Joachim Gräbner bekommt direkt Gänsehaut, wenn er die Anekdote erzählt. Es geht, so der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Novem in Vorbach, um einen jungen Mann, der nach der Ausbildung gehen musste. Für den sie im Betriebsrat dann aber „gekämpft“ hätten, damit er wieder zurück in die Firma kommen konnte. „Und jetzt“, sagt Gräbner, „ist er da und grinst jedes Mal übers ganze Gesicht, wenn er auf einen zukommt.“
Auch Peter Trottmann kann Geschichten liefern, bei denen Kündigungen von Kollegen abgewendet worden seien. „Wenn der dich dann im Betrieb wieder sieht“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Hamm in Tirschenreuth, „ist der immer froh, dich zu sehen – selbst wenn er einen schlechten Tag hat.“ Solche Erfahrungen seien „emotional sehr viel wert“, sagt Trottmann, der daraus auch seine Motivation ziehe, um Menschen, die vielleicht eine Familie haben, ein Haus abbezahlen müssen und nun ihren Job verlieren sollen, zu helfen.
Betriebsratsarbeit sei – bei all den Herausforderungen, die sie mitbringt – enorm wichtig. Das betonen acht Betriebsräte von verschiedenen Unternehmen aus der Nordoberpfalz in einem gemeinsamen Gespräch mit Oberpfalz-Medien in der Geschäftsstelle der IG Metall Amberg. Man könne sich für die Kollegen einsetzen, für viele Leute etwas bewegen, so der Tenor. Dabei müsse es aber nicht immer gleich um die Kündigung gehen, sondern auch um „kleinere Dinge“ wie Abmahnungen, Arbeitssicherheit, Elternzeit, Mutterschutz oder Weiterbildungen.
Mehr Frauen in den Gremien
Wer in den Unternehmen – in denen es einen Betriebsrat gibt – in den nächsten Jahren dabei helfen wird, wird seit März entschieden. In vielen Firmen fanden die Betriebsratswahlen bereits statt, in einigen stehen sie noch bis Ende Mai an. In den etwa 60 von der IG Metall Amberg betreuten Unternehmen sei in 48 Betrieben schon gewählt worden, erklärt Sabrina Feige, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Amberg.
Die Wahlbeteiligungen seien zum Teil sehr, sehr hoch gewesen – in den zwei regionalen Kennametal-Betrieben hätten laut Feige jeweils mehr als 90 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Auch der Frauenanteil in den Betriebsräten sei gestiegen, was die zunehmende Verantwortung von Frauen zeige. Überraschende Ergebnisse, so Feige, habe es aber kaum gegeben. Viele der bisherigen Betriebsräte seien wiedergewählt worden. Dort, wo es einen Wechsel an der Spitze gab, sei das meist geplant erfolgt, etwa aus Altersgründen. Auch seien etliche junge Mitarbeiter in die Gremien gewählt worden – obwohl es mitunter, erklären die Betriebsräte beim Gespräch in Amberg, nicht unbedingt leicht sei, genügend Nachwuchs zu finden.
"Ende der Karriere"
Zum einen sei die Aufgabe natürlich auch zeitintensiv, was für Mitarbeiter mit kleinen Kindern schwierig sei. Zum anderen sei es natürlich auch harte Arbeit. „Betriebsratsarbeit kann dich karrieremäßig, wenn du Pech hast, ausbremsen“, sagt Reinhold Leipold, langjähriger Betriebsrat bei Cherry in Auerbach. Als Betriebsrat mache man sich halt nicht immer überall beliebt. „Da musst du auch mal mit Abteilungsleitern Tacheles reden“, sagt Leipold. „Und dann bist du halt teilweise verbrannt.“ Ein anderer Betriebsrat pflichtet ihm da bei. „Bei uns kann man das schon so knallhart sagen: Wenn man Betriebsrat wird, steht dann ‚Edeka‘ auf der Stirn – Ende der Karriere.“ Sprich: Man wird intern kaltgestellt. Gekündigt werden können Betriebsräte nicht.
Es gibt – das betonen wiederum andere Betriebsräte in der Runde – aber auch Ausnahmen, bei denen sich Kollegen durch die Betriebsratsarbeit für Höheres auf Arbeitgeberseite empfohlen hätten.
Viele Baustellen
Als Betriebsrat, erklärt Karl-Heinz König, müsse man sich schon etwas trauen. „Da brauchst du jemanden, der die Pobacken zusammenzwickt, in die oberste Etage geht, auf den Tisch haut und sagt, dass wir es so nicht machen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende von Novem. Man müsse der Geschäftsführung, den Managern auf die Finger schauen. „Wir müssen Leitplanken setzen“, sagt Joachim Gräbner, „sonst machen sie, was sie wollen.“ Aktuell sei das gerade in Bezug auf Künstliche Intelligenz nötig. Die Betriebsräte sprechen von Überwachungsprogrammen, von Datenschutz, von Algorithmen, die bestimmte Bewerber benachteiligen könnten.
Auch abseits der KI-Themen gibt es für die Betriebsräte in der Nordoberpfalz derzeit jede Menge zu tun. In jedem der Unternehmen gebe es unterschiedliche Baustellen: die schwierige Situation der gesamten Wirtschaft, der Preisdruck, vor allem durch Konkurrenz aus China und Indien, die schlechte Auftragslage, ein unberechenbarer US-Präsident, die Kriege in der Ukraine und im Iran. Einige Betriebsräte sprechen von möglicher Kurzarbeit. Und auch ein Stellenabbau sei im kleineren Stil immer wieder möglich. „Gefühlt springt ja gerade jeder Arbeitgeber auf den Zug auf und baut Personal ab“, sagt Gräbner, „weil jetzt eine gute Zeit dafür sei, weil man’s auf die Weltlage und die Politik schieben kann.“




















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