20.10.2021 - 09:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Holocaust-Zeitzeuge spricht an Wirtschaftsschule Weiden

Mit "kleinen Gschichteln" fasziniert ein Holocaust-Überlebender zwei Klassen der Gustl-Lang-Schule Weiden. Ein Projekt zu Nationalsozialismus zu bearbeiten, ist das eine. Etwas ganz anderes ist es, einem Überlebenden gegenüber zu sitzen.

Josef Salomonovic erzählt den gespannten Schülern "Gschichteln" aus dem KZ
von Kira LorenzProfil

Die Projektion an der Wand der Wirtschaftsschule Weiden zeigt Schwarz-Weiß-Fotos auf einem Tablet. Rechts daneben eine Europakarte mit der Aufschrift "Expansion Hitlers (1937-1945)". Geschichte wird hier gerade in die Gegenwart geholt. Josef Salomonovic, 83 Jahre alt, besucht am Donnerstagvormittag die Schule, um von seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zu berichten. Mit dabei hat er seinen Sohn Peter und seine Frau Elisabeth, mit der er seit 1971 in Wien lebt. Seine Frau hilft ihm, die passenden Worte zu finden, denn Salomonovic wechselt zwischen mehreren Sprachen. Immer wieder verpackt er das Grauen des Holocaust für die gespannten Neunt- und Zehntklässler in Geschichten. Geschichten aus der Sicht eines kleinen Kindes.

Kindheit im KZ

Als Salomonovic mit Eltern und Bruder in das Ghetto Litzmannstadt deportiert wird, ist er gerade einmal dreieinhalb Jahre alt. Die Details haben sich trotzdem eingebrannt. Anschaulich beschreibt er den unbeschreiblichen Hunger und die bittere Kälte. Er erzählt davon, wie er einer Blocksperre entgangen ist, dadurch aber seine Spielkameraden verloren hat. Immer wieder wurden dabei die Arbeitsunfähigen eingesammelt und zur Vergasung gebracht. Zur Selektion wurde die Familie 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sein Vater mit einer Giftspritze ermordet wurde. Im "fürchterlichsten Lager überhaupt", dem KZ Stutthof bei Danzig, blieben ihm grauenhafte Anblicke erspart, weil er zwischen den Beinen seiner Mutter stand und nur die Rücken der Frauen vor ihm sehen konnte. Im Viehzug transportierte man die Familie dann ins Außenlager Dresden des KZ Flossenbürg. Hier wurde er während einer Blocksperre gefunden, in letzter Minute rettete ihn jedoch das Chaos durch die Fliegerbomben. Auf dem Todesmarsch durch Böhmen konnte die Familie auf einen Bauernhof flüchten, wo sie schließlich durch Amerikaner befreit wurde. Salomonovic erzählt von diesem Tag: "Sie hatten zwei Liter Kirschkompott dabei. Die hat mein Bruder auf einmal ausgetrunken. Mit dem Durchfall war der Zweite Weltkrieg dann vorbei."

Interessierte Nachfragen

Die Schüler der 9aG und 10aG beschäftigen sich beim Projekt "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" unter Anleitung der Lehrerinnen Heike Krafczyk und Ursula Soderer mit den Facetten des KZ Flossenbürg. Den Vortrag filmten sie mit, um anschließend einen Film zu produzieren. Und sie haben Fragen vorbereitet. Mehrere Schüler wollen die Gedanken und Gefühle wissen, die Salomonovic während der Torturen hatte. Darauf hat der 84-Jährige aber selten eine konkrete Antwort. "Das ist schwer zu beschreiben", meint er. Trotzdem habe er immer Hoffnung gehabt, "das muss man". Auch erzählt er von SS-Männern, mit denen er später zusammengearbeitet hätte. Hier merkt man seine differenzierte Denkweise, er lässt sie ihre Seite durch seine Stimme erzählen. Schließlich hätten viele schon in jungen Jahren keine Wahl gehabt, sich der SS anzuschließen. Trotzdem sei Salomonovic immer vorsichtig gewesen, mit wem er seine Geschichte teilt.

Gelebte Erinnerungskultur

Salomonovic hat Geschichte hautnah miterlebt, dieses Wissen müsse am Leben erhalten werden, erklärt Schulleiterin Martina Auer-Bertelshofer. Schon seit mehr als zehn Jahren erzählt deshalb Salomonovic vor allem in Deutschland von seinen Erinnerungen. Warum er sich die Mühe mache, fragt Lehrerin Soderer. "Lustig sind sie nicht, solche Gespräche. Aber wichtig", entgegnet er und erklärt in Richtung der Schüler: "Seid froh, dass ihr nicht unter einer Diktatur lebt, keine Ausbildung zum Sturmbannführer machen müsst." Und sie sollen auf eines besonders achten: Es niemals dazu kommen zu lassen, dass sich etwas wie der Holocaust wiederholen kann.

Der letzte KZ-Wärter von Flossenbürg ist tot

Flossenbürg
Info:

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

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  • Ab einer Inzidenz von 35 Zutritt der Ausstellungsgebäude nach der 3G-Regel
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