Wie Sand rieseln einzelne Sonnenblumen- und Kürbiskerne zu Boden. Christine Schwägerl stapelt Vollkornlaibe neben Toastbrot. Das Gebäck legt sie in Körbe einer hüfthohen Auslage. „Das wird ein anstrengender Tag“, murmelt die 67-Jährige.
Die Blondhaarige hilft ehrenamtlich bei der Tafel in Weiden, die Menschen in der Stadt sowie im Landkreis Neustadt/WN versorgt. Seit neun Uhr morgens sortiert sie Backwaren. Die übrigen Freiwilligen ordnen Gurken, Joghurt und Kartoffelsalat. Wie Bienen in einem Bienenstock schwirren sie geschäftig herum.
Abholtag für Ukraine-Flüchtlinge
Der Mittwoch ist allein für 220 Geflüchtete aus der Ukraine gedacht. Früher bekamen alle Kunden aus Weiden und Umgebung am dritten Tag der Woche etwas zu Essen. Nun müssen diese 400 Menschen montags oder freitags zur Tafel. Jeder erhält einmal pro Woche Lebensmittel, vor Kriegsbeginn waren es bis zu dreimal. Laut Zahlen der Tafel Deutschland können Bedürftige bei rund 17 Prozent der Tafeln seltener Nahrung abholen, seitdem viele Ukrainer wegen des Kriegs nach Deutschland geflüchtet sind.
Zurück nach Weiden. Im „Bienenstock“ Tafel bricht Hektik aus. Pünktlich um halb elf Uhr morgens strömen die ersten Kunden in die Räume des ehemaligen Möbelhauses. Der frühere Laden hat nur wenige Fenster, an der Decke flackern LED-Lampen. Bunte Zeichnungen von Schokoladentafeln, Paprikas und Schinkenkeulen zieren die Wände. Ein Versuch, die triste Umgebung freundlicher zu gestalten. Am Eingang kontrolliert eine Helferin die Berechtigtenkarten, die an Personalausweise erinnern. Deren Nummern prüft die Mitarbeitende, damit jeder nur einmal pro Woche Essen erhält. Gegenüber geben Freiwillige Obst und Gemüse aus. Daneben summt eine Kühltheke, darin lagern Käse und Wurst.
Knappe Lebensmittelspenden
„Privit – hallo“, begrüßt eine Ukrainerin Schwägerl bei den Backwaren. Die Geflüchtete zeigt auf ein paar Semmeln in der Auslage. Sie strahlt, als die Helferin mehrere eintütet und ihr reicht. „Dyakuyu – danke“, sagt die Frau aus der Ukraine begeistert über die Brötchen.
Weil die Lebensmittelspenden knapp sind, hat Josef Gebhardt den Mittwoch als Ausgabetag für Geflüchtete aus der Ukraine eingeführt. Er ist der Vorsitzende der Tafel Weiden-Neustadt. „Eine rein logistische Entscheidung. Wir mussten den hohen Ansturm an Menschen irgendwie bewältigen“, betont er. Laut einer Statistik der Tafel Deutschland sind seit Beginn des Kriegs in der Ukraine die Kundenzahlen bei jeder vierten Tafel um bis zu 50 Prozent gestiegen. In Weiden sind es rund 25 Prozent. Trotz des Stresses arbeiten die Freiwilligen gut zusammen. So wie bei Bienenvölkern hat auch hier jeder seine Aufgabe. Einige Helfende holen Waren aus dem Lager, die Übrigen geben die Lebensmittel aus.
Ein Geflüchteter fragt Schwägerl nach einem zweiten Laib Brot und deutet bittend auf einen aus Vollkorn. Die Ehrenamtliche greift nach seiner Berechtigtenkarte, die ausweist, für wie viele Personen der Ukrainer Lebensmittel abholt. Drei steht da. Die Frau schüttelt den Kopf. „Meistens fällt es mir nicht schwer, nein zu sagen. Es muss genug für alle bleiben“, erklärt die Freiwillige. Die Menschen bekommen genug, um die nächsten drei bis vier Tage davon leben zu können, findet die Helferin und ergänzt: „Es reicht völlig aus, einmal in der Woche Lebensmittel abholen zu können.“ Waren, die die Bedürftigen bei der Tafel nicht erhalten, würden sie im Supermarkt kaufen.
Ukrainerin befürwortet System
„Hallo, wie geht es ihnen?“, fragt eine Ukrainerin Schwägerl mit osteuropäischem Akzent. Ihr Name ist Viktoria. Zu Beginn des Kriegs ist die Mutter mit ihren beiden Kindern nach Weiden geflohen. 685 Ukrainer leben laut aktuellen Zahlen im Stadtgebiet. „Es passt alles, danke“, antwortet die Ehrenamtliche. Zeit für Gespräche bleibt wegen der zahlreichen Kunden kaum. „Ich möchte einmal Brötchen bitte“, formuliert die Geflüchtete bemüht.
Nicht alle sprechen so gut deutsch. Deshalb fällt die Kommunikation mit den Mitarbeitenden spärlich aus. Die Ukrainer hingegen diskutieren, quatschen und lachen. Es scheint nicht so, als sei das ehemalige Möbelgeschäft für sie ein beklemmender Ort. Viktoria bestätigt das. Sie sei dankbar für jede Hilfe und sieht den gesonderten Ausgabetag als Vorteil: „Wir haben alle dasselbe erlebt. Hier können wir uns in unserer Muttersprache darüber austauschen.“
Gegen 13.15 Uhr kehrt Ruhe in die Halle ein. Die Ausgabezeit ist fast vorbei. Die meisten Bedürftigen sind weg. Vom geschäftigen Bienenstock kaum eine Spur. Nur die Kühltheke summt noch.
- Über 960 Tafeln in Deutschland
- 60.000 Helfer packen an
- 1,6 bis 2 Millionen Kunden
- 36 Prozent der Tafeln haben bis zu 50 Prozent mehr Kunden
- 90 Prozent der Tafeln haben mehr Geflüchtete aus der Ukraine als Kunden als früher
Quelle: Tafel Deutschland, Zahlen vom August 2023















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