22.11.2019 - 11:04 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Julian Nida-Rümelin: Soziale Medien gefährden Demokratie

Für viele ist Julian Nida-Rümelin der wichtigste und bekannteste Philosoph in der heutigen Zeit. An der OTH in Weiden hat er nun einen Vortrag gehalten – und nicht nur die Sozialen Medien kritisiert.

Prominenter Redner in Weiden: Philosoph und ehemaliger Staatsminister Professor Julian Nida-Rümelin spricht in der OTH.
von Siegfried BühnerProfil

„Sie haben einen Philosophen engagiert“, sagte Professor Julian Nida-Rümelin zu den anwesenden Firmenvertretern und Betriebswirtschaftsprofessoren in der OTH in Weiden. Bei der 16. "Partner Circle"-Veranstaltung an der OTH sprach der Wissenschaftler und ehemalige Staatsminister über das Thema „Unternehmensethik im digitalen Zeitalter“.

Der Abend sollte einer der Höhepunkte des 25-jährigen OTH-Jubiläums sein. Mit einer kurzen Rückschau auf die Wirtschaftsgeschichte in der Zeit der Zünfte und der späteren Industrialisierung begann Nida-Rümelin seinen Vortrag und stellte grundsätzlich fest: „Ohne Märkte geht es nicht.“ Erinnert wurde dabei an bekannte Namen wie Adam Smith, Max Weber oder Vilfredo Pareto. Mit Hinweis auf Misswirtschaft und Umweltzerstörung in der früheren DDR bezeichnete Nida-Rümelin die Politiker Bernie Sanders aus den USA und Jeremy Corbyn aus England als „Träumer“.

Alle folgenden Ausführungen präzisierten das Bekenntnis zur Marktwirtschaft, denn der Referent meinte: „Aber es kann nicht alles Markt sein.“ Und am Ende warnte er sogar vehement vor dem drohenden Ende der Demokratie. Der gedankliche Weg dorthin begann mit den Feststellungen „Ohne Wahrhaftigkeit und Vertrauen ist eine Unternehmenskultur nicht funktionsfähig“ und „Ohne Ethos ist eine rationale erfolgreiche Unternehmenspraxis nicht möglich“. Das Funktionieren von Märkten und die Kommunikation untereinander setzen laut Nida-Rümelin eine gemeinsame Ethik voraus. Im Dieselskandal sei dagegen verstoßen worden. Auch müsse den Menschen als Persönlichkeit begegnet werden und nicht nur als ökonomische Objekte. An dieser Stelle erschien im Vortrag erstmals das Wort Digitalisierung.

„Ich glaube an die Dynamik der Digitalisierung, aber das meiste steht noch bevor.“ Aktuell ist laut Nida-Rümelin in die Umsetzung digitaler Technologien „Ethik nicht intrinsisch eingeschrieben“. Stichworte sind „marketinggetriebene Wertschöpfung“, „algorithmengesteuerte Kommunikation und Märkte“ und „Einschränkung der informationellen Selbstbestimmung“.

In der Kommunikation innerhalb der Sozialen Medien („schreckliche Form“) bestehe die Gefahr des „Rückfalls in den Tribalismus“, bei dem jeder sich nur noch in seinem Stamm bewegt. Zeitungsleser bilden in den USA eine winzige Minderheit, die große Mehrheit bewege sich ausschließlich in den Sozialen Medien. Hierin liegt laut Nida-Rümelin eine Eigendynamik, die er für demokratiegefährdend hält. Vorgänge wie im Falle von Cambridge Analytica könnten eines Tages Wahlkämpfe unnötig machen. „Ich plädiere deshalb für eine öffentlich-rechtliche Kommunikationsstruktur vergleichbar mit Rundfunk und Fernsehen.“ Nachteile gebe es zwar auch dort, aber Vielfalt sei zwingend vorgeschrieben.

Fragen der Zuhörer betrafen zukünftige Entwicklungen im Digitalisierungsprozess. Nida-Rümelin befürwortet eine „vernünftige Steuerung der digitalen Entwicklung, die dem Interesse der Menschheit Rechnung trägt“. Unter anderem erwartet er nicht, dass hohe Prozentsätze der Arbeitnehmer freigesetzt werden, sondern dass sich neue Tätigkeitsstrukturen entwickeln werden. Wenig hält er auch davon, dass Roboter bald intelligenter als Menschen sind und dass innerhalb eines superintelligenten Computersystems so etwas wie Bewusstsein entstehen kann. „Ein Computer besitzt eine Zuordnungsfunktion und ist kein semantisches Wesen“. Als neue Mitglieder des "Partner Circles" wurden begrüßt Telepaxx Medical Data, Krones AG und BAM.

Kommentar:

Nida-Rümelin verdient Komplimente

Sprache kann fast so schön klingen wie Musik. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin tauchte seine Zuhörer in höchste Formulierungskunst. OTH-Professor Horst Rottmann sagte in seiner Wortmeldung: "Es war der beste Vortrag, den ich je in der Hochschule gehört habe." Rottmann ist jemand, der von Beginn an zur Hochschule gehörte. Das Kompliment hat der Redner verdient. Er erweckt den Eindruck des umfassenden Gelehrten, der in allen Wissenschaftsdisziplinen zuhause ist. Nicht umsonst sagt er: "Die Philospohie ist die Mutter aller Wissenschaften". Alle Sätze sind gespickt mit Namen, Symbolen und Bezügen. Als Zuhörer wird man ganz bescheiden.

Siegfried Bühner

OTH-Präsidentin Andrea Klug begrüßt Professor Julian Nida-Rümelin und die Gäste des "Partner Circle" der OTH.
Dekan Bernt Mayer (links) und Professorin Lisa-Marie Schöttl moderieren die Fragerunde mit Julian Nida- Rümelin.
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