13.06.2019 - 16:20 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Kirche muss nicht cool, hipp oder krass sein"

Kein Sex vor der Ehe, nur Männer in Machtpositionen, Missbrauchsskandale. Die katholische Kirche ist nicht mehr attraktiv bei jungen Leuten. Warum das so nicht stimmt, weiß der Oberpfälzer Thomas Andonie.

Thomas Andonie aus Neunkirchen bei Weiden ist einer der Vorsitzenden des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Von der Kolping-Jugend zum Vorsitzenden des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ): Thomas Andonie aus Neunkirchen bei Weiden setzt sich bei der katholischen Kirche für die Interessen der Jugend ein. Was junge Leute wollen und brauchen, erläutert der 28-Jährige bei einem Gespräch in der Redaktion.

ONETZ: Am Wochenende war Pfingsten. Glauben Sie an den heiligen Geist?

Thomas Andonie: Ja klar.

ONETZ: Und können Sie die Geschichte dazu erzählen? Sind Sie bibelfest?

Ja natürlich. Pfingsten ist ja das Fest, bei dem der Heilige Geist zu den verängstigten Jüngern in Feuerzungen herabgekommen ist und hat sie ermutigt, rauszugehen und das zu verkünden, was sie mit Jesus erlebt haben.

ONETZ: Wie wird man BDKJ-Vorsitzender?

Durch Wahl. Wir sind ein ganz demokratisch organisierter Verband, von der Ortsebene bis hoch zum Bundesvorstand. Dort sind wir ein Team von vier gewählten Personen – zwei Männer, zwei Frauen. Wir werden durch die Wahl von 108 Delegierten bestimmt.

ONETZ: Was machen Sie als Vorsitzender?

Grob gesagt vertrete ich die Interessen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Kirche, Staat und Gesellschaft. Wir setzten uns in Politik und im Bundesjugendring dafür ein, dass junge Menschen in den Gemeinden und Städten ehrenamtlich engagieren können. Wir setzen uns dafür ein, dass die Anliegen junger Menschen in der Kirche gehört werden, wenn es um die schwierigen Fragen um Partnerschaft und Sexualität geht, wenn es darum geht, wie die Kirche heute glaubwürdig auftreten kann. Oder wir organisieren große Veranstaltungen wie die 72-Stunden-Aktion, bei der wir zeigen: Wir wirken in der Gesellschaft, wir beten mit den Händen, wir setzten das Evangelium in die Tat um.

Thomas Andonie, Bundesvorsitzender des BDKJ.

ONETZ: Haben Sie schon was erreicht? Ist die Kirche ein kleines bisschen moderner geworden?

(lacht) Die Frage ist eher, entspricht die Kirche dem, was sie von Jesus als Auftrag erhalten hat. Allein durch die MHG-Studie, durch das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle, ist es eine Kirche, die alles andere ist als das, was sie selber verspricht. Es gibt riesige Systemfehler, die bedingen, dass jungen Menschen unglaubliches Leid zugefügt wurde – besonders durch Geistliche. Wir als BDKJ wollen ein anderer Ort sein. Die Jugendverbände werden von unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch der Bundesregierung (UBSKM) als Musterbeispiel dafür genannt, wie Jugendliche selbst gestärkt werden und so das Risiko sinkt, dass ihnen sexualisierte Gewalt angetan wird.

ONETZ: Das kam noch nicht überall an.

Viele deutsche Bischöfe, aber nicht alle, merken jetzt, dass sie unter Druck stehen. Kirche muss nicht cool, hipp oder krass sein, Kirche soll das Wort Gottes verkünden. Sie muss den elementaren Schutz junger Menschen gewährleisten. Wir reden über die Fragen der Sexualmoral, über die Priesterausbildung, darüber, warum Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche immer noch so ein verpöntes Thema ist. Junge Leute setzen sich dafür ein, dass hier weitergedacht wird.

Zur Person:

Thomas Andonie

Thomas Andonie, 28 Jahre, ist in Neunkirchen bei Weiden aufgewachsen. Er hat Staatsfinanzen studiert und beim Bayerischen Sozialministerium in der Organisationseinheit Radikalisierungsprävention gearbeitet. Seit 2017 ist er hauptamtlicher Vorsitzender des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend mit Sitz in Düsseldorf.

ONETZ: Warum dauert es so lange, bis sich was tut?

Die Kirche ist ja nicht einfach so vom Himmel gefallen. Man schau sich an, wie die Kirche vor 2000 Jahren war und wie sie jetzt ist. Sie hat sich ja auch entwickelt, hat immer mehr das erkannt, was der Wille Gottes ist. Da hilft auch die katholische Jugendarbeit – was wir früher Auseinandersetzungen mit den Bischöfen hatten, ist heute bei ihnen usus. Man merkt schon die prophetische Kraft der Jugend. Ich hoffe, dass der Synodale Weg zur Erneuerung der Kirche diese verbindlich zu einem Ort macht, an dem Geistliche und Laien auf Augenhöhe arbeiten.

ONETZ: Wie gelingt das?

Durch Diskussionen nicht nur mit den Bischöfen, sondern auch mit Menschen, die dem Glauben fern stehen. Junge Menschen zeigen, dass sie glauben, etwa durch die 72-Stunden-Aktion. Oder wenn wir von Geschlechtergerechtigkeit reden, besetzen wir im BDKJ alle Ämter paritätisch. Ich sehe bei uns, dass wir damit auf einem guten Weg sind: Wir haben seit Jahren konstante Mitgliederzahlen bei den Jugendverbänden. Junge Menschen differenzieren aber stark zwischen Glauben und Institution. Und bei der Institution merken sie: Da stimmt was nicht. Die reden das, machen es aber anders. In den Jugendverbänden arbeiten wir demokratisch, die Mehrheit entscheidet, nicht der Vorsitzende. Papst Franziskus sagt auch: So, wie Jugendarbeit pastoral aufgestellt ist, sollte die Kirche als Blaupause bezeichnet sein. Miteinander, demokratisch, auf den Menschen hören, begleiten statt belehren.

ONETZ: Wie finden Sie die Protestaktion Maria 2.0?

Klasse und richtig. Da sind Frauen und Männer, die tiefgläubig sind und diese Kirche retten wollen. Das zeigt, wie tief die Kirche in der Krise steckt. Das sind ja nicht kirchenferne Menschen. Das sind zum Beispiel fromme Frauen, die im Frauenbund die Gemeinde vor Ort gestalten, die dafür sorgen, dass die Kirche und die Gemeinde zusammengehalten wird. Das zeigt, dass die Kirche eine Diskussionskultur und einen Umgang auf Augenhöhe lernen muss. Es geht um Macht, Frauen in kirchlichen Leitungsämtern und die Weihe.

ONETZ: Bei den Protestanten gibt es das schon Jahrzehnte.

In der Diskussion ist mir immer wichtig, nicht zu sagen, die Evangelischen machen das, deshalb machen wir das auch. Wir machen das deshalb, weil es eine Ungerechtigkeit gegenüber der Frau ist. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, Frauen können nicht Priesterin werden, weil Jesus ein Mann war. Das ist eine dürftige Erklärung, das müssen wir überwinden. Da ist die Wissenschaft auf einer ganz anderen Ebene: Die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir jetzt haben, gelten ja nicht nur für Sexualmoral oder Partnerschaft, sondern auch für Weiheämter. Ich erwarte von den Bischöfen, wenn sie diese Erkenntnisse haben, dies mit ihren Amtsbrüdern weltweit zu diskutieren. Nicht zu sagen: Ach Gott, ich als kleiner Bischof in Deutschland, was kann ich schon machen? Ja, aber du bist einer dieser großen Nachfolger der Apostel. Du hast die Möglichkeit, was zu ändern. Das verlangen wir von den Bischöfen.

ONETZ: Die Bischöfe bestimmt der Papst. Warum setzt er in Regensburg gerne einen konservativen ein, in anderen Städten einen, der offener ist?

Wenn ich mir die letzten Entsendungen von Papst Franziskus anschaue, sehe ich schon viele willige Bischöfe, die was verändern wollen: Bischof Wilmer in Hildesheim, Bischof Bätzing (Limburg), Bischof Jung (Würzburg) und Bischof Kohlgraf (Mainz). Es geht nicht um progressiv oder konservativ, sondern darum die Kirche so zu gestalten, dass sie der frohen Botschaft gerecht wird.

Thomas Andonie, Bundesvorsitzender des BDKJ.

ONETZ: Was muss sich an der Sexualmoral der katholischen Kirche ändern?

In der Kirche gibt es den Trend, den Leuten ganz genau zu erklären, wie sie ihre Sexualität ausleben sollen. Es gibt auch eine starke Fokussierung auf die Ehe. Aber Menschen, die sagen, „wir sind uns treu bis ans Lebensende, aber wir heiraten nicht“, werden stiefmütterlich behandelt. Bei jungen Menschen erleben wir es, dass sie gerne in Partnerschaften leben, sich treu sein wollen, verantwortungsvoll miteinander umgehen. Das hat auch eine Wertigkeit, wie junge Menschen ganz selbstverständlich miteinander leben. Bei der Sinus-Milieus-Studie kam raus: Junge Menschen wünschen es sich sehnlich, mit einem Partner ihr Leben zu teilen. Aber sie nehmen es so wahr, als würde ihnen die Kirche da keine Hilfe darin anbieten, wie man eine gute Partnerschaft erreicht, weil die Kirche alles über Verbote regelt. Es braucht eine Sexualmoral, die den Menschen einen verantwortlichen Umgang mit ihrer Sexualmoral zutraut.

Thomas Andonie bei der Synode in Rom

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Sind dann immer weniger Junge in der Kirche?

In der Gemeindekirche finden junge Menschen immer weniger Halt. Aber dort können Verbände andocken. Zum Beispiel die Pfadfinder haben steigende Mitgliedszahlen. Andere Verbände verlieren auch ein bisschen, aber im Großen und Ganzen bleiben die Zahlen konstant. Verbände sind auch ein Ort von Kirche.

ONETZ: Wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie sich mehr bei der Kirche engagieren als die meisten?

Gute Frage (lacht). Das lag an meinem besten Kumpel, der mich mitgenommen hat. Dann bin ich zur Kolping-Jugend, dann hat sich das so ergeben. Ich hatte gute Begleiterinnen, die mich während der Firmung, als ich in der pubertären Phase war, gut an die Hand genommen  und nicht mit der Moralkeule erschlagen haben. Das hat mich tief beeindruckt. Dann war ich Gruppenleiter, Oberministrant, also eine klassisch katholische Karriere. Ich habe aber gemerkt, dass auch politisch in Kirche und Gesellschaft etwas passieren muss. So bin ich zum BDKJ gekommen.

ONETZ: Sie haben aber nicht Theologie studiert.

(lacht) Um gläubig zu sein, muss man nicht Theologe sein. Für den Bundesvorsitz braucht es eine Person, die dafür gut geeignet ist. Theologisches Fachpersonal haben wir an der Bundesstelle aber auch. Kirche ist divers, und deshalb ist es auch gut, wenn die Leitung unterschiedlich ist und divers besetzt wird mit Frauen und Männern, Laien und Geistlichen.

Thomas Andonie, Bundesvorsitzender des BDKJ.

ONETZ: Wie oft schaffen Sie es in die Kirche?

Fast wöchentlich. Das Schöne ist, dass wir nicht nur viel diskutieren, viel beraten, viel Inhalt schaffen, sondern Gottesdienste immer ein zentrales Element unserer Veranstaltungen sind. Diese Woche war ich sogar zweimal in der Kirche.

Zum Bund der Deutschen Katholischen Jugend

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