28.07.2021 - 16:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Impfbereitschaft in Weiden und Neustadt/WN weiter im Sinkflug

Richtig deutlich sagt es keiner, aber Fakt ist: In den Impfzentren Weiden, Pressath und Vohenstrauß herrscht allmählich tote Hose. Das bereitet den Organisatoren und Medizinern ziemliche Sorgen.

Die Kabinen im Impfzentrum Weiden bleiben zunehmend leer, obwohl Termine und Impfstoff so reichlich und so schnell zu haben wären, wie noch nie.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Theoretisch könnten in Weiden täglich 500 Menschen sowie in Pressath und Vohenstrauß 300 eine Spritze gegen das Coronavirus erhalten. So viele Kapazitäten hätten die drei Impfzentren. Impfstoff ist ebenfalls ausreichend vorhanden. Würde in dieser Schlagzahl gepikst und zusätzlich in den Praxen niedergelassener Ärzte, wäre Mitte September wahrscheinlich eine Impfquote von weit über 80 Prozent erreicht. Von der heißt es, sie könne die Ära ohne Maskenpflicht und Lockdown-Angst einläuten.

Hätte, wäre, könnte: Die Realität sieht so aus, dass in den letzten sieben Tagen nur 443 Menschen in Weiden und dem Landkreis zur Erstimpfung in die Impfzentren gekommen sind sowie 221 zur Zweitimpfung. "Dramatisch gesunken", nennt Zentrumsleiter Thomas Rauch diese Entwicklung. Und das, obwohl neben Impfstoff auch Termine kein Problem mehr sind. In allen drei Standorten sind montags bis samstags von 10 bis 13 Uhr Impfungen ohne vorherige Anmeldung möglich. Mitzubringen sind lediglich Personalausweis und Impfpass. Sofern es die Eltern wünschen, können in diesem Zeitraum auch Kinder ab zwölf Jahren ein Vakzin erhalten.

Auch bei Hausärzten und Fachärzten von der Gynäkologin bis zum Radiologen kann man sich unkompliziert eine Spritze verabreichen lassen. Die Nachfrage hält sich jedoch sehr in Grenzen. Bei den Niedergelassenen in Weiden holten sich von 20. bis 27. Juli gerade einmal 24 Menschen die Erstimpfung ab, im Landkreis 71 (Zweitimpfungen: Weiden 148, Landkreis 337).

Kaum Druck aus der Politik

"Wir sehen nicht mehr Impfeuphorie als vor einem Jahr. Alle, die wollten, hatten schon", sagt Weidens Hausärztesprecher Dr. Matthias Loew. Er beobachtet, dass diejenigen, die wegen einer Urlaubsreise eine Impfung haben wollten, wohl ebenfalls schon da waren. Inzwischen kämen häufiger Menschen, die im Hinblick auf den Schulbeginn im Herbst ein Spritze verlangten, sprich Eltern, die ihre Kinder mitbringen.

Die Ankündigung aus der Politik, dass Covid-Tests möglicherweise künftig aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, wirkt noch nicht als Druckmittel, erklärt Dr. Martin Poschenrieder, der Sprecher der Landkreisärzte. Das Rote Kreuz, das Landratsamt und die Stadt Weiden wollen daher das niederschwellige Impfangebot, also Impfen in der Fläche, ausweiten. Wie Thomas Rauch erklärt, soll bis Mitte nächster Woche ein Plan stehen, wo ein mobiles Impfmobil den Impfstoff näher zu den Menschen bringen soll: in Stadtteile, in Dörfer, vor Supermärkte, an Freizeiteinrichtungen.

Rauch fürchtet, dass in den drei Impfzentren bald noch weniger los sein wird. Die ersten beiden Augustwochen stünden noch etliche Zweitimpfungstermine an, aber dann reißt es wohl ab, wenn nicht noch mehr Impfwillige dazukommen. In Pressath und Vohenstrauß dürfte daher mit Erstimpfungen bald Schluss ein, kündigt Claudia Prößl, die Sprecherin des Landratsamts, an. Zweitimpfungen dürften dort aber noch bis Ende September möglich sein.

Unter dem Bundesschnitt

Stichhaltige Begründungen für die zunehmende Impfmüdigkeit hat niemand so recht. Die Praktiker erleben aber immer wieder Erstaunliches. Zur mobilen Impfaktion "Freibier für Spritze" am vergangenen Wochenende in der Weidener Fußgängerzone machten sich 120 Menschen auf. Nicht übermäßig viele, aber Impfwillige, die extra wegen des Stoffs von Johnson & Johnson kamen. Weil es bequemer ist, da man davon nur eine Dosis statt zwei braucht. Unter diesen Impfwilligen war auch eine 93-Jährige, die alle anderen Vakzine nicht wollte.

Zur Statistik: Am Stichtag 27. Juli sind in den Impfzentren seit Beginn der Kampagne 52514 Menschen als erstgeimpft und 43689 als zweitgeimpft registriert. In den Weidener Arztpraxen wurden 8697 Erstimpfungen (Landkreis 17703) und 6708 mal eine zweite Dosis (Landkreis 14252) verabreicht. Legt man in der Region 138000 Einwohner zugrunde, liegt die Impfquote bei 46,8 Prozent Zweitimpfungen und 57,18 Prozent Erstimpfungen. Bundesweit sind es 50,2 Prozent komplett Geimpfte und 61,1 Prozent Erstgeimpfte.

Luftfilter in Klassenzimmern gegen Viren? Die Diskussion im Stadtrat von Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Impfzonen-Randgebiet

Das Klinikum: die Intensivbetten fast voll. Die Sieben-Tage-Inzidenz: über 300. Die Seniorenheime: Besuchsverbot. Die Ausgangsbeschränkung: ab 21 Uhr.

Schon vergessen? Das alles ist noch kein Jahr her. Der Blick auf die aktuellen Impfzahlen wirft daher kein gutes Licht auf die Region. Die Quote bewegt sich unter dem Bundesdurchschnitt. Und das, obwohl die Stadt Weiden zwischenzeitlich mal die dritthöchste Inzidenz bundesweit hatte und im benachbarten Amberg die Zahlen wieder klettern. Und obwohl das nordoberpfälzische Grenzland im Frühjahr Sonderzuteilungen an Impfstoff bekommen hat, weil die Pandemie sonst einfach nicht in den Griff zu kriegen war.

Trotzdem verirrten sich die vergangenen sieben Tage gerade einmal 443 Menschen zur Erstspritze in eines der drei Impfzentren der Region, die inzwischen Impfungen ohne Termin anbieten. Zieht man rund 15 bis 18 Prozent der Bevölkerung ab, nämlich die Unter-18-Jährigen, ist dies beschämend.

Man kann nur hoffen, dass die vorbildliche Initiative der Weidener Wirte und des Roten Kreuzes vom vergangenen Wochenende Nachahmer findet, wenn demnächst vor Supermärkten ein Impfmobil parkt.

Allen Verweigerern und Impfbummlern, bei denen Appelle an gesellschaftliche Solidarität nicht fruchten, möchte man in der Zwischenzeit nur Glück wünschen. Mögen sie nie in die Situation kommen, dass eine Krebsbehandlung oder eine orthopädische OP verschoben werden müssen, weil gerade wieder die Klinikbetten mit Covid-Patienten volllaufen.

Von Friedrich Peterhans

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Marcus Kunert

,

30.07.2021