriminologische Gründe (Sexualdelikt) vor – diese Frauen müssen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamts nicht beraten lassen.

Im Jahresvergleich geht die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zurück. Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre lag die Zahl in Bayern noch bei rund 16.000 Abbrüchen, in Deutschland waren es damals rund 130.000.

Beratungsstellen für Schwangere:

In der nördlichen Oberpfalz gibt es einige Beratungsstellen für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch:

Amberg: Landratsamt, Hockermühlstraße 53 in Amberg, Telefon 09621/39-659; Donum Vitae, Schenklstraße 4, Telefon 09621/973966

Sulzbach-Rosenberg: Donum Vitae, Hauptstr. 51, Telefon 09661/7359

Schwandorf: Landratsamt, Wackersdorferstraße 78a, Telefon 09431/471-600; Caritas, Ettmannsdorfer Straße 2-4, Telefon 09431/9980680; Donum Vitae, Breite Straße 12, Telefon 09431/41844

Oberviechtach: Außenstelle der Beratungsstelle des Landratsamts Schwandorf, Bezirksamtsstraße 7, Telefon 09671/918-442

Neustadt/WN: Landratsamt, Maistraße 7-9 in Weiden, Telefon 09602/ 79-6150, -6190 oder -6170

Weiden: Caritas, Nikolaistraße 6, Telefon 0961/ 38914-28; Donum Vitae, Schillerstraße 11, Telefon 0961/4016940

Tirschenreuth: Landratsamt, St.-Peter-Straße 33, Telefon 09631/7076-22, -21 oder -11; Außenstelle der Donum-Vitae-Beratungsstelle Weiden, Mähringerstraße 9, Telefon 0961/ 4 01 69 40

Kemnath: Außenstelle des Landratsamts Tirschenreuth, Schützengraben 16, Telefon 09631/7076-22, -21 oder -11

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