21.10.2019 - 14:43 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Die Gebärmutter wandert nicht

Nicht immer kann man von alten Weisheiten in der Medizin noch heute etwas lernen. Ganz besonders gilt dies beim sensiblen Thema Gebärmutter, weiß der Chef der Frauenklinik Professor Anton Scharl.

Ärztlicher Direktor Dr. Thomas Egginger begrüßt Professor Anton Scharl (links).
von Siegfried BühnerProfil

Die Vortragsreihe „Chefarzt im Gespräch“ setzte der Direktor der Frauenklinik Amberg-Tirschenreuth mit dem Thema „Hysterie und Hysterektomie – Die Dämonisierung der Gebärmutter“ fort. Hysterektomie bedeutet die operative Entfernung der Gebärmutter. Professor Scharl berichtete, „dass es noch gar nicht so lange her ist, dass wir in Europa Praktiken durchgeführt haben, die wir heute als primitiv und menschenverachtend ansehen“. Hysterie galt bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts als eine Frauenkrankheit, die auf krankhafte Zustände der weiblichen Genitalien zurückzuführen sei.

Zwar glaubte man seit dem späten Mittelalter nicht mehr an ein Umherwandern der Gebärmutter im weiblichen Körper. Doch laut Professor Scharl seien erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts „sehr zögernd“ andere Ursachen als Genitalkrankheiten als Auslöser einer Hysterie anerkannt worden. Einen weiblichen Orgasmus hätte man damals noch nicht gekannt, sondern „schamhaft von einer hysterischen Krise gesprochen“. Ärzte hätten Geschlechtsverkehr zur Bekämpfung der Hysterie empfohlen oder ersatzweise manuelle Stimulation durch medizinisches Personal, vorwiegend Hebammen, empfohlen. Dabei seien auch „Aufziehvibratoren, pneumatische Geräte oder Wassermassagen“ zum Einsatz gekommen. Gezeigt wurde im Vortrag auch ein Bild eines dampfbetriebenen Vibrators aus dem Jahre 1880.

Viel zu oft sei es früher zu einer operativen Entfernung der weiblichen Geschlechtsorgane gekommen. Heutzutage sei der Begriff der Hysterie aus dem medizinischen Sprachgebrauch entfernt, stellte der Mediziner fest. Erkrankungen der Geschlechtsorgane und psychische Störungen würden unabhängig voneinander behandelt. Scharl wollte nicht ausschließen, dass es „vererbte Erinnerungen bei Frauen gibt“ und Frauen ihre Gebärmutter als „Symbol und körperlicher Ausdruck ihres Frauseins“ betrachten. In der Therapie müsste dies berücksichtigt werden, damit ein eventueller Verlust des Organs nicht zur Ursache für psychische, somatische oder psychosomatischen Erkrankungen werde.

Heutzutage würde die Gebärmutter viel seltener entfernt, sagte der Chefarzt. „Weil man sie nicht mehr braucht, ist gar kein Grund“. Nur bei akuten Krebserkrankungen käme eine Hysterektomie in Betracht. Alternativen bei zu starken Blutungen könnten Medikamente oder auch eine Schleimhautverödung sein. Auch nach der Fruchtbarkeitsphase der Frau bleibe für Scharl die Gebärmutter ein wichtiges Organ, „das symbolisch besetzt ist und die Chance bietet eine eigene, subjektive Definition von Weiblichkeit zu finden“.

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