01.10.2020 - 17:25 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kliniken Nordoberpfalz AG: In fünf Jahren auf soliden Füßen stehen

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In den nächsten fünf Jahren sollen die Häuser der Kliniken Nordoberpfalz AG finanziell und strukturell gesund werden. Vorstandschef Dr. Thomas Egginger gibt erste Einblicke in geplante Maßnahmen.

Die Fassade des Klinikums Weiden bleibt. Hinter den Kulissen wird der Betrieb aber auf vielen Ebenen umgebaut.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Wenn sich am 28. Oktober Vertreter von Vorstand, Aufsichtsrat und Trägern der Kliniken AG zur Hauptversammlung treffen, wird voraussichtlich nicht nur beschlossen, dass die Anteile der Eigentümer (Stadt Weiden und Landkreis Neustadt und Tirschenreuth) künftig gedrittelt werden. Daneben gilt es auch, Vorschläge aus einem Fachgutachten abzusegnen, die drei stationären Standorte Weiden, Tirschenreuth und Kemnath aus dem Dauerdefizit zu führen.

Das Jahr 2019 schloss die AG mit 15 Millionen Euro Miesen ab (wir berichteten). Aus dem Sanierungsgutachten der Berliner Wirtschaftsprüfer Mazars und der Bayreuther Unternehmensberatung Oberender ergeben sich laut Egginger 16 Kernprojekte mit 71 Einzelmaßnahmen. Einige seien bereits abgeschlossen, etwa die Schließungen der Häuser Waldsassen und Vohenstrauß. Einer der heikelsten Punkte dürfte der Personalabbau werden.

Die Rede ist von "selektivem Einstellungsstopp". Vorstand Thomas Egginger weiß, dass hier die Quadratur des Kreises gefragt ist. "Im Verhältnis Patienten und Einnahmen sind unsere Personalkosten zu hoch. Zugleich müssen wir aufpassen, dass wir bei der demographischen Entwicklung beim Personal in ein paar Jahren nicht die Gekniffenen sind." Sprich: Wer zu schnell zu viele Stellen einstampft, findet keine neuen Leute mehr, wenn es darauf ankommt.

"Die Berater hätten empfohlen, 400 Vollzeitkräfte abzubauen, das ist für uns nicht gangbar", unterstreicht der Vorstandschef. Stattdessen sollen inklusive Waldsassen und Vohenstrauß über fünf Jahre 175 Vollzeitkräfte entfallen, überwiegend mit Ruhestandsregelungen. "Es war eine gute Idee unseres Betriebsrats und der Gewerkschaft, vermehrt auf Altersteilzeit zu setzen. Damit bleibt der Knowhow-Transfer in den Häusern gewährleistet."

Das Personal sei aber weit weniger eine Sanierungsbaustelle als andere Bereiche, betont Egginger. Auf den Stationen gebe bereits die Pflegepersonal-Untergrenzenverordnung des Bundes die Leitplanken vor. Vom Abbau seien alle Berufsgruppen gleichermaßen betroffen. "Ärzte und Pflegepersonal stehen nicht im Hauptfokus." Als sicher gilt, dass es die Küche in Kemnath treffen wird. Das Essen für alle Häuser soll künftig aus dem Hauptsitz in Weiden kommen.

Viel erhofft sich die AG auch über optimierte Prozesse. "Wenn ich irgendwo sechs Stunden Wartezeit habe, passt das nicht." Das betreffe ambulante Operationen genauso wie die Notaufnahme oder die Kapazitäten der einzelnen Häuser. Wenn ein Patient aus dem Stiftland sich dem Schwerpunktkrankenhaus Weiden anvertraut und dort so weit versorgt ist, soll er bald wieder zurück in seine heimatnahe Klinik in Tirschenreuth oder Kemnath.

Um in diese Vorhaben Zug reinzubringen, wir eine Stabsstelle Projektmanagement mit zwei Mitarbeitern und entsprechender Software aufgebaut. Eine ihrer ersten Aufgaben soll sein, Einsparpotenzial beim Einkauf auszuloten." Ebenfalls auf der Prioritätenliste sind die Beraterkosten. Die blieben in der ersten Sanierungsphase noch relativ hoch, sagt Egginger. Dabei ist von ein bis zwei Millionen Euro pro Jahr die Rede. Ab 2021 sollen sie aber massiv nach unten gedrückt werden.

Daneben soll kräftig am Imagegefeilt werden. "Wir wollen Patienten öfter fragen wie es ihnen ergangen ist, am Umgang arbeiten, um noch mehr Vertrauen zu schaffen." Marktanteile zurückholen, nennen das die Gutachter.

Eggingers Musterbeispiel, wo die Kliniken AG Werbung in eigener Sache betrieben hat, ist der Ausbruch der Coronakrise im März: "Da hat man gesehen, was für tolle Mitarbeiter und welche Leistungskraft wir haben. Beschäftigte aus allen Abteilungen haben mitgeholfen, dass wir da gut durchkommen. Unabhängig von Corona gilt es, unsere eigene Bevölkerung noch mehr davon zu überzeugen, dass sie hier ein optimales Angebot hat." Hemmungslos gut übereinander reden also. Egginger selbst ist dazu nicht nur intern bereit: "Notfalls stell ich mich einen Tag mit dieser Botschaft ins NOC."

Die Berater hätten empfohlen, 400 Vollzeitkräfte abzubauen, das ist für uns nicht gangbar.

Thomas Egginger, Vorstandschef Kliniken Nordoberpfalz AG

Thomas Egginger, Vorstandschef Kliniken Nordoberpfalz AG

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Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Defizit heißt nicht Qualitätsverlust

Vieles ist noch unbekannt, was auf über 200 Seiten in einem Gutachten namens IDW S6 zur Zukunft der Kliniken AG steht: 16 Projekte, 71 Einzelbaustellen. Etwas, das man nicht kennt, sorgt für Unsicherheit. Das ist menschlich und betrifft vor allem das Klinikpersonal. Allerdings gibt es schon mal eine gute Nachricht: Nach einem radikalen Stellenabbau hört sich ein erstes Fazit nicht an. Vorausgesetzt die empfohlenen Maßnahmen greifen.
Sie klingen auch für Laien durchaus sinnvoll. Was soll daran schlecht sein, sich Zeit zu nehmen, um Wartezeiten, Zuständigkeiten und Einkauf so zu untersuchen, dass Rädchen künftig besser ineinandergreifen? Klappt es an diesen Stellen, poliert das auch den Ruf der Häuser auf. Die müssen häufig genug überzogene Kritik einstecken. Doch wer den Schluss zieht, ein defizitäres Krankenhaus arbeite automatisch schlechter, braucht auch in keine andere Klinik zu gehen. Weder in Amberg, Erlangen noch in einer Medizinfabrik wie München-Großhadern ist die Finanzlage rosig.
Das neue Konzept hat eine Chance verdient. An manchen Stellen glänzt es allerdings mit Beraterlyrik: Der Mensch im Mittelpunkt, der Patient an erster Stelle. Leitbild-Plattitüden, wie sie mittlerweile jedes größere Autohaus auf den Fluren hängen hat.

Friedrich Peterhans

Mehr ambulant, weniger stationär:

Der Begriff ist schwer verdaulich: Die Kliniken AG strebt eine weitere "vertikale Integration von Leistungen" an. Es bedeutet die Verzahnung beziehungsweise Auslagerung von Leistungen von stationär zu ambulant. Dabei spielt auch das Medizinische Versorgungszentrum Weiden (MVZ) eine wichtige Rolle. Musterbeispiel ist die Rheumatologie. Sie soll nur noch ambulant vorgehalten werden. Die Rheumatologin am Klinikum sei dazu nach Aussage des Vorstands jederzeit bereit. Problem: Die beiden Kassensitze in der Region sind vergeben. Patienten drohen somit auf absehbare Zeit längere Fahrten zu Spezialisten in Franken oder Regensburg. (phs)

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