26.05.2019 - 20:50 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Haindling" begeistern in Mehrzweckhalle

1500 sitzen mit riesiger Erwartung in der sehr gut gefüllten Mehrzweckhalle. Was sie zum Auftakt hören, ist nicht Musik, sondern eine Ansage.

von Helmut KunzProfil

„Sie saßen auf Ästen und sägten. Sie schrien sich ihre Erfahrungen zu, wie man besser sägen könnte und fuhren krachend zum Boden hernieder.“ Tja, Dummheit stößt dem Buchner Hans-Jürgen halt sauer auf. Das macht er gleich am Anfang deutlich.

Aber noch viel abstoßender findet der Kopf von „Haindling“ den Handy-Hype. Sein Tipp zur Entwöhnung: Einfach in den Wald gehen, ein Stück Holz in die Hand nehmen und das jeden Tag ein Stückchen kleiner machen, bis nichts mehr da ist.

Buchner ist Prediger und Schelm zugleich. Die meisten seiner Lieder sind feinsinnig und nachdenklich. Vor allem aber was fürs Ohr und herrlich arrangiert. Buchners Erfolgsliste ist lang: Titelmelodien für zwei Dutzend Spiel- und Dokumentarfilme und Fernsehserien. Bayerischer Verdienstorden, Bayerischer Poetentaler der Münchner Turmschreiber und Sigi-Sommer-Taler.

Der Weidener Lions-Club hat den Ausnahmekünstler und seine Combo in die Max-Reger-Stadt geholt. Zu einem Benefizkonzert zugunsten des Stadtbads. Eigentlich könnte Buchner seinen Gig ohne Band absolvieren. Praktisch im Alleingang. Der Soundtüftler spielt nämlich sämtliche Instrumente selber ein, mischt sie ab und singt dazu. Seine Mitstreiter braucht er nur für Konzerte. Und die begleiten ihn schon seit Jahrzehnten. Dieser Typ singt nicht nur in bayerischer Mundart, er personifiziert, er lebt sie.

Obwohl Buchner eigentlich zweisprachig aufgewachsen ist. Mutter Berlinerin, Vater Bayer. Sein Lieblingsthema bleibt natürlich nicht aus. Der bayerische Dialekt. Was er besonders hasst? Das Wort „lecker“, wenn's ein Bayer sagt. „Der Schweinsbraten war aber heut' wieder lecker." So spricht kein echter Bayer. Wenn ein Bayer lecker sagt, dann höchstens: „Du kannst mich am A... lecker.“ Das Konzert ist ein Mix aus Musik, Geschichten und Philosophie.

Vor 75 Jahren war er das erste Mal in der Stadt. Damals als Säugling auf der Flucht mit der Mutter aus dem bombardierten Berlin. „Meine Tante war Rot-Kreuz-Schwester und zufällig in Weiden. Die hat mich hier mit Milch versorgt." Buchner erinnert sich an ein Pärchen, das im Publikum sitzt und das vor vier Wochen vor seinem Haus in Geiselhöring auftauchte und um ein Autogramm bat. Bernd und Sabine Mende freuen sich und winken.

"Haindling" entwickeln auf der leuchtenden und glitzernden Bühne ihren unvergleichlichen Sound, so wie man ihn aus Serien kennt: „Zur Freiheit“, „Irgendwie und sowieso“. Musik, die das Publikum schier ausflippen lässt. Mitreißende Bläsersätze, nie laut und heftig, aber souverän mit urwüchsigem Temperament vorgetragen. "I hob di lang scho nimma g'sehn."

Nach einer Stunde stoßen plötzlich Alphörner über die Köpfen der Fans in den vorderen Reihen. "Haindling" spielen darauf die Titelmusik aus der Joseph-Vilsmaier-Doku „Bayern – sagenhaft“. Hans-Jürgen Buchner schätzt Dinge im Leben, die „viel scheener sind als Geld“. Und wenn er wieder mal eine Nacht im häuslichen Tonstudio verbringt und erst um fünf Uhr früh zu Bett geht, dann macht er sich eines klar: Auch seine Gegenfüßler auf den Fidschis tun das gerade.

Buchner preist Maultrommeln an. Mit dem Verkauf finanziert er ein Projekt, das eine vietnamesische Familie unterstützt. Seine Musik ist wie Magie, man kann sich ihr nicht entziehen. Den ganzen elektronischen Schnickschnack, den andere Bands für ihre Auftritte brauchen, kann man bei Buchner getrost vergessen. Natürlich gibt es enormen Applaus. Als Dankeschön reagiert die Band mit Kopfständen und dem Vorweisen weiß-blau bestrumpfter Wadel.

Das Lions-Fest vor dem Haindling-Konzert

Weiden in der Oberpfalz

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