Weiden/Wiesau. (ca) Die Familie hält seit 2015 Kamele als Haustiere. Die Liebe zu den "Wüstenschiffen" entstand bei einem Urlaub auf Fuerteventura. 2016 starb eine gerade neu erworbene Stute, die noch dazu trächtig war. Insgesamt fordern die Tierhalter, vertreten durch Anwalt Franz Schlama, rund 10 000 Euro: Der Kaufpreis für das Kamel habe 6500 Euro betragen. Das Fohlen, eine Fehlgeburt während der Krankheit, wird mit 4000 Euro angesetzt.
Der Tierarzt aus dem Landkreis Tirschenreuth war 2016 konsultiert worden, weil die Stute an Durchfall litt. Eine Laborprobe ergab Peitschenwürmer im Darm. Der Veterinär kannte diese Diagnose von Rindern, ebenfalls Paarhufer, und behandelte das Kamel genauso. Aber: Ein Kamel ist nicht vergleichbar. "Es hat eine andere Physiologie, andere Nahrungsverwertung und Verdauung", sagt Wiesner, Fachtierarzt für Zootiere. Bei Kamelen sind Peitschenwürmer lebensgefährlich. Kamele brauchen eine mehrwöchige Langzeitbehandlung - bei Rindern reichen drei Tage. Ohnehin hilft das gängige Rindermedikament nicht. Das Präparat für Kamele sei aber noch nicht zugelassen. "Woher soll das ein ganz normaler Tierarzt in der Oberpfalz wissen?", fragt Anwältin Kathrin Graml-Hauser für den Veterinär.
Rat: Anruf im Zoo
Wiesner sieht dennoch einen "groben Behandlungsfehler": "Wenn ich als Rinderpraktiker an ein Kamel herantrete, dann muss ich mich sachkundig machen." Spätestens, als der Laborbefund vorlag und die Beschwerden nicht abklungen, hätten "die Alarmglocken schrillen" müssen. Der Wildtier-Experte räumt ein, dass es praktisch unmöglich ist, sich zum Thema einzulesen: "Das ist Neuland. Dazu ist nichts veröffentlicht." Das Phänomen der tödlichen Trichuris trete nur in der europäischen Klimazone auf, nicht in heißen, trockenen Wüstenregionen.
Solche Fälle würden bei einer jährlichen internationalen Fachtagung besprochen. Seine Empfehlung wäre gewesen: "Er hätte im Zoo Nürnberg oder bei mir anrufen können." Wiesner betreibt eine Praxis für Zoo- -und Gehegetiere in München und ist Vorstand der Akademie für Zoo- und Wildtierschutz. Er sagt: "Nele" hätte mit "80 bis 90 Prozent Wahrscheinlichkeit" gerettet werden können.
Friedfertiges Reittier
Die Anwältin des Tierarztes nimmt diesen in Schutz: "Er hat sich redlich bemüht." Er habe versucht, einen Ansprechpartner in einer Tierklinik zu erreichen. Zum anderen habe er mit zwei Kollegen telefoniert, die ihm von der Tierhalterin als kompetent genannt worden seien. Diese hätten seine Behandlung bestätigt. Die Besitzer wechselten schließlich den Tierarzt, das Kamel starb trotzdem. Wiesner: "Wenn das Tier nicht das Pech gehabt hätte, beim zweiten Tierarzt wieder falsch behandelt zu werden, dann hätte es überlebt."
"Das ist kein sonnenklarer Fall." Richter Hys rät zum Vergleich statt zum langen Ritt durch die Instanzen: "Dann gehen die Kamele nach Nürnberg." Der Gutachter schätzt den Wert der Stute auf maximal 6000 Euro, des Fohlens auf 200. Laut Beisitzerin handelte es sich bei "Nele" um ein friedfertiges Reittier, das bei Kindergeburtstagen und im Ferienprogramm im Einsatz war.
Am Ende einigen sich die Parteien auf 3500 Euro. Der Vergleich erfolgt widerruflich: Die Haftpflichtversicherung des Tierarztes hat sich noch nicht geäußert. "Der, der nicht hilft, ist juristisch vielleicht besser dran", meint Richter Hys in Richtung des Tierarztes: "Sie haben schon so vielen Tieren geholfen in Ihrem Leben, bei dem Kamel hat es mal nicht geklappt." Womöglich hätte er es damals "besser in die Wüste geschickt".
Die Familie hält mit ungebrochener Leidenschaft derzeit fünf Kamele. Die Visitenkarte des Zoodirektors nimmt man gerne mit nach Wiesau.













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