28.12.2020 - 17:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Aus für Schülercafé "Scout" in Weiden: "Wir sind aus allen Wolken gefallen"

Warum muss das Schülercafé "Scout" schließen? Das fragt sich nicht zuletzt der Betreiber vom Kolping-Bildungswerk. Weder vor noch nach der Entscheidung habe sich eine Stadtratsfraktion bei ihm gemeldet.

"Sorry, we are closed"; heißt es an der Tür des Schülercafés "Scout". Leider geschlossen. Ab August 2021 dann für immer.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Das Jahr 2020 endet verheerend für das Schülercafé "Scout". Doch begonnen hat es noch nicht mal schlecht. "Bei den Besucherzahlen hatten wir Zuwächse", berichtet Jürgen Förster, Geschäftsführer des Kolping-Bildungswerks. Vom 1. Januar bis zum Lockdown Mitte März zählte der Jugendtreff im Schnitt 323 junge Gäste im Monat, im Jahr zuvor waren es monatlich 8 weniger gewesen. Und trotz des schwierigen Coronajahrs mit der Schließung bis Mai und der Wiedereröffnung unter Auflagen (maximal 8 Gäste gleichzeitig) bis zum neuerlichen Lockdown kündigte sich das Unheil nicht an. Erst 2019 hatte die Stadt den Mietvertrag für das ehemalige Café Schaller auf der Allee verlängert – das Kolping-Bildungswerk als Betreiber des Schülercafés wertete dies als Signal für einen gesicherten Fortbestand der städtischen Einrichtung.

Der Stadtrat entscheidet in nicht-öffentlicher Sitzung

Weiden in der Oberpfalz

Bekanntlich ein Trugschluss. In nicht-öffentlicher Sitzung im November entschied eine Stadtratsmehrheit aus CSU, Bürgerliste, FDP/Freie Wähler, ÖDP und AfD, den Betrieb des Jugendtreffs nicht neu auszuschreiben. Das faktische Aus für den Treff im August 2021, wenn der Vertrag mit Kolping endet. "Wir sind aus allen Wolken gefallen", sagt Förster. Das Personal – zwei Pädagogen, die sich eine Stelle teilen, und eine Köchin – sei noch immer völlig geknickt. Im Vorfeld habe sich keine einzige Fraktion bei ihm gemeldet, um sich über die Einrichtung zu informieren. Und nachher niemand, der ihm den überraschenden Beschluss gegen die Stimmen von SPD und Grün.Bunt.Weiden irgendwie begründet hätte.

Auch Oberpfalz-Medien tut sich am Montag schwer. CSU-Fraktionschef Benjamin Zeitler und Christian Deglmann (Bürgerliste) verweisen darauf, dass die entscheidende Sitzung nichtöffentlich gewesen sei. Oberbürgermeister Jens Meyer und die Stadtverwaltung müssten einschätzen, ob ein Punkt nach der Gemeindeordnung in eine öffentliche Sitzung gehöre, merkt Zeitler an: "Dies wäre unseres Erachtens auch bei diesem Punkt der Fall gewesen. Denn dann hätte die Öffentlichkeit auch feststellen können, dass die Verwaltung in diesem Punkt bei weitem nicht so klar positiv positioniert war, wie dies vom Oberbürgermeister nun dargestellt wird. Da es nun einmal ein nichtöffentlicher Punkt war, werden wir die Debatte aber nicht im Nachgang über die Medien öffentlich nachholen." Einzig Christoph Skutella (FDP/FW) äußert sich zur Sache: Im Schülercafé habe er "kein tragfähiges Konzept" erkennen können – "bei einem Treff in dieser Lage, zu diesen Konditionen, bei diesen Besucherzahlen". In Zeiten der Ganztagsschule sei der Treff kein Muss.

Wie Förster erklärt, habe die Ganztagsschule jedoch die Besucherzahlen des Schülercaf´es nicht schmälern können. Er listet für 2019 insgesamt 3774 Gäste auf. Die Jahre zuvor seien schwierig gewesen, räumt er ein, unter anderem wegen einer relativ hohen Fluktuation beim Personal. "Seit zwei Jahren ist es aber sehr stabil, es leistet gute Arbeit, und wir haben eine gute Küche." Ist der Aufwand gerechtfertigt – für 20 bis 30 Besucher pro Tag? Immerhin entlohnte die Stadt Betreiber und Vermieter mit insgesamt rund 100.000 Euro pro Jahr. Florian Graf, SPD-Stadtrat und Hauptamtlicher im Jugendzentrum, macht eine andere Rechnung auf: "Wenn es ein betreuter Jugendtreff schafft, auch nur zwei Jugendliche vor dem Heim zu bewahren, rechnet er sich schon." Für einen Heimplatz zahlt die Stadt 60.000 Euro pro Jahr.

"Bei den Besucherzahlen hatten wir Zuwächse"

Jürgen Förster, Zentrumsleiter beim Kolping-Bildungswerk

Jürgen Förster, Zentrumsleiter beim Kolping-Bildungswerk

Graf bedauert die Schließung: "Eine Stadt wie Weiden kann schon einen weiteren Jugendtreff neben dem Jugendzentrum vertragen." Zumal das Schülercafé eine andere Klientel angezogen habe. Juz und "Scout" hätten sich gut ergänzt. Das Schülercafé habe es immer schwer gehabt, erinnert der Genosse an ständige Diskussionen über die Notwendigkeit der Einrichtung. Letztere hätten auch dazu geführt, dass es nicht leicht gewesen sei, Personal zu halten und zu gewinnen. Den Erfolg einer solcher Einrichtung könne man nicht unbedingt in Besucherzahlen messen, meint Graf: "Je niedriger sie sind, desto intensiver kann ich mich doch mit dem Einzelnen beschäftigen." Nicht nachvollziehen kann der SPD-Mann, weshalb die Stadtratsmehrheit keine Alternative für den Treff aufgezeigt habe. "Wir hätten über einen anderen Träger diskutieren können, einen anderen Betreiber, ein anderes Konzept ..." Stattdessen: nur Ablehnung.

Wie geht es weiter? Kolping-Geschäftsführer Förster will nicht ausschließen, dass sich junge Stammgäste noch zu Protestaktionen entschließen. Fraglich, wie eindrucksvoll das in Coronazeiten ausfallen kann und ob es überhaupt noch etwas bringt. Über die Räume auf der Allee kann die Stadt noch bis 2023 verfügen, erst dann endet der Mietvertrag. Angeblich prüft sie andere Nutzungsmöglichkeiten, beispielsweise für eine Kita.

Kommentar zur Entscheidung hinter verschlossenen Türen

Weiden in der Oberpfalz

Das Schülercafé im Coronajahr

Hintergrund:

Schülercafé Scout

  • Eröffnet 2001 im Café Dostler
  • Umzug 2011 ins ehemalige Café Schaller auf der Allee
  • Träger ist die Stadt, Betreiber seit 2013 das Kolping-Bildungswerk
  • Kosten: Rund 100.000 Euro pro Jahr, davon etwa 75 000 Euro für den Träger
  • Besucherzahlen: 2019: 3774 Gäste. Durchschnittlich 315 Besucher pro Monat. Januar bis 15. März 2020: 806 Gäste. Durchschnittlich 323 pro Monat.

 

 

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