27.05.2021 - 09:25 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Frauenpower im Journalismus

Es war einmal: Der Journalismus als Männerdomäne. In 75 Jahren "Der neue Tag" hat sich bei der Geschlechterverteilung einiges getan. Immer mehr Frauen kämpften sich in den Beruf – doch der Weg zur Gleichbehandlung ist noch nicht zu Ende.

Verlegerin Viola Vogelsang-Reichl freut sich, dass viele Frauen den Verlag mit ihren Sichtweisen bereichern.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

„Der reine Nachrichtendienst liegt der deutschen Frau wenig, da ihr gefühlsbetonter Charakter kaum Geschmack an der unpersönlichen, sachlichen Wiedergabe von Tatsachen und Beobachtungen findet. [...] All diesen Anforderungen der rückhaltlosen Hingabe an den Beruf hält die weibliche Natur nur schwer stand.“ Das Zitat von Medienkundler Otto Groth aus dem Jahr 1930 ist längst überholt. Das beweisen nicht zuletzt auch die Redakteurinnen und Volontärinnen bei Oberpfalz-Medien, die täglich in den Redaktionen "ihren Mann stehen" und sich mutig allen Anforderungen stellen, die der Beruf mit sich bringt. Als ich vor über einem Jahr mein Volontariat – meine Ausbildung zur Redakteurin – begann, habe ich mir viele Gedanken gemacht: Welche Art Journalistin möchte ich sein? Welche Moralvorstellungen habe ich? Wie soll der Umgang mit meinen Interviewpartnern sein? Eine Sache hat dabei nie eine Rolle gespielt: Die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Doch was heute normal ist, war vor langer Zeit auch beim "Neuen Tag" eine Seltenheit.

Frauenpower unter den Verlegern

Der Alltag war noch vor gut 15 Jahren ein anderer. Simone Baumgärtner, Reporterchefin in der Lokalredaktion Weiden, erzählt: "Hier gab's fast nur Männer, als ich anfing. Die Frauen waren oft nur vormittags da oder sie waren kinderlos." Auch Redakteurin Christine Ascherl plaudert aus dem Nähkästchen: "Es gab einfach fast keine anderen Frauen. Häufig wurde ich auch für die Sekretärin gehalten und nicht für die zuständige Redakteurin." Trotzdem spielten Frauen in der Verlagsgeschichte schon immer eine zentrale Rolle, besonders auf der Verlegerseite. 1988 übernimmt Dr. Barbara Shanahan als Tochter von Anton Döhler die Rolle der geschäftsführenden Verlegerin. Nach dem Tod von Verleger Victor von Gostomski wird Tochter Bärbel Panzer geschäftsführende Verlegerin.

Viola Vogelsang-Reichl, Tochter von Verleger German Vogelsang, wird zunächst Mitglied der Geschäftsführung, im Mai 2015 schließlich geschäftsführende Verlegerin. Mit ihr leitet heute Thomas Maul als Geschäftsführer das Medienhaus. Auch Viola Vogelsang-Reichl blickt auf ihre journalistischen Anfänge zurück: "Vor meiner Generation fiel es Frauen im Journalismus mit Sicherheit schwer. Vor den 80er Jahren war der Beruf eine Männerdomäne, aber schon in meiner Generation hatte sich viel verbessert." Nicht selten mussten sich Frauen früher als "Mädchen" auf Terminen anreden lassen und hatten so ihre Mühe damit, als Journalistin ernst genommen zu werden.

Viel positive Entwicklung

Dass sich besonders in der zweiten Hälfte von 75 Jahren Verlagsgeschichte des "Neuen Tags" viel zum Positiven für Frauen geändert hat, darin sind sich Redakteurin, Reporterchefin und Verlegerin einig. "Zum Glück", sagt Christine Ascherl, denn "die Zeitung ist immer auch Mittel der Identifikation für die Leserschaft", die auch nicht nur aus Männern besteht. Auch Verlegerin Viola Vogelsang-Reichl freut sich über mehr weiblichen Journalismus: "Frauen haben oft eine andere Sichtweise auf die Dinge. Dabei geht es nicht zwangsläufig nur um soziale – und vermeintlich weibliche – Themen." Für Christine Ascherl ist dieser Aspekt ein Dilemma: "Auf der einen Seite setzen Frauen oft andere Themen als Männer, weil sie in ihrem Alltag häufiger damit konfrontiert sind, wie zum Beispiel, Kinderbetreuung. Auf der anderen Seite will man auch nicht immer die 'Sozialtante' sein." Für Viola Vogelsang-Reichl zeichnen sich Journalistinnen häufig durch ein besonderes Maß an Multi-Tasking aus.

Letztlich gehe es nicht um eine Sonderbehandlung im Journalismus, meint Christine Ascherl. Aber Förderung sei wichtig, gerade von jungen Kolleginnen. Nach wie vor ist der Karriereknick durch Kinder ein Thema. "Aber es hat sich schon viel verändert und wir sind auf einem guten Weg."

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Verlegerin Viola Vogelsang-Reichl sieht diesen Bedarf: "Männer und Frauen haben gleiche Chancen in dem Beruf. Trotzdem kann sich bestimmt noch mehr Flexibilität bei den Arbeitszeitmodellen und in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickeln. Die Corona-Pandemie zeigt, dass gerade mobiles Arbeiten vieles erleichtert." Die Arbeit würde aktuell im Verlag "geschlechtsunabhängig wertgeschätzt", sagt Simone Baumgärtner, "was will Frau also mehr?"

Noch nicht am Ende der Entwicklung

Viele mutige Frauen haben es auch bei den Oberpfalz-Medien durch ihre Leidenschaft für den Beruf, ihr "dickes Fell" und ihre Kompetenz in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, dass Frauen im Journalismus keine Seltenheit mehr sind. Und junge Volontärinnen, wie ich, nicht einen Gedanken mehr daran verschwenden, ob sie den Beruf wegen ihres Geschlechts überhaupt ausüben können. Und trotzdem: Der Weg zur Gleichbehandlung ist noch nicht zu Ende und wird es wohl niemals sein – für alle Redakteur*innen.

Försterin Michaela Hamann beweist sich in der Männerdomäne

Flossenbürg
Hintergrund:

So viele Redakteur*innen arbeiten bei Oberpfalz-Medien

  • Volontär*innen:
    2020: Insgesamt 9 (davon 2 männlich und 7 weiblich)
    2015: Insgesamt 7 (davon 1 männlich und 6 weiblich)
  • Redakteur*innen:
    2020: Insgesamt 85 (davon 56 männlich, 29 weiblich)
    2015: Insgesamt 79 (davon 62 männlich, 17 weiblich)

"Hier gab's fast nur Männer, als ich anfing. Die Frauen waren oft nur vormittags da oder sie waren kinderlos."

Simone Baumgärtner, Reporterchefin

Simone Baumgärtner, Reporterchefin

„Der reine Nachrichtendienst liegt der deutschen Frau wenig, da ihr gefühlsbetonter Charakter kaum Geschmack an der unpersönlichen, sachlichen Wiedergabe von Tatsachen und Beobachtungen findet. [...] All diesen Anforderungen der rückhaltlosen Hingabe an den Beruf hält die weibliche Natur nur schwer stand.“

Otto Groth, Medienkundler, 1930

 

 

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