21.11.2021 - 14:48 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kleinwüchsiger Weidener muss für Führerschein große Hürden überwinden

Michael Mikolaj ist stolz: Endlich hat er seinen Führerschein geschafft. Weil er kleinwüchsig ist, hatte er besondere Hürden zu meistern und Kosten zu tragen. Auch im Alltag machen ihm Hindernisse zu schaffen – und manchmal Mitmenschen.

Endlich geschafft! Michael Mikolaj präsentiert stolz mit seinem Fahrlehrer das Ergebnis seiner Führerscheinprüfung: bestanden. Die Prüfung legte der 31-Jährige wegen seiner Kleinwüchsigkeit bei einer Fahrschule in der Nähe von Bremen ab.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt Michael Mikolaj mit einem dicken Grinsen. Der Weidener hat am 3. November seine Führerscheinprüfung bestanden und kann sich künftig wesentlich unabhängiger fortbewegen als bisher. Für den 31-Jährigen ist das ein echter Meilenstein. Und es war nicht leicht, dieses Ziel zu erreichen. Weil Mikolaj kleinwüchsig ist, reiste er für die praktischen Fahreinheiten und die praktische Prüfung in die Nähe von Bremen. Dort gibt es eine Fahrschule, die auf kleinwüchsige Fahrschüler spezialisiert ist. Weite Reisen und deutlich erhöhte Kosten waren allerdings nicht die einzigen Hürden, die Mikolaj nahm, um sein Ziel zu erreichen.

„Ich habe schon mit 19 oder 20 bei Fahrschulen in Weiden gefragt, ob ich dort den Führerschein machen kann. Aber die haben kein passendes Auto gehabt“, erzählt der Weidener. Mikolaj ist 1,30 Meter groß und braucht deshalb ein Fahrzeug, das an seine Größe angepasst ist. „Ich wüsste nicht, dass es in Weiden noch jemanden gibt“, sagt Mikolaj. 2019 erfuhr er von der Fahrschule im Norden und entschied sich, dort den praktischen Teil seines Führerscheins zu machen und die Theorie in Weiden zu absolvieren. Doch dann machte ihm seine Gesundheit überraschend einen Strich durch diese Rechnung. Im November 2019 wurde bei ihm nach einer Grippe das Guillain-Barré-Syndrom diagnostiziert, eine seltene und schwere Erkrankung, die das Nervensystem befällt, die Muskulatur lähmt und ihn fast das Leben kostete. „Es gibt nur 20 Fälle pro Jahr, und es kann jeden treffen“, so Mikolaj.

Eine Woche lang im Koma

„Nur mein Gehirn war noch da, ich konnte den ganzen Körper nicht bewegen“, erinnert er sich an die schlimme Zeit. Eine Woche lang habe er sogar im Koma gelegen und beatmet werden müssen. „Der Arzt wusste nicht, ob ich das überlebe.“ Von seinen 48 Kilo Körpergewicht seien schließlich nur noch 39 übrig geblieben. Sein Glück: Er trainiert viel im Fitnessstudio, war sogar 2018 und 2019 Europameister und Deutscher Meister im Bankdrücken bis 56 Kilo. „Durch den Sport kann ich zeigen, was ich kann und dass ich nicht nur eingeschränkt bin“, sagt er stolz. Er vermutet, dass ihm seine Fitness in dieser Phase geholfen hat. Er kehrte trotzdem erst im Juni 2020 nach einer Reha zurück nach Weiden und muss bis heute Medikamente nehmen. In der Zwischenzeit war die Corona-Pandemie ausgebrochen und verzögerte die Führerschein-Pläne erneut. Im November 2020 meldete er sich schließlich offiziell an, und ein Jahr später hält er nun endlich seinen Führerschein in der Hand.

In Regensburg fand Mikolaj eine Firma, die für ihn ein Auto umbauen kann. 1100 bis 1400 Euro dürfte es kosten, unter anderem die Pedale zu verlängern und den Boden im Fahrerbereich zu erhöhen, schätzt er. Wie wichtig ein eigenes Auto für ihn ist, wird klar, wenn er aus seinem Alltag berichtet. Weil seine Extremitäten verkürzt sind und seine Wirbelsäule durch die Kleinwüchsigkeit verkrümmt, ergeben sich körperliche Herausforderungen. „Wenn ich weite Strecken ohne Pause laufe, schlafen meine Beine ein.“ Seine Schwester habe ihn deshalb häufig gefahren. Auch langes Sitzen im Büro führt oft zu Durchblutungsstörungen in den Beinen, berichtet er. Mikolaj arbeitet 30 Stunden pro Woche bei einer Zeitarbeitsfirma. Im Supermarkt habe er Probleme, an Waren heranzukommen, die sich oben in den Regalen befinden. Dann habe er nur die Wahl, zu klettern oder jemanden um Hilfe zu bitten.

Hohe Extra-Kosten

Mikolajs gemietete Wohnung sowie deren Einrichtung ist nicht auf seine Größe angepasst. An den Griffen der Dachfenster hängen lange Schlüsselbänder, damit der 31-Jährige sie alleine schließen kann. Zum Öffnen nimmt er den Stiel seines Wischers. „In der Küche habe ich das Feuer auf Augenhöhe“, sagt er, vor dem Herd stehend. In einem der Unterschränke steht ein kleiner Tritt. Damit kann er das Geschirr in den Hängeschränken erreichen. „Wenn eine Glühbirne kaputtgeht, muss jemand kommen“, erzählt Mikolaj. Seine Anziehsachen kauft er in der Abteilung für Erwachsene und lässt sie dann von einer Maßschneiderin anpassen. So entstehen Extra-Kosten, die andere Menschen nicht zu tragen haben.

Im Januar wird der Weidener innerhalb der Stadt umziehen. Seine jetzige Wohnung liegt im vierten Stock – für ihn auf Dauer zu hoch. Künftig lebt er in einer Wohnung im Erdgeschoss. Weil die Schlepperei für ihn nicht zu stemmen wäre, muss ihm eine Umzugsfirma helfen. „Die Arbeitsagentur sagt, ich verdiene zu viel. Der Medizinische Dienst sagt, ich habe keinen Pflegegrad.“ Deshalb muss er die Kosten für die Firma selbst tragen. „Ich will so viel wie möglich selber schaffen und so wenig wie möglich verlangen“, betont er. Doch manchmal fühle er sich ungerecht behandelt.

Nach seiner Erkrankung habe er beispielsweise noch ein halbes Jahr lang einen Rollator benötigt und von seiner Schwester bei ihr Zuhause versorgt werden müssen, aber keinen Pflegegrad zugestanden bekommen. Die Führerscheinstelle habe eine Stellungnahme eingefordert, warum er seinen Führerschein in der gewählten Fahrschule im Norden macht. Und als er schon für die praktischen Fahrstunden dort war, habe man medizinische Befundberichte nachgefordert. Deshalb habe er die Reise unterbrechen, zurück nach Weiden fahren, seinen Neurologen und Orthopäden konsultieren müssen, um dann erneut per Zug gen Norden zu reisen.

Die Ärzte bescheinigten, dass es keine Bedenken gegen das Autofahren gebe. „Mit allem Drum und Dran und inklusive Übernachtungen hat mich der Führerschein 3220 Euro gekostet“, sagt er. Schwierig sei es manchmal auch, der wohl einzige Kleinwüchsige im Umfeld zu sein. Nicht jeder Mitmensch reagiere mit Respekt auf ihn.

Heimliche Fotos und Lachen

„Ich mache inzwischen die Augen und Ohren zu und reagiere nicht mehr auf negative Reaktionen, sonst müsste ich mich draußen alle paar Minuten aufregen“, sagt er. Er merke manchmal, dass Menschen ihn heimlich fotografieren wollen, oder dass Eltern mit ihren Kindern lachen, wenn sie ihn sehen. Manche Erwachsene wechselten die Straßenseite oder drängelten sich beim Bäcker, wo er leicht übersehen werden könne, vor. Mikolaj wünscht sich mehr Toleranz und dass Eltern ihren Kindern erklären, dass es sehr unterschiedliche Menschen gibt, anstatt zu lachen. Es sei auch in Ordnung, auf ihn zuzugehen und ihn zu fragen, wenn man es selbst nicht erklären könne.

Michael Zahn ist kleinwüchsig und spielt beim ATSV Tirschenreuth Fußball (Archiv)

Tirschenreuth
Hintergrund:

Kleinwüchsigkeit

  • Nach Angaben des Bundesselbsthilfeverbandes Kleinwüchsiger Menschen e.V. wird die Zahl der kleinwüchsigen Menschen in Deutschland auf 100.000 geschätzt.
  • Als kleinwüchsig gilt, wer kleiner als 1,50 Meter ist.
  • Kleinwuchs ist eine Wachstumsstörung, die in über 100 Erscheinungsformen auftritt. Die Ursachen sind nur teilweise bekannt.
  • Manche Formen des Kleinwuchses sind erblich bedingt, werden aber meist verdeckt vererbt: Die Eltern sind normalgroß, ebenso Geschwister. So ist es auch bei Michael Mikolaj.
  • Personen mit einer Achondroplasie - der Form von Kleinwuchs von Michael Mikolaj - haben unter anderem einen normal großen Rumpf, einen relativ großen Kopf und verkürzte Arme und Beine.
  • Die laut Bundesselbsthilfeverband häufigsten Probleme kleinwüchsiger Menschen: Bauliche Hindernisse wie zu hoch angebrachte Bedienknöpfe und Automaten, zu hohe Stufen bei öffentlichen Verkehrsmitteln, genormte Möbel; nicht passende Kleidung und fehlende Zuschüsse für Maßanfertigungen; schlechtere Chancen in Schule, Ausbildung und Beruf trotz gleichwertiger Fähigkeiten
Michael Mikolaj in seiner Küche. Um an die oberen Schränke zu kommen, benutzt er einen kleinen Tritt.
Verlängerte Pedale und höhergelegter Boden: So sieht es aus, wenn der Fußbereich eines Autos an einen kleinwüchsigen Fahrer angepasst wird.

 

 

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