10.12.2018 - 22:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Freispruch für Trainer: Spielerin nicht vergewaltigt

Objektive Gründe würden laut Gericht für eine Verurteilung wegen zweifacher Vergewaltigung reichen, subjektive nicht. So kommt ein ehemaliger Mannschaftstrainer wegen gefährlicher Körperverletzung mit Bewährung davon.

Vergewaltigung oder nicht? Darüber hatte das Landgericht Weiden am Montag zu befinden.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Das Landgericht Weiden unter Vorsitz von Präsident Gerhard Heindl hat es nicht leicht am Montag. Auf der Anklagebank sitzt ein 55-Jähriger aus dem Landkreis Neustadt/WN, der etwa zwei Jahre lang ein Verhältnis mit einer Spielerin hatte, die bereits in einer Jugendmannschaft sein Schützling war.

Als es Ende 2015/Anfang 2016 beginnt, ist die junge Frau 17. Bei einem Fest in einem Nachbardorf küsst er sie zum ersten Mal. Danach treffen sich die beiden regelmäßig in seiner Wohnung, auf Parkplätzen oder Waldwegen. Es kommt in den allermeisten Fällen zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr.

Dabei geht die Initiative fast immer von ihm aus. Die Whatsapp-Nachrichten sind eindeutig, die Spielerin weiß, dass sie mit Annäherungen rechnen muss, sobald sie zu einem Rendezvous geht. "Ich hab in 90 Prozent der Fälle den Sex nicht gewollt, hab aber dann mitgemacht, es ist auch nicht so, dass es mir keinen Spaß gemacht hätte."

Sie habe eben in dem Trainer einen Vertrauten gesehen, einen Ratgeber mit dem man über alles reden konnte. Doch früher oder später landet man in der Kiste. Dabei geht es durchaus heftig zu, mit Rollenspielen und Fesslungen. "Fifty Shades of Grey" ist gerade in aller Munde. Im März 2017 will die Spielerin die Sache allerdings beenden. Sie fährt zu seiner Wohnung und teilt ihm mit, dass sie nur mehr Freundschaft wolle. Die Sex-Affäre sei aus. Sie habe nun einen Freund, mit dem sie es ernst meine. Der Trainer empfängt die Spielerin im Hof - nur mit Bademantel bekleidet. Zunächst reden die beiden, doch dann passiert es. Ihre Version klingt so: Er wird aggressiv, drückt sie gegen die Tür des parkenden Autos, hält mit der linken Hand ihre Hände am Dach fest, öffnet mit der rechten ihre Jeans, zieht Hose samt Unterhose runter und dringt in sie ein, obwohl sie Nein sagt.

Er stellt es anders dar: Zwar habe sie es am Anfang nicht gewollt, durch Liebkosungen habe er sie aber wie meistens so weit gebracht, dass es doch zum Geschlechtsakt am Auto kommt. Sie habe sich vorgebeugt, damit die Penetration leichter gehe.

Nach einigen Minuten habe er aufgehört "wegen der kühlen Temperatur" und sei ins Haus vorangegangen. Sie folgte ihm freiwillig. Warum hat sie das getan? Das wollten Richter Heindl, Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf und Verteidiger Engelbert Schedl wissen. "Ich war perplex und wollte fragen, was das jetzt soll, ich wollte das verstehen, um das abhaken zu können", erklärte die Frau.

In der Wohnung habe man Kaffee getrunken, dann habe er sie aufgefordert, ihn oral zu befriedigen, weil er am Auto nicht zum Höhepunkt gekommen sei und man es doch nicht mit "halben Sachen" bewenden lasse. Er habe sie am Kopf und an den Haaren in Richtung seines Schoßes gezogen. Gegenwehr blieb aus.

Ist das Vergewaltigung oder nicht? Für Staatsanwalt Schnappauf schon: "Sie hat erkennbar den Willen geäußert, dass sie keine sexuellen Handlungen mehr will." Das Opfer müsse sich nicht wehren, für den Tatbestand reiche es, dass es erheblicher Kraftanstrengung bedarf, körperlichen Widerstand zu überwinden. Die junge Frau, die einen gefestigten Eindruck machte, sagte, sie selbst habe sich nie in der Vergewaltigungsopferrolle gefühlt, "weil ich wollte, dass mein Leben mit meinem Freund normal weitergeht". Gleichwohl zeigt die Ex-Spielerin ihren Ex-Trainer acht Monate später deswegen an.

Anwalt Schedl vermutet dahinter andere Gründe: Die gelernte Physiotherapeutin habe es ihrem Geliebten heimzahlen wollen, weil der sie "nur ausgenutzt und verarscht" habe, wie die Geschädigte zu Protokoll gab.

In der Tat: Der Mann ist mit einer sechsstelligen Summer verschuldet, nachdem der gelernte Elektroinstallateur als Selbständiger mit einer Zeitarbeitsfirma eine Pleite hingelegt hat. Zudem hat er über ein halbes Dutzend Verfahren am Hals, unter anderem Steuerhinterziehung und nicht bezahlte Löhne. Die Geliebte unterstützt ihn mit ihrem Auszubildenden-Gehalt. Sie kauft für ihn ein, bringt ihm Zigaretten mit und leiht sich dafür sogar bei einer Freundin 1150 Euro. Doch das reicht nicht, um ihn aus seiner Bredouille zu bringen.

Er überredet seine junge Freundin, dass sie ein Konto bei einer Online-Bank für ihn eröffnet, damit das Finanzamt dort das Geld nicht pfändet, das sie ihm zukommen lässt und das er in seinem neuen Job verdient. Er werde das schon zurückzahlen. Einmal ist von 2000, einmal von 5000 Euro die Rede. Zudem würden die Eltern der Spielerin so nichts von der Sache mitbekommen. Doch bei einem Umzug nach Thüringen, wo die junge Frau lernt, fällt der Mutter ein Mahnbrief in die Hände.

Das alles führt dazu, dass die junge Frau ihm schließlich via Whatsapp droht, sie werde sein Leben zur Hölle machen. Die Frau bestreitet, dass sie den 55-Jährigen nur wegen des Geldes angezeigt habe, "sondern weil ich dann doppelt drauflegen konnte". So nämlich ist neben dem Vergewaltigungsvorwurf auch noch gefährliche Körperverletzung im Spiel. Wegen der wird der Mann schließlich auch zu einem Jahr Haft mit vier Jahren Bewährung und 2000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Es geschieht am 20. Juli 2017. Die damals 19-Jährige tut ihrem Trainer, mit dem das Verhältnis nach eigenen Angaben damals beendet ist, einen Gefallen. Sie holt aus seiner Garage ein Kennzeichen für ein Motorrad. Doch statt das Gefährt nur wie gewünscht abzumelden, kratzt die Spielerin auch die Zulassungsplakette ab. Das macht den Mann am Abend wütend.

Es kommt zum Streit. Er tritt ihr mit Stahlkappen-Schuhen heftig gegen das Schienbein, packt sie rabiat am Hals und wirft sie samt einem Klappstuhl zu Boden. Danach kühlt das Verhältnis ab. Trotzdem gratuliert die Frau dem Schläger wenig später noch per SMS zum Geburtstag.

Die Vergewaltigungsvorwürfe lassen sich auch nach etlichen Zeugenbefragungen nicht aufrecht erhalten. Zu viele Fragen bleiben offen. So behauptet er, dass es nach den vermeintlichen Übergriffen am 20. März noch mindestens zu drei Treffen inklusive Sex gekommen sei. Sie kann sich daran nicht erinnern. Allerdings hat sie auch schon mal zwischen März und Juli auf seine Katze aufgepasst und sich eben bereit erklärt, sein Motorrad abzumelden. Überdies habe sie nicht um Hilfe gerufen, als er sie gegen das Auto gedrängt habe oder sei gleich darauf geflohen. "Das ist für das Opfer einer mehrfachen Vergewaltigung niemals normal", argumentiert Verteidiger Schedl.

Die Richter sehen es ähnlich und schließen sich der Forderung nach Freispruch an. Gleichwohl lesen sie dem Trainer die Leviten: "Sie haben ein junges Mädchen emotional und finanziell ausgebeutet. Das ist schäbig. Aber ein Gericht kann nicht über moralisches Fehlverhalten urteilen." Seite 6

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