15.01.2020 - 17:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ist Kirche out? Die meisten Kirchenaustritte in Weiden seit Jahren

Im Vergleich zu 2018 haben 2019 mehr Menschen in Weiden der Kirche den Rücken gekehrt. Die Geistlichen legen ihren Fokus auf diejenigen, die ihren Weg zurück in die Gemeinde gefunden haben und die Kirche vor Ort aktiv mitgestalten wollen.

Viele Menschen verlieren die Bindung zu ihrer Kirchengemeinde. Die Geistlichen in Weiden setzen darauf, dass diejenigen, die an der Kirche zweifeln, das Leben in der Kirche wieder aktiv erleben müssen, um sich mit ihr zu identifizieren.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Bei den Weidener Katholiken ist die Zahl der Austritte von 152 (2018) wieder auf 241 gestiegen. Die Protestanten haben 71 Mitglieder verloren. 2018 waren es lediglich 49. Dagegen sinkt die Zahl der Menschen, die wieder zurück zur Kirche finden, seit Jahren. Zudem führt der demografische Wandel dazu, dass mehr Beerdigungen als Taufen stattfinden.

Forscher der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität haben eine Studie vorgelegt, der zufolge die Mitgliederzahlen der beiden Kirchen bis 2060 deutschlandweit rund um die Hälfte zurückgehen werden. Die Forschungsergebnisse treiben aber den Geistlichen in Weiden keine Sorgenfalten auf die Stirn.

Wertvolle Wiedereintritte

Für Stadtpfarrer Markus Schmid von St. Josef zum Beispiel haben die drei Wiedereintritte 2019 in seine Gemeinde einen umso höheren Wert. "Ob man aus der Kirche austritt oder wieder zu ihr zurückfindet, ist eine Sache des Blickwinkels", erklärt er. Wer austrete, richte seinen Blick häufig nur von außen auf die Institution und entscheide aufgrund der Meldungen, die er in den Medien gehört hat. Diese Menschen hätten den persönlichen Kontakt zur Gemeinde verloren.

Der Pfarrer sucht das Gespräch mit diesen Personen. Er möchte die Hintergründe des Austritts erfahren. Jedem schreibe er einen Brief. Oft komme nichts zurück. Manchmal jedoch nennen die Leute Schmid die Gründe für ihre Entscheidung. "Manchen Menschen geht es um die Kirchensteuer", sagt er. Andere wiederum hätten schlicht die Bindung zur Kirche verloren und könnten mit ihr nichts mehr anfangen. Anders sei es bei jenen, die wieder in die Kirche eintreten. "Das sind in der Regel Menschen, die Kirche aktiv und vor Ort erlebt haben. Sie spüren den Kontakt und finden sich auf einmal darin selbst wieder."

Kommentar: Die Kirche hätte eine Reform bitter nötig

Deutschland und die Welt

Die düstere Prognose der Freiburger Wissenschaftler macht auch Pfarrerin Stefanie Endruweit von St. Michel keine Angst. 52 Menschen sind 2019 aus ihrer evangelischen Gemeinde ausgetreten. "Ich finde das nur sehr schade, dass diese Leute es nicht mehr erleben können, was es bedeuten kann, Teil einer Gemeinde zu sein", sagt die Pfarrerin.

Sie glaubt, dass die Entwicklung eine Chance bieten kann. "Wir sollten versuchen, die Menschen, die zweifeln und über einen Austritt nachdenken, aktiv in die Gestaltung der Gemeinde einzubinden, damit sie dazu beitragen können, dass sich Kirche so entwickelt, wie sie es sich vorstellen", erklärt sie.

Weniger Trauungen in der Kirche?

Im Vergleich zu 2018 hat auch die Zahl der Trauungen in St.-Josef weiter abgenommen. Waren es 2018 immerhin noch fünf Paare, die sich in der Kirche das Ja-Wort gegeben haben, wollten 2019 nur noch zwei Paare im Gotteshaus vor den Altar treten. Die Frage, die sich aufdrängt, ist: Ist es außer Mode, in einer Kirche zu heiraten? Pfarrer Schmid warnt vor solchen voreiligen Schlüssen. "St. Josef - das ist es, was ich immer wieder höre - ist einfach zu groß für eine Hochzeitsgesellschaft", sagt er. Sicher gebe es Paare, die sich bewusst dort vermählen wollten. Allerdings existierten in der Gegend Modekirchen, die von der Größe her passender für Paare seien. Als ein Beispiel nennt Schmid die Klosterkirche St. Felix in Neustadt/WN.

Familien und Kirche

10 Trauungen und 40 Taufen gab es 2019 in St. Michael. Damit unterscheiden sich die Zahlen nur unwesentlich von denen im Vorjahr (12 Trauungen/44Taufen). Allein die Zahlen sind laut Endruweit aber sowieso nicht ausschlaggebend. Menschen, die in St. Michael getauft werden oder dort heiraten, hätten häufig vielmehr einen besonderen Bezug zu der Weidener Kirche. "Bei Taufen beispielsweise kommen immer wieder Großeltern zu mir, die mir sagen, dass sie schon dort getauft wurden", sagt Endruweit. In solchen Fällen sei die Bindung ganzer Familien zur Gemeinde besonders stark.

Sie betont zudem, dass Hochzeitspaare aus der Gemeinde oft an anderen Orten heirateten. "Wir trauen Paare häufig außerhalb", erklärt sie.

Info:

Kirchenstatistik der Weidener Pfarreien 2019

Die Zahlen für die katholischen (1-8) und evangelischen (9-12) Kirchengemeinden:

  • 1. Herz Jesu: 31 Taufen (Vorjahr 31), 32 Austritte (22), 1 Eintritt (4), 23 Kommunionen (24), 42 Firmungen (20), 3 Trauungen (3), 79 Beerdigungen(68).
  • 2. St. Johannes: 10 Taufen (Vorjahr 3), 8 Austritte (5), 2 Eintritte (0) , 9 Kommunionen (10), 8 Firmungen (5), 2 Trauungen (2), 13 Beerdigungen (10).
  • 3. St. Elisabeth: 13 Taufen (Vorjahr 25), 54 Kirchenaustritte (34), 0 Eintritte (1), 55 Kommunionen (zusammen mit Maria Waldrast/ Vorjahr 35), 45 Firmungen (zusammen mit Maria Waldrast/Vorjahr 41), 0 Trauungen (1), 51 Beerdigungen (65).
  • 4. Maria Waldrast: 5 Taufen (Vorjahr 7), 8 Austritte (8), 0 Eintritte (0), Kommunionen zusammen mit St. Elisabeth, Firmungen zusammen mit St. Elisabeth, 0 Trauungen (1), 18 Beerdigungen (22).
  • 5. St. Josef: 46 Taufen (Vorjahr 40), 73 Austritte (57), 3 Eintritte (0), 41 Kommunionen (27), 24 Firmungen (41), 2 Trauungen (5), 96 Beerdigungen (102).6.
  • 6. St. Konrad: 18 Taufen (Vorjahr 23), 33 Austritte (12), 1 Eintritt (1), 17 Kommunionen (16), 18 Firmlinge (18), 1 Trauung (1) und 49 Beerdigungen (57).
  • 7. St. Maria Rothenstadt: 11 Taufen (Vorjahr 11), 16 Austritte (7), 0 Eintritte (0), 19 Kommunionen (12), 8 Firmungen (18), 0 Trauungen (2), 25 Beerdigungen (27).
  • 8. St. Dionysius Neunkirchen: 10 Taufen (Vorjahr 3), 17 Austritte (7), 0 Eintritte (0), 11 Kommunionen (11), 25 Firmungen (18), 2 Trauungen (2), 10 Beerdigungen (11).
  • 9. St. Michael: 40 Taufen (Vorjahr 44), 52 Austritte (34), 5 Eintritte (6), 48 Konfirmationen, 10 Trauungen (12), 66 Beerdigungen (88).
  • 10. St. Markus: 8 Taufen (Vorjahr 16), 10 Austritte (11), 1 Eintritt (3), 6 Konfirmationen (7), 0 Eheschließungen (0), 13 Beerdigungen (13).
  • 11. St. Dionysius Neunkirchen: 7 Taufen (Vorjahr 3), 2 Austritte (3), 0 Wiedereintritte (0), 4 Konfirmationen (6), 1 Trauung (0), 10 Beerdigungen (7).
  • 12. St. Bartholomäus Rothenstadt: 6 Taufen (Vorjahr ), 7 Austritte (5), 1 Eintritt (2), 8 Konfirmanden (7), 2 Trauungen (1) sowie 7 Beerdigungen (7)

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