12.09.2018 - 13:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mama macht eine Berufsausbildung

Alleinerziehende müssen viele Hürden überwinden, um im Arbeitsleben bestehen zu können. Jobcenter, Eckert-Schulen und Europa-Berufsschule haben ein neues Modell entwickelt. Noch fehlen aber Ausbildungsplätze.

Tanisha Jahn, Teilnehmerin am Alleinerziehenden-Projekt CEBrA (sitzend) hat viele Helfer, damit sie einen Ausbidungsabschluss schafft. Mit dabei (stehend von links) Anja Jobst von den Eckert-Schulen Weiden, Beauftragte für Chancengleichheit Christina Schönberger vom Jobcenter Weiden-Neustadt, Michaela Reiß vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Weiden, Standortleiter Rainer Kern von den Eckert-Schulen Weiden und Klassenleiter Alexander Scharl.
von Siegfried BühnerProfil

„Je älter meine große Tochter wird, desto wichtiger wird es, dass ihre Mutter einen Beruf hat und ihr ein gutes Beispiel gibt“, sagt Tanisha Jahn, Teilnehmerin des Projekts „CEBrA – Coaching Erziehender in Berufsschule und betrieblicher Teilzeit-Ausbildung“. Jahrelang hat sich die junge Frau ausschließlich um ihre Kinder gekümmert. Die erste Tochter Lena kam kurz nach der Schulzeit zur Welt, fünf Jahre später folgte Angelina. An Berufsausbildung war nicht zu denken. In die Arbeitswelt schnupperte die jetzt 24-jährige nur während Praktikumszeiten im Rahmen von Berufsförderungsmaßnahmen des Jobcenters. Jetzt gibt es eine konkrete berufliche Perspektive. Sie heißt CEBrA und hat bereits im Frühjahr für 18 Teilnehmerinnen begonnen.

Die junge Mutter ist von Anfang an dabei. „Ganz wichtig ist es für mich zunächst den Quali nachzuholen. Anschließend möchte ich in Teilzeit eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau machen.“ Dass diese Planung umgesetzt wird, dafür sorgen die Kooperationspartner Jobcenter, Eckert-Schulen und Europa-Berufsschule im Projekt CEBrA. Vertreter der drei Institutionen stellten jetzt das Programm vor. Es wird durch Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds unterstützt. Für Rainer Kern, Standortleiter der Eckert-Schulen in Weiden, geht es darum „auf die individuelle Situation jeder Maßnahmeteilnehmerin ganz genau einzugehen“. Deshalb hat zunächst die Projektphase 1 stattgefunden. Einzelcoaching, Gruppentraining, Eignungsfeststellung und Profiling, aber auch Schnupperpraktika zur Berufsorientierung standen auf dem Programm. Gelernt wurde auch Pünktlichkeit und Zeitmanagement sowie die Arbeit im Team. Auch private Probleme wurden thematisiert, damit ein stabiler Rahmen für eine spätere Teilzeitausbildung entstehen kann. „Nur wenn die persönliche Situation bereinigt ist, kann ein beruflicher Aufbau gelingen“, stellt eKern fest. Sehr wichtig sei auch die Förderung eines Selbstbewusstseins der Teilnehmerinnen. „Kinder groß ziehen ist auch eine Leistung“, sagte Kern.

Diese Zielstrebigkeit und Stetigkeit sollte auf das Berufsleben übertragen werden. Projektphase 2, die Qualifikationsphase, begann jetzt Anfang September. Klassenleiter Alexander Scharl stellte die Einzelheiten vor. Innerhalb einer „kooperativen Klasse“ wird auf den Mittelschulabschluss oder den Quali vorbereitet. Berufsorientierung erfolgt durch Betriebspraktika und durch Besuch von Fachklassen der Berufsschule. Am Ende dieser einjährigen Phase soll dann die Aufnahme einer Teilzeitausbildung stehen, die in den ersten sechs Monaten als Projektphase 3 auch die sozialpädagogische Betreuung während der Ausbildung beinhaltet.

Der Lebensunterhalt ist während der Maßnahme durch die Fortzahlung der Unterstützungsleistungen des Jobcenters gesichert, erläuterte Christina Schönberger, Beauftragte für Chancengleichheit beim Jobcenter Weiden-Neustadt. Noch werden allerdings dringend Teilzeitausbildungsplätze gesucht. „Wir suchen in allen Berufsbereichen, auch nach IT-Berufen.“ Beliebt bei den Teilnehmerinnen seien oftmals die Berufe Bürokauffrau, Verkäuferin oder Friseurin. Meldungen werden erbeten an den Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Weiden unter der Hotline 0800/4555520 oder an die Eckert-Schule in Weiden unter Telefon 0961/4019837.

Info:

Das Jobcenter Weiden Neustadt betreut derzeit 654 Bedarfsgemeinschaften (BG) von Alleinerziehenden (BA-Statistik, Stand März 2018). Dies sind gut 20 Prozent aller Bedarfsgemeinschaften. In 58,7 Prozent der Alleinerziehenden-BGs lebt nur ein Kind. Nur ein kleiner Teil der Alleinerziehenden wird als arbeitslos (153 Personen) eingestuft und steht damit für die Arbeitsvermittlung zur Verfügung. 55,4 Prozent der Alleinerziehenden-BGs entfallen auf das Stadtgebiet Weiden. Im Stadtgebiet Weiden sind 40,4 Prozent, im Landkreis Neustadt/WN 34,1 Prozent, aller Personen in Alleinerziehenden-BGs schon seit mindestens vier Jahren im Leistungsbezug. Im Durchschnitt erhalten Alleinerziehenden-BGs nach Abzug von anrechenbarem Einkommen, zum Beispiel Kindergeld, monatlich 727 Euro Gesamtleistung vom Jobcenter. Unter den erwerbsfähigen Alleinerziehenden erzielen 38,3 Prozent ein Einkommen aus einer Erwerbstätigkeit. Laut Mikrozensus-Ergebnis des Statistischen Landesamts sind in Bayern insgesamt knapp 86 Prozent der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern Frauen. (sbü)

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