13.01.2022 - 18:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Gastschülerin Eva (17) aus Tschechien mag Weiden: „Die Stadt atmet“

Neue Freunde hat sie schon gefunden und mit der Sprache klappt es auch immer besser. Eva Frančová verbringt ein Gastschuljahr in Weiden und hofft auf viele neue Eindrücke. In Zeiten von Corona ist das gar nicht so einfach.

Im Hause Laurich wird viel geredet. Gute Voraussetzungen für die 17-jährige Eva (Mitte) aus Tschechien ihr Deutsch zu verbessern. Noch bis Juli wohnt sie bei ihren Gasteltern Gabriele und Manfred Laurich.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Die Altstadt und das viele Grün drumherum haben es Eva Frančová angetan. Sie mag Weiden und findet, dass die Stadt gemütlich ist und „atmet“. „Ein schönes Kompliment“ freuen sich ihre Gasteltern Gabriele und Manfred Laurich. Sie haben die 17-jährige Eva im September vergangenen Jahres in den Kreis der Familie aufgenommen. Die tschechische Schülerin verbringt ein Gastschuljahr in Weiden und besucht die 11. Klasse am Kepler-Gymnasium.

Ermöglicht wird das durch die Euregio Egrensis Arbeitsgemeinschaft Bayern in Marktredwitz, die es seit 1993 gibt. In grenzüberschreitenden Projekten vor allem mit Jugendlichen sollen seit jeher unter anderem Vorbehalte gegenüber den Grenznachbarn abgebaut und das politische Interesse gefördert werden. Von Politik bekam die Schülerin gleich zu Beginn ihres Besuches eine gehörige Portion ab. Mit Gastmutter Gabriele Laurich (59), die für die SPD im Weidener Stadtrat sitzt, verfolgte sie die heiße Endphase des Bundestagswahlkampfs. Mittendrin statt nur dabei. „Von Herrn Scholz und mir gibt es sogar ein Foto“, erzählt Eva ein wenig stolz, dass sie dem späteren Bundeskanzler Olaf Scholz auf seiner Wahlkampftour in Weiden so nah kommen durfte.

Weitere Veranstaltungen waren und sind in der Coronapandemie jedoch dünn gesät. Die Familie macht das Beste daraus. Kleinere Ausflüge, mal ein Museumsbesuch oder gemeinsame Bastelabende stärken das Gemeinschaftsgefühl. Eva genießt es. „Ich fühle mich hier rundrum wohl und willkommen“, dankt sie für die herzliche Aufnahme in der Oberpfalz. Schon beim ersten Kennenlernen ihrer Gasteltern im Juni habe sie gespürt, dass es passt. „Wir sind ständig am Ratschen“, lacht sie.

Unterricht herausfordernd

Und auch in der Schule klappt es zwischen Lernen, Prüfungen und Corona-Testungen gut. Bequem findet sie die knapp 15 Minuten Fahrt mit dem Schulbus. „In meine Schule brauche ich mindestens 45 Minuten“, sagt Eva, die in einem kleinen Ort nahe Pilsen wohnt. Zu Hause würde sie jetzt die 12. Klasse Gymnasium besuchen, hier in Weiden geht sie in die 11. Klasse. „Es ist anstrengend, der Unterrichtsstoff zum Teil schwieriger als in Tschechien. Meine neuen Mitschüler haben meinen größten Respekt“, sagt sie in fast perfektem Deutsch.

Evas Sprachkenntnisse haben sich in den ersten vier Monaten ihres Aufenthalts schnell verbessert, wie auch Gabriele Laurich anerkennt. Sie findet es schade, dass immer noch so wenig deutsche Schüler Tschechisch sprechen, obwohl der Nachbar so nah sei. „Tschechisch ist schon schwierig“, merkt Eva an. Die 17-Jährige mag Sprachen, lernt neben Englisch jetzt am Kepler-Gymnasium auch Spanisch. Sie könnte sich vorstellen später in Deutschland zu studieren. „Aber das hat noch etwas Zeit.“

Jetzt hofft sie erstmal, dass sie bis zum Schuljahresende noch mehr Menschen und die Oberpfälzer Kultur kennenlernt. An diesem Wochenende hätte der Weidener Stadtball stattgefunden, den die Familie besuchen wollte.

Dirndl bleibt im Schrank

Das Dirndl, das Eva extra dafür gekauft hat, bleibt vorerst im Schrank. Schade. Wie ein echt „bayerisches Moidl“ wollte sie sich fühlen, versucht sich die 17-Jährige auch am Dialekt. Die Gasteltern amüsiert’s. „Eva versteht auch schon Bayerisch, mehr als man denkt.“ „Ein paar Feste im Sommer wären jetzt schön“, sagt Manfred Laurich (58). „Vielleicht kann ja doch noch ein Bürgerfest stattfinden und Eva ihr Dirndl tragen.“

Für die junge Tschechin ist es die erste Reise ohne ihre Eltern. „In erster Linie wollte ich die Sprache lernen, aber es ist auch gut, einmal etwas alleine zu versuchen.“ Heimweh habe sie bislang nur wenig gehabt. Das liegt nicht nur an den netten Gasteltern, sondern auch an der Nähe zur Heimat. So verbrachte die Schülerin die Weihnachtstage mit ihren Eltern. Diese lernten auch bereits die Weidener Familie kennen.

Für Gabriele Laurich ist das Gastschuljahr eine Win-win-Situation. „Auch wir lernen dadurch neue Kulturen kennen und vergrößern unseren Bekanntenkreis. Die Familien der Jugendlichen werden zu Freunden.“ Eva sei die zweite Gastschülerin, die sie aufgenommen und liebgewonnen hätten. Schon das erste Mädchen war ihnen ans Herz gewachsen. „Wir haben noch regelmäßig Kontakt. Auch Eva hat sie bereits kennengelernt.“ Als Gastfamilie müsse man einfach offen sein für Neues. „Gemeinsam essen, Spaß haben, diskutieren und das Bad teilen, das ist alles möglich, wenn man sich sympathisch ist.“ 300 Euro stehen der Gastfamilie im Monat als Aufwandsentschädigung zu. „Das ist okay, macht aber nicht reich“, schmunzelt Laurich. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen seien viel mehr wert.

Das Weidener Ehepaar verkörpert die ideale Gastfamilie, findet Magdalena Becher von Euregio Egrensis. Sie kennt die Laurichs und hat auf der Suche nach Gasteltern für das laufende Projekt auch wieder bei ihnen angeklopft. „Wer offen und neugierig ist und den Austausch als Bereicherung begreift, kann nichts falsch machen.“

Gastfamilien gesucht

Die Coronapandemie sei auch an der Euregio nicht spurlos vorübergegangen. Jedes Jahr würden maximal 25 Stipendien vergeben. „Für das laufende Jahr war eine deutliche Zurückhaltung zu spüren und wir hatten zum ersten Mal weniger Bewerber, nämlich nur 14“, teilt Becher auf Anfrage von Oberpfalz-Medien mit. Im Schuljahr 2019/20 war mit dem Ausbruch von Covid-19 das Gastschuljahr zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte offiziell für drei Monate unterbrochen. Die meisten Schüler kehrten nach Tschechien zurück und hätten von dort aus am Distanzunterricht teilgenommen. In den vergangenen zwei Jahren war auch das Rahmenprogramm stark eingeschränkt. So fanden pandemiebedingt keine Besuche im Bayerischen Landtag in München und im Bundestag in Berlin statt.

Der Impfstatus werde übrigens nicht abgefragt. „Jedoch unterliegen die Schüler den regelmäßigen Testungen in den Schulen sowie den Einreisebestimmungen an den Grenzen“, erklärt Becher. Aktuell nehmen zwölf Gastschüler am Projekt teil. „In Weiden ist im Moment nur Eva.“ Neben dem Kepler-Gymnasium würde auch das Gymnasium Neustadt/WN sich immer wieder beteiligen. Die anderen Gastschüler besuchen Schulen in Amberg, Wunsiedel und Bayreuth.

Als wäre ein „fremdes Kind“ nicht schon genug, heißt das Ehepaar Laurich im März und April für acht Wochen noch einen Studenten aus Dänemark willkommen. Der 17-Jährige wird am Unterricht an der OTH Amberg-Weiden teilnehmen. Insgesamt 25 Studierende sollen nach Weiden kommen, wie Aubiko e.V. in Hamburg auf Anfrage mitteilt. Der gemeinnützige Verein organisiert seit vielen Jahren Bildungsprojekte und kooperiert seit drei Jahren mit der OTH. Mathilde Tingsager von Aubiko war froh, Gasteltern gefunden zu haben. Das werde immer schwieriger. „Es spricht sich halt rum, dass wir uns engagieren“, lacht Gabriele Laurich. Sie ist gespannt, in welche neuen Kulturen sie alle noch eintauchen werden. Und wie sieht Eva das? „Es kann in jedem Fall nicht schaden. Schau mer mal.“

Parksteiner Familie in Australien endlich angekommen

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Info:

Gastschüler sucht Familienanschluss

  • Gastschulprojekt der Euregio Egrensis Arbeitsgemeinschaft Bayern, Marktredwitz: Aktuell 12 Teilnehmer. Kontakt bei Interesse (Bewerbungsfrist für neues Schuljahr endet am 28. Februar): Magdalena Becher, Telefon 09231/6692-15, www.euregio-egrensis.eu
  • Gastschulprojekt von Aubiko e.V., Hamburg: 25 Teilnehmer kommen nach Weiden; Kontakt bei Interesse: Mathilde Tingsager, Telefon: 040/98672575, www.aubiko.de
  • Ideale Gastfamilie: Offen, neugierig und bereit, dem Gastkind die deutsche Kultur und Lebensweise nahezubringen; Unterstützung, die Sprachkenntnisse zu verbessern. Im Idealfall erwachsen daraus Freundschaften.

 

 

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