Weiden in der Oberpfalz
20.01.2022 - 17:00 Uhr
OnetzPlus

Kommentar: Die allgemeine Impfpflicht wäre fairer

Ab Mitte März müssen Ärzte, Pflegekräfte oder Krankenschwestern geimpft sein. Sonst dürfen sie nicht weiterarbeiten. Zum Schutz der Patienten. Klingt sinnvoll, ist aber nicht durchdacht, kommentiert Florian Bindl.

Kommentar von Florian Bindl
Pfleger und eine Ärztin kümmern sich um einen Corona-Patienten. Ab Mitte März muss medizinisches Personal in Deutschland geimpft sein, um weiterarbeiten zu dürfen. Es könnte mehr Schaden als nützen. Symbolbild: Sebastian Gollnow/dpa
Pfleger und eine Ärztin kümmern sich um einen Corona-Patienten. Ab Mitte März muss medizinisches Personal in Deutschland geimpft sein, um weiterarbeiten zu dürfen. Es könnte mehr Schaden als nützen.

Ungeimpfte Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte. Sie alle sind momentan wirklich nicht zu beneiden. Sie sind nicht vor einer Corona-Infektion mit schwerem Verlauf geschützt. Sie müssen mit der Last leben, als verantwortungslos zu gelten. Und sie müssen fürchten, einen schutzbedürftigen Kranken zu infizieren, der das womöglich nicht überlebt. Der dann wegen der eigenen Uneinsichtigkeit jämmerlich erstickt. Zu dieser selbstauferlegten Dreifach-Belastung kommt im März der Druck der Impfpflicht. Piksen lassen oder gehen. Zum Schutz der Patienten. Klingt sinnvoll, ist aber nicht durchdacht.

Folgendes, erschreckend wahrscheinliche Szenario: Eine Krankenschwester, die sich nicht impfen (oder boostern) lassen möchte, wirft hin. Sie wechselt den Beruf. In einigen Monaten kommt die allgemeine Impfpflicht. Die Ex-Krankenschwester, die ihren Beruf geliebt hat, arbeitet dann vielleicht in einem Büro – und muss sich plötzlich doch impfen lassen. Ob Büro oder Intensivstation. Was hat sie gewonnen? Nichts. Man muss wahrlich kein Mitleid mit Impf-Verweigerern haben. Den Druck auf sie zu erhöhen, ist richtig. So aber riskiert die Politik zweierlei: Sie verknappt das Personal in einem Berufsfeld, das ohnehin ausgedünnt ist. Während einer Pandemie, in der wir alle fähigen Hände brauchen. Und sie trägt zur Spaltung und zum Unfrieden in der Gesellschaft bei, vermengt mit einer Portion Diskriminierung. Eine allgemeine Impfpflicht, wenn sie wirklich das beste Instrument gegen die Pandemie ist, wäre fairer.

OnetzPlus
Weiden in der Oberpfalz20.01.2022
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Martin Pfeifer

Es ist sicherlich sinnvoll, in bestimmten Bereichen die Impfpflicht gegen Corona vor der allgemeinen Impfpflicht einzuführen. Wie von Ihnen berichtet, ist das "Rasenmäher"-Prinzip hierbei nicht sachgerecht. Es gab in der Corona-Impfstoff-Verordnung zu Anfang 2021 klare Vorgaben, wer wie priorisiert wurde. Neben gesundheitlichen Gründen (hohes Alter, Vorerkrankung) war auch der Beruf ein Grund für die Priorisierung. Warum man jetzt jene Berufe außerhalb des Gesundheitswesen, die vor einem Jahr in der Prio 1 oder 2 waren, weil sie wichtig für das Funktionieren unser Gesellschaft sind, nicht in die Impfpflicht aufnimmt, ist nicht nachzuvollziehen. Die damalige Priorisierung wurde ja in vielen Stufen ausgearbeitet und stieß auf großes Verständnis. Sie taugt sicher auch als Maßstab für eine Impfpflicht.

Bei mir kommt daher der Eindruck auf, das nach den Zumutungen und der ganzen Arbeitslast für das Gesundheitswesen in der bisherigen Pandemie die Schlecht-Behandlung des Gesundheitswesen in der Art "noch haben wir etwas, was wir vergraulen können" bedenkenlos fortgesetzt wird.

21.01.2022
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.