19.03.2019 - 16:16 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Hausaufgabenhilfe des AK Asyl vor die Tür gesetzt

Seit 15 Jahren nutzt der Weidener Arbeitskreis Asyl für die Hausaufgabenhilfe die Räume in der Sedanstraße hoch droben im C&A-Gebäude. Rund 75 Flüchtlings- und Migrantenkinder werden hier betreut. Bis ein Anruf alles auf den Kopf stellt.

Seit 2004 nutzt der Arbeitskreis Asyl Räume im C&A-Gebäude für die Hausaufgabenhilfe von Migrantenkindern. Jetzt mussten Schüler und Betreuer ausziehen, da der Brandschutz nicht ausreichend gewährleistet ist.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

„Ich kann es immer noch nicht nachvollziehen“, sagt Jost Hess vom Arbeitskreis (AK) Asyl. „Aber ich muss die Entscheidung akzeptieren.“ Am Freitag vor den Faschingsferien hat Hess einen Anruf der Stadt erhalten, dass die Räume in der Sedanstraße ab sofort nicht mehr genutzt werden dürfen. „Zur Begründung wurde auf die Vorschriften zum Brandschutz verwiesen, die für größere Gruppen von Kindern gelten“, sagt Hess. In der Sedanstraße sei der zweite Fluchtweg problematisch, hieß es. Der führt bisher im Notfall durch ein Fenster über eine Außentreppe auf das Dach von C & A.

„Das ist alles bekannt, doch es hat nie ein Problem dargestellt“, weiß Hess. Er ärgert sich vor allem über den Zeitpunkt und die kurzfristige Information seitens der Stadt, die Mieterin ist. „Seit 15 Jahren nutzen wir die Räume, die wir kindgerecht hergerichtet haben.“ Erst kürzlich wurden für mehrere Hundert Euro ein Geschirrspüler und eine Tischtennisplatte angeschafft. Auch die Aktion „Sternstunden“ bedachte die Einrichtung mit 1700 Euro. „Dass wir jetzt raus mussten, macht die Kinder und die Betreuer sehr traurig.“

Jost Hess vom AK Asyl kann es nicht fassen. Die Hausaufgabenhilfe darf nach 15 Jahren die Räume in der Sedanstraße nicht mehr nutzen, weil der Brandschutz nicht eingehalten wird.

Wirtschaftsschule hilft aus

Immerhin stehen sie nicht auf der Straße. Seit den Ferien geht es für die Hausaufgabenhilfe in einem Anbau der Staatlichen Wirtschaftsschule weiter. Dort sind die rund 75 Schüler mit Migrationshintergrund (Realschüler und Gymnasiasten bis zur 11. Jahrgangsstufe) in Klassenzimmern auf drei Stockwerken untergebracht. Der Schule sei man sehr dankbar für ihr Entgegenkommen.

Jetzt versuchen die Lehrer und Betreuer nach und nach, die Einrichtung in die Sebastianstraße zu verlagern, um eine vertraute und gemütliche Umgebung zu schaffen. Für alle Beteiligten ein großer organisatorischer Aufwand. Auch das Mittagessen musste neu geregelt werden. „Hier half uns die Pfarrei St. Josef. Die Schüler können im Pfarrheim essen“, erklärt Hess.

Dass die Sperrung der Räume mit den Ferien zusammenfiel, sieht Baudezernent Oliver Seidel von der Stadt Weiden eher als Glücksfall. „So hatten wir wenigstens etwas Luft, eine Lösung zu finden.“ Feuerbeschauen würden regelmäßig von der Feuerwehr durchgeführt. Die in der Sedanstraße fand am 17. Januar statt, teilt Seidel auf Nachfrage mit. Das Ergebnis habe die Bauaufsichtsbehörde veranlasst, die Situation vor Ort zu prüfen. „In der Konsequenz daraus haben wir uns für den Nutzer kurzfristig um eine alternative Unterbringung bemüht“, so Seidel. Zu Hess’ Kritik, dass der AK Asyl zu kurzfristig informiert wurde, will er sich nicht näher äußern. „Die Situation ist für alle Beteiligten sehr unschön“, weiß der Baudezernent. Jedoch habe die Sicherheit der Kinder Vorrang. „Für die Gebäudenutzung mit Kindern gibt es besondere Vorschriften, da das Gefährdungspotenzial höher einzuschätzen ist“, verweist Seidel auf die sogenannte Sonderbaunutzung (siehe Infokasten). „Für uns war wichtig, dass die Schüler angemessen untergebracht sind. Mit der Wirtschaftsschule haben wir vorerst eine Lösung gefunden, die allen gerecht wird.“

Suche nach Alternative

Ob und wann die Räume in der Sedanstraße brandschutzsicher umgebaut werden, kann Seidel nicht sagen. „Es sind weitere Gespräche, unter anderem mit dem Vermieter, notwendig.“ Sollten die Räume nicht mehr nutzbar sein, müsse über die Unterbringung der Hausaufgabenhilfe neu nachgedacht werden. „Uns liegt sehr daran, eine dauerhafte Alternative zu finden“, so Seidel.

Den Arbeitskreis Asyl trifft es bereits zum zweiten Mal. Im Oktober 2018 mussten die Grund- und Mittelschüler der Hausaufgabenhilfe, die in der Asylstraße 18 betreut werden, in andere Gebäude ausweichen. Kaum jemand bekam davon etwas mit. „Unsere Schüler sind momentan auf drei Standorte verteilt“, sagt Jost Hess. „Volkshochschule, Pfarrheim St. Josef und Realschule. Kein schöner Zustand.“ Auch in der Asylstraße war Brandschutz ein Problem. Zumindest hier können die Räume im Parterre nach erfolgten Umbaumaßnahmen wieder bezogen werden. „Wir hoffen, dass das in rund vier Wochen der Fall sein wird“, sagt Hess, den die ganze Angelegenheit der vergangenen Tage sehr mitnimmt. Seit 30 Jahren engagieren er und seine Frau Ursula sich in der Hausaufgabenhilfe für Flüchtlings- und Migrantenkinder. Aktuell werden 270 Schüler betreut. „So viel Arbeit, Engagement und Geld, das hier reingesteckt wird. Und dann so was.“ Hess befürchtet, dass sie nicht mehr in die Sedanstraße zurückkommen.

Gesprächsbereitschaft signalisiert Vermieter Wolfgang Wies. „Die Stadt Weiden ist am Zug, wir werden uns nochmal zusammensetzen“, teilte er auf telefonische Anfrage knapp mit.

Zweiter Rettungsweg:

Das Bauordnungsrecht regelt unter anderem auch die Anforderungen an den Brandschutz. Es sieht in der Regel in Gebäuden zwei Fluchtmöglichkeiten im Notfall vor. Während der erste Fluchtweg oftmals über eie Treppe erfolgt, kann der zweite Fluchtweg auch über ein Hilfsmittel (zum Beispiel die Drehleiter der Feuerwerhr) führen, erklärt Baudezernent Oliver Seidel. Bei einer Sonderbaunutzung von Räumen sind jedoch von vornherein zwei sogenannte "bauliche Rettungswege" nötig. Dafür müssen auch die technischen Anforderungen (Lage, Ausstattung der Rettungswege) erfüllt sein. Im Fall der Räume in der Sedanstraße sei nicht nicht der Fall. (shl)

Brandschutz muss sein:

Die Einhaltung der Brandschutzbestimmungen stellt Hausbesitzer und Mieter immer wieder vor Herausforderungen:

  • Im Herbst 2016 musste die zweite Krippengruppe des städtischen Kinderhauses „Tohuwabohu“ mit sieben Plätzen schließen. Brandschutzbestimmungen verboten einen Betrieb einer Krippengruppe im Untergeschoss der Einrichtung. Der Schlafraum der Kinder erfüllte die Brandschutzauflagen nicht. Nach einer Umsiedelung ins Erdgeschoss gab es eine vorübergehende Betriebserlaubnis.
  • Im Juni 2017 musste die Taverne „Rhodos“ in Neustadt/WN schließen. Das Landratsamt bemängelte unter anderem eine fehlende Sicherheitsbeleuchtung und Kennzeichnung der Rettungswege im Lokal. Anderthalb Wochen hatte der Pächter deswegen keine Einnahmen. Erst dann rüstete der Hauseigentümer nach.
  • Im August 2018 musste der „Anker“-Kinosaal in Weiden für mehrere Wochen schließen. Grund war das Fehlen einer Brandschutztür, die die Besitzerin des Neue-Welt-Kinocenters nachrüsten musste.
  • Im Herbst 2018 stellte das Landratsamt den Kita-Betrieb im Alten Pfarrhof in Neustadt/WN infrage. Dort ist die Kindertagesstätte St. Joseph übergangsweise während ihrer Sanierung untergebracht. Geschätzte 35 000 Euro musste die Stadt in das Provisorium investieren. Unter anderem war gefordert, eine Fluchttreppe anzubauen, Brandschutzbleche anzubringen und das vorhandene Fallschutznetz im Treppenhaus zu ersetzen. Das alles für knapp zwei Jahre. (phs/shl/mte)
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