28.07.2021 - 18:55 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Helfer im Katastrophengebiet: "Das Schlimmste, was wir je gesehen haben"

Das große Aufräumen nach der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz hält an - mittendrin auch ehrenamtliche Helfer von THW, BRK und Feuerwehr aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN. Sie stellen sich auf einen längeren Einsatz ein.

Schuttberge wegräumen, wo sich eigentlich Urlaubsgäste tummeln sollten. Die Kräfte des THW Weiden halfen unter anderem bei den Aufräumarbeiten in einem Hotel. Vermisste wurden unter den Trümmern zum Glück keine mehr gefunden.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Thomas Schiller (41) engagiert sich seit 27 Jahren beim Technischen Hilfswerk (THW) in Weiden. Als wir am Mittwochvormittag mit ihm telefonieren, wird der erfahrene Zugführer kurz still, bevor er sagt: "Das ist die schlimmste Katastrophe. Und ich habe schon einiges gesehen." Seit Sonntag befindet sich der Zugtrupp aus Weiden mit weiteren THW-Einheiten aus dem Raum Hof im pfälzischen Ahrweiler. Schiller und seine Kollegen Jan Braunreiter, Tanja Reisinger und Thomas Riedl koordinieren die Abläufe vor Ort, was angesichts jeglicher fehlender Infrastruktur nicht einfach ist. "61 von 65 Brücken in der Gegend sind zerstört, die Straßen sind nicht mehr da, wo sie mal waren. Auch zwei Wochen nach dem Unglück gibt es keinen Strom, kein Wasser und keine funktionierende Kläranlage", schildert Schiller die Situation.

Vor allem einsturzgefährdete Gebäude müssen gesichert werden, auch der Schutt und das Geröll müssen weg. "Es regnet immer wieder, so dass der Schlamm rutschig wird. Mit einem normalen Pkw kommt hier keiner durch." Am Dienstag halfen die Weidener beim Ausräumen eines Hotels. Noch immer werden Menschen vermisst. Nachdem die Leichenspürhunde nicht anschlugen, wurde die Suche schließlich eingestellt.

Bundesstraße ist weg

Probleme bereiten die fehlenden Wege. "Es ist nichts mehr da. Über mehrere Kilometer ist eine Bundesstraße verschwunden. So was habe ich noch nicht gesehen", sagt der 41-Jährige. Das THW versucht zumindest die einzig verbliebene Brücke im Ort zu sichern. "Für die Bauarbeiten fehlt uns Holz", sagt der Zugführer. Es wurde schon vor Tagen bestellt. Der bundesweit herrschende Baustoffmangel sei auch im Katastrophenfall ein Problem.

Reger Betrieb herrscht auch in der Luft. Hubschrauber der Bundeswehr und Bundespolizei fliegen Rettungskräfte oder Baumaterial ein. Landeplatz ist ein verlassener Fliegerhorst unweit der Stadt. Hier hat der Weidener THW-Trupp sein Lager aufgeschlagen, denn es gibt keine Unterkünfte. "Kein Strom, kein Wasser. Macht nichts. Wir haben alles dabei, um uns selbst zu versorgen. Außerdem mehrere 1000-Liter-Wassertanks zur Versorgung der Bevölkerung." Am Montag war ein weiterer Lkw mitsamt Sanitärcontainer nachgerückt.

Für Schiller und seine Kollegen geht es am Donnerstag wieder nach Hause. "Doch Ende nächster Woche könnte der nächste Marschbefehl kommen. Weitere zwölf THW-Helfer stehen ebenfalls auf Abruf. Darunter die Fachgruppe Räumen, die Bergungsgruppe und die Helfer der Notversorgung. "Wir müssen das Personal immer wieder durchtauschen, damit wir uns erholen können. Der Marschbefehl kann innerhalb weniger Stunden kommen", sagt Schiller und dankt vor allem den Arbeitgebern, die die überwiegend ehrenamtlichen Helfer freistellen. Das sei nicht selbstverständlich.

"So was noch nicht gesehen"

Den Hut vor ihren ehrenamtlichen Kräften und deren verständnisvollen Arbeitgebern ziehen auch BRK-Kreisbereitschaftsleiter Thomas Rauch und Silvia Pfendt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Die Zugführerin beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) kehrte am Sonntagabend vom Hilfseinsatz in Rheinland-Pfalz zurück. Das aus 13 Personen bestehende Betreuungskontingent war für die Verpflegung dort verantwortlich. Einsatzort war Bad Neuenahr. "Ich bin froh, dass ich alle wieder heil nach Hause gebracht habe", sagt Pfendt. Die 42-Jährige bringt so schnell nichts aus der Fassung. Doch die Eindrücke der Verwüstungen wirken nach. "Da ist einfach nichts mehr. Keine Straße, Brücke, nichts. Das habe ich noch nicht gesehen." Noch am Sonntag bei der Abreise hätten die Leute keinen Strom gehabt.

Mit ihrer Feldküche waren die BRK-Helfer aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN so etwas wie ein Ankerpunkt im herrschenden Chaos. Denn auch Einsatzkräfte und die betroffene Bevölkerung müssen essen, um bei Kräften zu bleiben. "6000 Essen haben wir pro Tag rausgegeben. Man hat gespürt, wie wichtig unsere Arbeit ist." Die Köche schliefen zum Teil bei der Küche, um morgens um 6 Uhr Kaffee zu kochen. "Da hatten wir schon eine Stunde Anfahrtsweg für 15 Kilometer hinter uns", sagt Pfendt. Die Arbeitstage endeten meist gegen 23 Uhr.

Hilfe für die Helfer

Insgesamt sei die Stimmung am Unglücksort sehr gedrückt. Kein Wunder, bei all dem Leid. Eindrückliche Bilder, die jeden der Helfer, besonders die jungen, auch nach dem Einsatz nicht loslassen. Noch vor der Abfahrt traf man sich zu Gesprächen, um das Gesehene einzuordnen. Und auch nach Rückankunft in Weiden ging die Truppe nicht gleich auseinander. Ein Team der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) nahm die Helfer in Empfang. "Wir waren zwar alle müde, aber wir wollten reden und saßen lange zusammen", sagt Silvia Pfendt. "Das tat gut und wir konnten alle mit etwas weniger Last nach Hause gehen." Gesprächsangebote seien nach jedem Einsatz wichtig, erklärt Thomas Rauch. Das Leid müsse verarbeitet und die Helfer auch geschützt werden. "Das sind wir unseren Ehrenamtlichen schuldig". Wer auch nach Tagen sich etwas von der Seele reden möchte, für den hat das BRK vorübergehend ein Notfalltelefon eingerichtet.

Am Mittwochabend kehrten auch die beiden Rettungssanitäter samt Krankenwagen gemeinsam mit dem Hilfskontingent der Feuerwehren zurück. Weitere Einsätze für die freiwilligen Helfer werden vermutlich folgen, sagt Rauch. Auch das BRK halte wie das THW seine Kräfte in Rufbereitschaft. Denn der Einsatz könnte noch mehrere Wochen andauern.

Feuerwehren helfen im Unglückgebiet

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Helfer allzeit bereit

Wie glücklich dürfen wir uns alle eigentlich schätzen, wenn uns nach Unglücksfällen oder größeren Katastrophen plötzlich wildfremde Menschen zu Hilfe eilen. So führt auch das Krisenmanagement in den Überschwemmungsgebieten in Rheinland-Pfalz eindrucksvoll vor Augen, was Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, die Feuerwehren und sämtliche weitere Hilfsorganisationen zu leisten imstande sind. Dabei darf sehr wohl nochmal betont werden, dass es sich hier in der überwiegenden Mehrheit um ehrenamtliche Helfer handelt, die Zeit und Mut im Dienst der Allgemeinheit aufbringen. Nicht selbstverständlich, schon gar nicht in Coronazeiten. Deshalb einfach mal ein dickes Dankeschön an dieser Stelle!

Von Stephanie Hladik

 

 

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