26.04.2019 - 11:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kaum künstliches Koma im Klinikum

Das ist eine der schlimmsten Vorstellungen: Ein Angehöriger liegt auf der Intensivstation. Es piepsen Geräte, Schläuche hängen herum. Die Atmosphäre ist bedrückend. Nicht so auf der Interdisziplinären Intensivstation 83 am Klinikum Weiden.

Praktische Inhalte nah am Patienten vermitteln: das ist der Kern der Workshops, in denen das Team der Interdisziplinären Intensivstation 83 am Klinikum Weiden um Leiter Andreas Faltlhauser bereits mehr als 500 Teilnehmer aus ganz Deutschland geschult hat.
von Externer BeitragProfil

Lange Zeit war unter Intensivmedizinern die Versetzung in ein künstliches Koma ein anerkanntes und in der klinischen Routine häufig angewendetes Verfahren. Seit etwa 15 Jahren wissen Mediziner aber, dass diese Technik in vielen Fällen nicht dem Behandlungserfolg dient, sondern den Patienten schadet. „Patienten haben durch länger dauernde Sedierung ein erhöhtes Risiko, ein Delir – also einen akuten Verwirrtheitszustand – zu erleiden. Inzwischen ist unstrittig, dass diese akuten Verwirrtheitszustände direkte Auswirkungen auf den Gesundungsprozess des Patienten haben können“, erklärt Andreas Faltlhauser, Leiter der Interdisziplinären Intensivstation 83. So treten häufiger Infektionen und Wundheilungsstörungen auf, Krankenhausaufenthalte werden verlängert, manche Patienten sterben sogar. Viele Patienten büßen erheblich an geistigem Leistungsvermögen ein.

Das Team der Intensivstation 83 geht seit sieben Jahren einen anderen Weg – mit Erfolg. Anstatt einen Patienten mit Medikamenten ruhig zu stellen, werden die Patienten, auch wenn sie künstlich beatmet werden müssen, ihren Bedürfnissen entsprechend mit Medikamenten behandelt. Eine Sedierung ist so nur noch in sehr seltenen Fällen – und auch dann nur für kurze Zeit – nötig. „Dadurch kann ein Patient früher aus dem Bett mobilisiert werden, früher auf die Unterstützung von Geräten, wie zum Beispiel der künstlichen Beatmung, verzichten und seinen Gesundungsprozess aktiv mitgestalten“, so Faltlhauser.

Diese neue Herangehensweise in der Intensivmedizin erfordert jedoch ein Umdenken von allen Beteiligten: Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten – aber auch Angehörigen. Gerade sie spielen in diesem Konzept eine entscheidende Rolle, da sie einen unschätzbaren Beitrag dazu leisten, den Patienten über seine Situation zu orientieren und moralisch zu unterstützen. Deshalb werden die Angehörigen aktiv in die Therapie eingebunden. Alle wissenschaftlichen Studien deuten darauf hin, dass diese neue Herangehensweise für die Patienten sehr positive Auswirkungen hat. Diese Auswirkungen sind für das Team der Intensivstation in der täglichen Praxis spürbar.

In den vergangenen Jahren hat das Team ein Umfeld geschaffen, in dem diese Konzept des „Nichtsedierens“ durch die Vermeidung von Lärm, unnötigem Licht, die Förderung des natürlichen Schlafs und vor allem das frühzeitige konsequente Holen der Patienten aus dem Bett sehr gut funktioniert. Diese Erfahrungen geben Ärzte und Pflegekräfte seit einigen Jahren in Workshops weiter. Inzwischen haben etwa 500 Teilnehmer aus ganz Deutschland die Workshops und Praktika am Klinikum besucht und so Ideen und Denkanstöße erhalten. Den Initiatoren Andreas Faltlhauser und Markus Argauer ist wichtig, hinzuweisen, dass es nicht möglich ist, die Strukturen einfach zu übernehmen: „Viel mehr ist ein Umdenken in den Köpfen aller Mitarbeiter nötig. Dieser Prozess muss individuell in allen Intensivstationen entwickelt und gesteuert werden. Eine Goldrandlösung, die für alle passt, gibt es nicht“, betont Faltlhauser, der 2016 die Workshops in ihrer jetzigen Form entwickelt und seither medizinisch geleitet hat. Zusammen mit Markus Argauer, der die pflegerischen Aspekte vertritt, und wechselnden Referenten entstand so eine wertvolle Plattform, die den Teilnehmern direkt am Patientenbett diese neue Philosophie der Patientenversorgung vermittelt.

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