13.07.2020 - 09:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mehr als ein Selbstversuch: Seit sechs Jahren ohne Zucker

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Vor sechs Jahren hat sich Michaela Lowak dazu entschlossen, auf Zucker zu verzichten. Rückblickend berichtet sie über anfängliche Probleme und das Unverständnis mancher Leute, aber auch über vieles, das sich seit dem positiv verändert hat.

So manch einem läuft beim Anblick einer Torte das Wasser im Mund zusammen. Redakteurin Michaela Lowak kann nichts damit anfangen, denn sie verzichtet seit sechs Jahren auf Zucker.
von Michaela Lowak Kontakt Profil

Als mich Mitte März 2014 der Weidener Injoy-Chef Gerd Paulus fragte, ob ich über einen Vortrag berichten könnte, den er in der Max-Reger-Halle veranstaltet, ahnte ich noch nicht, dass dieser mein Leben verändern würde. Paulus hatte Ernährungsexperten Roland Jentschura eingeladen, der damals zweieinhalb Stunden lang äußert kurzweilig über basische Ernährung sprach. Eine markante Aussage ist mir bis heute im Gedächtnis gelieben: "Lassen Sie Ihren Körper nicht zur Mülldeponie werden", gab Jentschura seinen Zuhörern mit auf den Weg und erklärte, warum zu viel Fleisch und Wurst, zu viel Zucker (der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 30 kg im Jahr), Chips, Pommes und Burger (laut Jentschura "Pickelfutter"), Weißmehl und Softdrinks nicht gut für den Körper sind.

Kuchen & Co. tabu

Das mit der Müllhalde ging mir auch noch Tagen nach dem Vortrag durch den Kopf. Da es mir viel zu kompliziert erschien, mich an irgendeinen Ernährungsplan zu halten, beschloss ich den für mich einfachsten Weg zu wählen: Ich versuchte von diesem Tag an auf Haushaltszucker zu verzichten. Tabu waren für mich Süßigkeiten, Kuchen, Nachspeisen, gesüßte Limonaden, Cola, Fruchtjoghurt, Marmelade und Fertigprodukte, die Zucker enthalten.

Während mich Kuchen auch die Jahre zuvor schon nicht sonderlich locken konnte, kam ich an keinem Gummibärchenregal vorbei. Die Phantasie-Tüte, saure Pommes, der Colorado-Mix, Frösche mit weißem weichen Bauch, die kleinen Picco-Balla - ich kannte sie alle. Unzählige Mal versüßten sie mir einen arbeitsreichen Nachmittag am Schreibtisch, in dem ich ruckzuck den gesamten Inhalt der Tüte verputzte.

Wie Tapetenkleister

Keine Gummibärchen mehr essen zu dürfen, war anfangs schon hart. Und im ersten Jahr überkam es mich gelegentlich immer wieder einmal und ich wurde schwach. Doch die Reue nach einer heißhungrig verschlungenen Packung folgte sofort. Die Dinger lagen mir im Magen wie Tapetenkleister. Und irgendwann verschwand das Verlangen danach komplett. Inzwischen stelle ich mir die Frage, wie ich diese klebrigen Zuckerbomben je essen konnte. Die innere Stimme, die zunächst noch nach Zucker gebettelt hat, wurde immer leiser und verstummte schließlich komplett.

Mittlerweile gibt es zum Thema "Zuckerfrei" unendlich viele Beiträge im Internet. Erst kürzlich bin ich auf eine Warnung gestoßen: "Ersetzen Sie ihr Verlangen nach Zucker nicht durch Obst", hieß es in einem Blogg. Tja, zu spät: Genau das habe ich 2014 gemacht, um den Industriezucker aus meinem Leben zu verbannen. Ich trickste mich mit Unmengen von Bananen aus. Mag sein, dass Ernährungsexperten jetzt aufheulen. Doch im Nachhinein betrachtet, hat's funktioniert. Jetzt nach all den Jahren ist die Lust auf Bananen weg. Natürlich steht Obst jeglicher Art auf meinem Speiseplan, doch es ist keine Ersatzdroge mehr. Nie ein Thema für mich waren für Zuckerersatzstoffe wie Birkenzucker, Xylit oder Stevia. Warum muss Naturjoghurt süß sein, wenn ich ihn mit Heidelbeeren peppen kann?

Essen macht Spaß

Auf Zucker zu verzichten, schien 2014 zumindest bei uns in der Oberpfalz noch ziemlich ungewöhnlich zu sein. Ein Vegetarier aß halt kein Fleisch, aber Zucker? Recht häufig, erntete ich für meine Ernährungsweise nur Kopfschütteln. "Du musst dir doch auch mal was gönnen", bekam ich immer wieder zu hören. "Du kannst es doch locker vertragen", lautete ein anderer beliebter Spruch. Da ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, welchen positiven Effekt der Zuckerverzicht auf mein Leben haben wird, fehlten mir oft die Argumente. "Sich etwas gönnen", definiert jeder anders. Für den einen ist es ein Stück Sachertorte, für mich eine Stunde mit meiner Laufgruppe draußen in der Natur.

Sich gesund zu ernähren, macht richtig Spaß. Ich freue ich über Kartoffeln mit Spinat und Spiegelei, Linseneintopf, einen lecker angerichteten Salatteller und Gemüse jeglich Art. Aber auch zu Grillfleisch, Pizza, Bratwürsten oder einer Zoiglbrotzeit samt dem Bier dazu sage ich gelegentlich nicht Nein.

Fit und gesund mit basischer Ernährung

Mit Sicherheit gibt es Menschen, die auch noch auf Stärke (Nudeln, Brot und Kartoffeln) und Fruchtzucker (Obst) verzichten. So weit gehe ich jedoch nicht. Mir geht's lediglich um den Industriezucker. Dafür studiere ich die Inhaltsstoffe auf Lebensmittelpackungen ganz genau. Meist stelle ich das Produkt wieder ins Regal zurück. Sollte ich mir dennoch etwas durchrutschen, wie das Dressing, dass ich mittags beim Bäcker zum Salat mitbekommen habe, ist es halt so. Man sollte sich nicht in Erbsenzählerei verzetteln, sondern auf das Offensichtliche konzentrieren.

Positives Lebensgefühl

Für mich ist Zuckerverzicht, kein Wettbewerb, keine Challenge, sondern eine Lebenseinstellung. Gewichtsprobleme, auch in Zeiten von weniger Sport, sind mir seit Jahren unbekannt. Am meisten freue ich mich über die vielen positiven gesundheitlichen Effekte. Meine Pollenallergie ist komplett weg. Früher bin ich Ende April/Anfang Mai vor Buche, Birke & Co. ins Dampfbad der Thermenwelt geflohen, heute genieße auf meiner Laufrunde die gute Luft. Auch die Erkältungen, mit denen ich mich Jahr für Jahr im Winter geplagt habe, sind deutlich weniger geworden. An alle Skeptiker: Mit wissenschaftlichen Erklärungen kann ich nicht dienen, aber dafür mit jeder Menge positivem Lebensgefühl.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.