15.07.2021 - 13:55 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Landwirt wegen Tierschutz-Verstößen vor Gericht

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Die Vorwürfe wiegen schwer, und die Fotos aus der Gerichtsakte sorgen bei Strafrichterin Carina Särve für Entsetzen. Ein Landwirt, der Milchkühe und Kälber hält, musste sich kürzlich vor dem Amtsgericht verantworten.

Wegen zwei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz musste sich ein Landwirt vor dem Amtsgericht verantworten. Er soll zwei verletzte Milchkühe nicht angemessen versorgt haben.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Einem Landwirt wurde kürzlich vor dem Amtsgericht vorgeworfen, in zwei Fällen gegen das Tierschutzgesetz verstoßen zu haben. Konkret ging es bei der Hauptverhandlung um zwei Milchkühe, die trotz schwerer Verletzungen nicht angemessen versorgt worden seien. Der Landwirt, der 40 Milchkühe und in etwa ebenso viele Kälber hält, hätte das über längere Zeit anhaltende Leiden der Tiere billigend in Kauf genommen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Zur Sprache kamen aber auch zahlreiche weitere Mängel bei der Tierhaltung und in der veralteten Stallanlage. Diese waren bei einer großangelegten Durchsuchung des landwirtschaftlichen Anwesens mit rund 30 Polizeibeamten im Dezember aufgefallen.

Auffälligkeiten an Kadaver

Die mangelhafte Versorgung der ersten Kuh, über die verhandelt wurde, hatten Mitarbeiter einer Tierkörperbeseitigungsanlage im Juli 2020 vermutet. Der Landwirt hatte das Milchvieh durch einen Tierarzt einschläfern lassen. Die Mitarbeiter der Anlage hatten Auffälligkeiten am Tierkörper gemeldet, weshalb Amtstierarzt Dr. Arndt-Uwe Schille aus Bamberg eine Sektion daran vorgenommen hatte. Als Zeuge vor dem Amtsgericht schilderte er die durch Fotos belegten Auffälligkeiten: Dekubitalstellen (wundgelegene Haut) auf beiden Körperseiten und im Gesicht ("sieht man relativ selten"), überlange Klauen, Schwellung an einem Beingelenk, in der Tiefe liegende Muskelveränderungen, eine Sehnenscheidenentzündung und ein sehr großer Abszess mit Eiter an einem Bein. Die beiden letztgenannten Erkrankungen hätten seit mindestens drei Wochen vorgelegen. Mindestens so lange habe das Tier erhebliche Schmerzen erlitten. Der Tierhalter hätte einen Tierarzt rufen müssen. Dies hatte der Angeklagte allerdings auch getan.

"Wir haben die Kuh drei Wochen vorher behandelt. Danach hat sie relativ gut ausgeschaut. Dann hat es sich innerhalb von zwei Tagen massiv verschlechtert", schilderte der Landwirt die Situation. Er wisse nicht, woher die erste Verletzung des Tieres, ein riesiger Bluterguss am Bein, gekommen sei. Die äußerlichen Veränderungen habe er zwar bemerkt, doch das Tier sei jeden Tag aufgestanden und habe bis zwei Tage vor der Einschläferung gefressen. Deshalb habe er keinen Tierarzt mehr bestellt. Als die Kuh eines Morgens 40 Grad Fieber gehabt habe, habe er den Tierarzt zur Einschläferung gerufen.

Ermittlungen und Durchsuchung

Die Ergebnisse der Sektion des Tierkadavers brachten Ermittlungen ins Rollen, in die das Veterinäramt sowie Staatsanwaltschaft und Polizei einbezogen wurden und die im Dezember 2020 in einer richterlich angeordneten Durchsuchung des Anwesens gipfelte. Dabei fielen zunächst Mängel an der rund 40 Jahre alten Stallanlage auf: ein an hochfrequentierten Stellen eingebrochener und rutschiger Spaltenboden, nicht eingestreute und zu kleine Liegeboxen, nicht einsatzbereite Separationsboxen, fehlende Abkalbungsboxen, so dass Kälber bei der Geburt auf den blanken Boden fallen. Laut Amtstierärztin Dr. Barbara Bäumler, die neben weiteren Tierärzten als Zeugin geladen war, hatten viele Tiere Entzündungen und Schwellungen an Beingelenken. Sie führte dies auf die Stallbedingungen zurück.

Ein Tier fiel bei der Durchsuchung besonders auf: Eine Milchkuh stand mit einem deutlich sichtbaren Bruch in der Hüfte im Laufstall. "Eine gebrochene Hüfte ist dramatisch, schmerzhaft und eine Katastrophe für ein Lebewesen", so die Amtstierärztin, die von "Schmerzen und Leiden in enormem Ausmaß" sprach. Der Landwirt hätte kein Mitgefühl gezeigt. Er selbst sagte aus, er habe gehört, dass die Hüfte des Tieres "ganz schön raspelt", aber da die Kuh nur leicht gehinkt sei, habe er sich keine Gedanken gemacht. Der Tierarzt, der diese Kuh behandelt hatte, sagte aus, das Tier hätte sich eventuell erholen können. Er habe dem Besitzer gesagt, er solle ihn erneut rufen, falls sich der Zustand des Tieres verschlechtere. Amtstierärztin Dr. Constanze Erl-Höning, die bei der Durchsuchung im Stall anwesend war, bestätigte vor Gericht, dass sich die Kuh hätte erholen können, dann aber möglicherweise nicht mehr als Milchkuh wirtschaftlich zu halten gewesen wäre. Dem Landwirt sei der Krankheitsprozess der Kuh ihrer Einschätzung nach bewusst gewesen. Er habe schließlich angemerkt, dass das Tier nur noch sechs Liter Milch abgebe.

Deutlich erhöhte Euthanasie-Rate

Laut dem Angeklagten war die Abholung des Tieres für den Transport zum Metzger zum Zeitpunkt der Durchsuchung bereits geplant. Doch Bäumler widersprach: Das Tier hätte in diesem Zustand gar nicht transportiert und geschlachtet werden dürfen. Als sie am Tag der Durchsuchung einen Tierarzt rufen wollte, hätte der Sohn des Angeklagten eine Notschlachtung auf dem Hof vorgeschlagen. Dies komme jedoch nur in Notfällen, zum Beispiel bei verunfallten Tieren in Frage, nicht bei einem offensichtlich schon länger verletzten Tier. Die Kuh wurde tierärztlich behandelt und rund sechs Wochen später geschlachtet. Bei einer Überprüfung der Unterlagen der vergangenen zwei Jahre sei aufgefallen, dass es auf diesem Hof eine erheblich höhere Euthanasie-Rate gebe als üblich. 2019 seien 20 Prozent des Bestandes eingeschläfert worden, im vergangenen Jahr 12,5 Prozent. "Werte über 5 Prozent werden als Alarmwerte angesehen", so die Amtstierärztin.

Beide geladenen Amtstierärztinnen bestätigten, dass der Landwirt Bereitschaft zu Veränderungen auf seinem Hof gezeigt habe. Allerdings äußerten auch beide, dass sie Eigeninitiative vermissten. Schließlich seien bereits viele Monate vergangen, und es lägen in der Zwischenzeit neue Gutachten wegen Tierschutzvorfällen vor. "Er ist in der Verantwortung und muss umbauen. Nach wie vor gibt es dort leidende Tiere", fasste Dr. Bäumler zusammen. Sie plädierte unter anderem für eine deutliche Reduzierung des Tierbestandes.

Schwierige finanzielle Lage

Der Angeklagte wies während der Verhandlung immer wieder auf seine schwierige finanzielle Situation hin. Modernisierungen seien angedacht, "aber ich muss auch das nötige Kleingeld haben". Er schätze die Umbaukosten auf 300.000 bis 400.000 Euro. Staatsanwalt Richard Caja beurteilte das so: "Es ist relativ klar, dass Sie Ihre finanziellen Interessen über das Tierwohl gestellt haben." Es stünden 4500 Euro Geldstrafe im Raum. Stattdessen würde er jedoch vorschlagen, dass der Angeklagte fristgebunden noch festzulegende Maßnahmen umsetzen solle. Damit sei das Geld besser investiert als in eine Geldstrafe. "Es muss jetzt kurzfristig was geschehen", sagte Caja. Richterin Särve nannte das Angebot des Staatsanwalts "sehr gnädig".

Nach fast vier Stunden Verhandlung und kurzer Beratungszeit einigte man sich auf eine Einstellung des Verfahrens unter bestimmten Auflagen, die der Landwirt fristgebunden zu erfüllen habe. Dazu gehört die Reduzierung des Milchviehbestandes auf 30 Milchkühe bis Mitte August, die Umgestaltung der Liegebuchten binnen sechs Monaten, das Herrichten und Nutzen eines Abkalbebereichs und von Separationsboxen, die vollständige Erneuerung des Spaltenbodens im Laufstall binnen sechs Monaten und die Vorlage eines Finanzierungsplans für größere Umbaumaßnahmen binnen sechs Monaten. "Wenn das nicht funktioniert, werden wir uns wiedersehen, und dann können Sie nicht damit rechnen, dass irgendjemand gnädig ist", warnte die Strafrichterin. "Ich bin entsetzt, wenn ich höre, wie die Kuh gelitten hat. Dieses Entsetzen hätte ich mir heute auch von Ihnen gewünscht."

Schwandorfer Landwirt muss wegen Mängeln im Kuhstall Bußgeld zahlen

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Hintergrund:

Verstöße gegen das Tierschutzgesetz

  • Verstöße gegen das Tierschutzgesetz begeht, wer einem Wirbeltier vorsätzlich oder fahrlässig ohne vernünftigen Grund erhebliche Schmerzen / Leiden / Schäden zufügt oder es ohne vernünftigen Grund tötet.
  • Verstöße gegen das Tierschutzgesetz können im Einzelfall als Ordnungswidrigkeit oder Straftat gewertet werden. Im vorliegenden Fall wurde in einer Strafsache verhandelt.
  • Als Strafe kann je nach Verstoß ein Bußgeld, eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe verhängt werden. Im vorliegenden Fall stand eine Geldstrafe von 4500 Euro im Raum.

 

 

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