13.05.2019 - 15:16 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ein Jahr neue Bereitschaftspraxis: Noch kleinere Eingriffe nötig

Im nächsten Monat wird es ein Jahr, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst gründlich umgekrempelt worden ist. In Bayern gibt es jetzt 109 Bereitschaftspraxen. Vieles läuft gut, aber es gibt auch noch etwas zu verbessern.

Eigentlich sollten die Patienten bequem und schnell die Bereitschaftspraxis im Klinikum Weiden über einen eigenen Zugang (rechts) neben der neuen Notaufnahme in der Söllnerstraße erreichen. Doch brandschutztechnische Gründe lassen dies an dem neuen Gebäude nicht zu.
von Martin Staffe Kontakt Profil

Das neue Modell der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) startete im Juni 2018. Seitdem gibt es für Weiden und den Landkreis Neustadt eine Bereitschaftspraxis, die im Klinikum Weiden eingerichtet worden ist, und eine für den Landkreis Tirschenreuth, die sich im Tirschenreuther Krankenhaus befindet. Beide sind außerhalb der regulären Praxiszeiten geöffnet und können von Patienten ohne Voranmeldung aufgesucht werden.

Das Untersuchungszimmer für rund 130 000 Menschen in Weiden und im Kreis Neustadt befindet sich neben der neuen Zentrale Notaufnahme. Leider haben sich Pläne jetzt endgültig zerschlagen, dass die Kranken über einen eigenen Zugang in der Söllnerstraße schnell und bequem die Praxis erreichen. Die dafür vorgesehene Tür in dem Neubau war von Anfang an aus brandschutztechnischen Gründen gesperrt. "Die Tür kommt jetzt ganz weg", kündigt Klinikums-Pressesprecher Michael Reindl an. Das bedeutet, dass die Kranken auch weiterhin quer durch das Klinikum laufen müssen.

Unterschiedliche Systeme

Dr. Matthias Loew, der als Mitglied des Bereitschaftsdienst-Ausschusses bei der KVB die Reform mit auf den Weg gebracht hat, sieht die Erwartungen erfüllt: "Die neuen Praxen laufen völlig unproblematisch." Die Ärzte müssten sich aber ein wenig umgewöhnen und etwas anders arbeiten als in der eigenen Praxis. Vor allem das Computersystem sei "etwas hakelig". Ein Kritikpunkt ist für den Weidener Mediziner, dass die Daten und die Arbeit, die er während des Notdienstes in der Bereitschaftspraxis auf dem PC erfasst, nicht auf das System in seiner Praxis überspielt werden können. Aber wie das Problem gelöst werden kann, dafür weiß er auch keine Lösung. Die Praxen sind laut Loew inzwischen auch relativ gut frequentiert. Vor allem mittwochs und freitags sei ordentlich etwas los. Trotzdem gebe es aber immer wieder einmal Leerlauf. In der KVB sei man sich daher bewusst, dass die Öffnungszeiten auf den Prüfstand müssen.

Gut angenommen werde auch der Fahrdienst. Die Auslastung sei in Ordnung, vor allem auch wegen der weiten Wege, die bei Patientenbesuchen in dem großen Flächenlandkreis zurückgelegt werden müssen. Von den fünf Autos sei daher noch keines abgezogen worden. Besonders angenehm findet Loew jetzt die Dienstplangestaltung. Jeder Arzt könne sich online selbst eintragen.

Für die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) ist die Neuorganisation ebenfalls ein Erfolg. "Die Bereitschaftspraxen sind alle gut angelaufen", lautet das Fazit von Presseprecherin Birgit Grain. Am 3. April sei im schwäbischen Aichach die letzte, schon sehnlichst erwartete Praxis - die 109. im Freistaat - in Betrieb genommen worden. Auch wenn es in einigen Einrichtungen bei der Frequentierung noch Luft nach oben gebe, seien die Rückmeldungen flächendeckend positiv. Die ärztlichen Bereitschaftspraxen, die die Akut- und Notfallversorgung sicherstellten, seien ein Standortfaktor. Die Zusammenarbeit mit den Kliniken sei gut.

Doppelte Kosten

Dass die Bereitschaftsärzte Patienten nur einen oder am Wochenende zwei Tage krankschreiben, sei bewusst so festgelegt worden. Die Bereitschaftspraxis gewährleiste schließlich nur die Akutversorgung und ersetze nicht die normale Sprechstunde. Ansonsten würde das System an seine Grenzen stoßen. Am nächsten Tag müsse der Kranke seinen Hausarzt aufsuchen, der ihn dann noch einmal untersuche. "Die doppelten Kosten muss man in Kauf nehmen."

Die finanzielle Ausstattung sei solide. Jeder Arzt zahle 2,5 Prozent seines Honorars an die KVB. Aus diesem Topf würden die Bereitschaftspraxen mitfinanziert. Und auch die Krankenkassen seien bereit, sich mit zusätzlichen Mitteln daran zu beteiligen, verrät Grain. Die Vergütung der diensthabenden Mediziner setze sich aus Pauschalen zusammen, die je nach Uhrzeit und Wochentag unterschiedlich hoch ausfielen. Hinzu kämen weitere Abrechnungsziffern, die im Rahmen der Gebührenordnung abgerechnet werden könnten, zum Beispiel eine Wundversorgung oder eine Urinuntersuchung.

Und auch die Kassen haben offenbar keinen Grund zu klagen. "Vonseiten unserer Versicherten in Weiden und Tirschenreuth sind uns bisher keine Beschwerden bekannt", stellt Hans Kost, Regionalgeschäftsführer der Barmer in Weiden, fest. Die Kasse befürworte ausdrücklich einen funktionierenden Bereitschaftsdienst, inklusive Fahrdienst. "Genau aus diesem Grund unterstützen wir die KVB seit Jahren finanziell, um diese Strukturen sowohl für die Patienten zu optimieren, als auch den geänderten Arbeitsbedingungen der Ärzte Rechnung zu tragen."

Kommentar:

Ärzte die Gelackmeierten

Wer außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten medizinische Hilfe braucht, sucht die ärztliche Bereitschaftspraxis im Klinikum Weiden oder im Krankenhaus Tirschenreuth auf. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich. Der diensthabende Doktor schreibt den Patienten allerdings nur solange krank, bis dessen Hausarzt wieder Dienst hat. Wenn sich ein Patient zum Beispiel am Sonntag beim Bereitschaftsarzt vorstellt und arbeitsunfähig ist, wird er, wenn erforderlich, für den Sonntag krankgeschrieben. Am Montag muss er dann zu seinem Hausarzt. Dieser darf ihn dann länger krankschreiben. Das bedeutet aber, dass der Kranke noch einmal Wartezeiten und eine erneute Untersuchung in Kauf nehmen muss.
Jetzt könnte man meinen, dass auch die doppelten Kosten anfallen. Schließlich rechnet der Bereitschaftsarzt ab und am Montag für die nochmalige Behandlung auch der Hausarzt. Dr. Matthias Loew sagt, die Kosten entstehen nur für die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB), nicht aber für die Krankenkassen. Denn letztere würden pro Quartal einen bestimmten Betrag für jeden Patienten zur Verfügung stellen. Aufgabe der KVB sei es, diese Summe gerecht an alle Ärzte zu verteilen. Je mehr Mediziner ein Patient im Quartal aufsucht, umso weniger verdienen die Ärzte. Sie sind also die Gelackmeierten - und nicht die Kassen.

Martin Staffe

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