16.06.2019 - 12:09 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kommandeur bestätigt: Radloff als Favorit für neuen Kasernen-Namen

Die Umbenennung der Weidener Kaserne geht voran: Favorit für den neuen Namen ist laut Oberstleutnant Sven Zickmantel der in Afghanistan gefallene Major Radloff. Stadtarchivar Dr. Sebastian Schott erläutert die historische Problematik.

Wenn das Verteidigungsministerium grünes Licht gibt, könnte unsere Fotomontage bald Realität werden: Eine Mehrheit der Soldaten am Weidener Standort sprach sich für eine Umbenennung in "Major-Radloff-Kaserne" aus. Fallschirmjäger Jörn Radloff fiel 2010 bei einem Sprengfallen-Anschlag in Afghanistan.
von Tobias GräfProfil

Der gebürtige Sachse Oberstleutnant Sven Zickmantel ist erst seit acht Wochen neuer Bataillonskommandeur der Weidener Artilleristen. In die Diskussion um den umstrittenen Namen "Ostmark"-Kaserne musste er sich deshalb erst einarbeiten: "Das hat mich bisher persönlich nicht betroffen." Nun jedoch äußert er sich gegenüber Oberpfalz-Medien klar zur Notwendigkeit der Umbenennung, dem weiteren Vorgehen - und warum der Namensvorschlag Jörn Radloff (wir berichteten) sehr gut geeignet ist.

"Wir wurden im Oktober 2018 vom Inspekteur des Heeres aufgefordert, uns Gedanken über einen neuen Namen zu machen. Und genau das ist erfolgt", sagt Zickmantel. Ursächlich hierfür ist laut Kommandeur, dass "der Begriff ,Ostmark-Kaserne' nicht konform ist mit dem aktuellen Traditionserlass des Verteidigungsministeriums". In Teilen der Öffentlichkeit sorgt diese Debatte für Unverständnis. Im Raum steht die Frage, wieso die Kaserne den Namen "Ostmark" nicht mehr führen dürfen soll, während bei der "Ostmarkstraße" als Bezeichnung für die B 22 oder beim "Haus Ostmark" in Roding keine Kritik laut wird.

Enormer politischer Druck

Hierzu hat Zickmantel, der als Standortältester zugleich für die Kaserne als militärische Liegenschaft verantwortlich zeichnet, eine klare Haltung: "Das Gute für uns Soldaten ist ja, dass wir weisungsgebunden sind. Es gibt jetzt den Erlass von der Ministerin, und die ist nun mal die Dienstherrin." Man müsse zudem wissen, dass "hinter dem Erlass enormer politischer Druck steht". Dieser sei 2017 als Reaktion auf rechtsradikale Vorfälle in der Truppe entstanden. Dass "Major Jörn Radloff" als Vorschlag für einen neuen Namen im Rennen ist, bestätigt Zickmantel: "Es gab drei Namensvorschläge, zwei davon sind nun in der engsten Auswahl, und Radloff hat wohl sehr gute Karten."

Radloff starb im April 2010 gemeinsam mit zwei weiteren Kameraden in Afghanistan, als sein Fahrzeug auf einen Sprengkopf auffuhr. Warum nun ausgerechnet der Fallschirmjäger-Major als Favorit gilt, erklärt der Generalstabsoffizier auch. "Die Vorschläge kamen von den Soldaten selbst. Es gibt Gremien, die haben darüber abgestimmt. Hätten die Soldaten einen anderen Namen gewollt, hätten sie sich für einen anderen entschieden. Das ist zu respektieren, wir sind schließlich in einer Demokratie." Und weiter: "Radloff hatte einen persönlichen Bezug zu Weiden, weil er hier stationiert war. Viele unserer Soldaten kennen ihn noch." Deshalb habe der Namensvorschlag "eine gute Mehrheit erhalten. Er steht nicht gegen den Traditionserlass - im Gegensatz zum ,Ostmark'-Begriff".

"Kritik gibt es immer"

Radloffs Familie sei informiert. Sie fühle sich "sehr geehrt, sollte es so weit kommen", berichtet Zickmantel. Dass die Bevölkerung die Umbenennung kritisch begleitet, findet der Kommandeur gut: "Es wird bei jedem Vorschlag immer Kritik geben, aber ich finde es gut, dass die Bevölkerung Fragen stellt. Das zeigt, dass die Bundeswehr in der Region noch stark verwurzelt ist und interessiert. Das begrüße ich." Weiden selbst hat bei der Umbenennung übrigens kein Entscheidungsrecht, dieses liegt ausschließlich beim Verteidigungsministerium in Berlin, sagt Zickmantel. Die Stadt ist jedoch "nicht nur informiert", sondern "frühzeitig in den Prozess eingebunden". Man werde Kontakt aufnehmen und arbeite "sehr gut zusammen".

Der Vorschlag kam von den Soldaten selbst. Hätten sie einen anderen Namen gewollt, hätten sie sich dafür entschieden.

Der iPhone-Kartendienst hat bisher kein Problem mit der "Ostmark" als Bezeichnung für die Bundesstraße 22. Bei der gleichnamigen Kaserne wird der historisch belastete Begriff nun jedoch ausgetauscht.
Hintergrund:

Historiker Dr. Sebastian Schott erklärt, warum der "Ostmark"-Begriff problematisch ist

Die historischen Hintergründe, warum die Bezeichnung "Ostmark" inzwischen als Namensgeber verpönt ist, erläutert Dr. Sebastian Schott. Der wissenschaftliche Mitarbeiter im Stadtarchiv will sich zwar als städtischer Mitarbeiter nicht explizit zur aktuellen Debatte äußern, gibt aber allgemeine Hinweise. So sei der Name Ostmark "für unsere Region erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Und zwar als bewusste Frontstellung zu Tschechien."

Das Dritte Reich bezeichnete damit die Oberpfalz, Niederbayern und Oberfranken. Ziel der Nazis war, sich damit zu den als minderwertig betrachteten Ländern im Osten abzugrenzen. Der Begriff sei deshalb laut Schott "definitiv problematisch". Zwar gehe die Ostmark-Bezeichnung bis aufs Mittelalter zurück, sie gibt es also schon lange vor dem Nationalsozialismus. Aber "weil wir seit 1989 wieder in einem vereinten Europa leben, ist der Begriff unglücklich, und man macht es sich zu einfach, wenn man nur auf das Mittelalter verweist", erklärt der Historiker die negative Konnotation.

Dass viele Oberpfälzer hier ihren Wehrdienst geleistet haben und deshalb eine "persönliche Bindung zur Ostmark-Kaserne" hätten, darüber ist sich Schott bewusst. "Man kann hier keinem einen Vorwurf machen, wenn er nicht immer alles historisch reflektiert", zeigt er sich verständnisvoll. Der Archivar sagt auch, dass er "kein Fan von Umbenennungen ist, sondern eher von geschichtlichen Einordnungen. Bevor man immer gleich tabula rasa macht, finde ich es besser, Begriffe einzuordnen und den Leuten zu erklären, warum sie problematisch sind. Das regt zum Nachdenken an und erhöht das Verständnis." Trotzdem sei schon die Entscheidung von 1964, die Kaserne nach der "Ostmark" zu benennen, "nicht gerade geschickt gewesen".

Wer war Major Jörn Radloff? Oberpfalz-Medien berichtete bereits exklusiv über den neuen Namensvorschlag.

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