06.06.2019 - 17:43 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mutter bestreitet absichtliche Verbrühung: ein Unfall

Die einzige Zeugin ist ein Jahr alt. Entsprechend schwer wird es, einer Mutter die Misshandlung nachzuweisen. Staatsanwältin Franziska Hofmann wirft ihr vor, Teewasser auf das Kind gekippt zu haben. Die 27-Jährige streitet das ab.

Rechtsanwalt Matthias Haberl vertritt die 27-jährige Mutter, die wegen Misshandlung und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht steht.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Seit Donnerstag steht die Frau vor dem Schöffengericht. Zur Vernehmung bei der Weidener Kripo war sie nicht gekommen. Jetzt lässt sie über ihren Verteidiger Matthias Haberl erklären, dass sich die Tochter selbst verbrüht habe. Das zwölf Monate alte Mädchen sei in einem unbeaufsichtigten Moment zum Hochstuhl gekrabbelt, habe sich hochzogen und zu einer Tasse mit Tee gegriffen. Sie, die Mutter, sei in diesem Moment aus dem Bad ins Wohnzimmer zurück gekommen, als die Tasse schon fiel. Das Kind erlitt Verbrühungen zweiten Grades an Hals und Schulter. Fünf bis sechs Prozent der Haut sind betroffen. Der Rettungshubschrauber flog es in eine Schwabinger Spezialklinik.

Die 27-Jährige selbst meldete den Vorfall an das Jugendamt Weiden, unter dessen Beobachtung sie stand. 2016 waren die Weidenerin und ihr damaliger Partner wegen Unterlassung verurteilt worden. Sie hatten den verbrühten Sohn zwei Mal erst mit stundenlanger Verspätung in Kliniken gebracht. Wie es zu den Verbrühungen gekommen war, konnte nie geklärt werden. Ein Tatnachweis gegen die Eltern gelang nicht. Die 27-Jährige und ihr damaliger Partner bezichtigten sich gegenseitig. In zweiter Instanz gab es für die Mutter zwei Jahre auf Bewährung. Diese läuft noch. Die beiden Söhne aus dieser Beziehung leben in Pflegefamilien.

Mit einem neuen Partner hat die 27-Jährige zwei Töchter. Und natürlich sah die Kriminalpolizei etwas genauer hin, als sie über dritte Verbrühung informiert wurde. Der Kommissar sprach mit den Sanitätern und Notärzten. Was er hörte, zerstreute sein Misstrauen nicht. "Da kamen mehrere Versionen auf den Tisch, wie es zu den Verletzungen gekommen sei." Mal habe das Kind im Hochstuhl gesessen, mal habe es sich hochgezogen. Mal habe sie den Vorfall gesehen, mal nicht. Anwalt Haberl fragt den Kommissar: "Schließen Sie aus, dass es Unfall war?" Der Kripobeamte: "Ich weiß es nicht. Aber ich werde eben stutzig, wenn es zwei Vorgeschichten gibt."

Der Vater des Kindes sagt aus, auf dem Sofa daneben geschlafen zu haben. "Ein Schrei und ein Knall" hätten ihn geweckt. Er habe seine Partnerin zum Kind laufen sehen, das vor dem Hochstuhl in einer Lache am Boden lag. Er zweifelt nicht an der Angeklagten: "Meine Frau war völlig aufgelöst. Wenn ich absichtlich jemandem so etwas beibringe, dann stehe ich nicht so unter Schock." Vor drei Wochen hat das Paar geheiratet.

Was sagen die Verletzungen? Eine Rechtsmedizinerin hat das Kind in Schwabing untersucht. Ergebnis: Die Verletzungen lassen sich mit der Version der Mutter in Einklang bringen, allerdings würde die Rechtsmediziner aufgrund der Vorgeschichte auch nicht ausschließen, dass es eben doch kein Zufall war. Richter Hubert Windisch lässt am Donnerstag sogar den Original Hochstuhl aus der Asservatenkammer holen. Eine Staatsanwältin füllt mit einer Gießkanne eine Tasse mit Wasser, die auf das Tischchen des Hochstuhls gestellt wird. Windisch rüttelt an den Stuhlbeinen. Er will wissen, bei welchem Kraftaufwand der Hochstuhl kippelt und wann die Tasse fällt. Letztlich bräuchte es für einen echten Test ein einjähriges Kind.

Das Schöffengericht wird ab nächsten Donnerstag, 10.30 Uhr, weitere Zeugen hören, darunter das medizinische Personal vom Einsatzort. Erwartet wird zudem Professor Peter Betz von der Rechtsmedizin Erlangen.

Hochstuhl im Gerichtssaal. Dahinter Versuchstassen und eine Gießkanne mit Wasser.

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.