26.05.2020 - 08:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nachhaltigkeit und Ethik: Kommt erst das Fressen, dann die Moral?

Mit Dr. Lisa Marie Schöttl gibt es an der OTH Amberg-Weiden jetzt eine Professorin, die Studierende mit Fragen der Nachhaltigkeit und Ethik konfrontiert.

Ethische Fragen, wie sie zum Beispiel die Klimaveränderungen aufwerfen, fordern von den Entscheidern in Wirtschaft und Politik konkrete Antworten. Wie wappnet die OTH die Führungskräfte von morgen für diese Aufgaben?
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Frau Schöttl, Berthold Brecht verzweifelte am Menschen und meinte: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Sehen Sie das auch so?

Prof. Dr. Lisa Schöttl: Dieser Satz wird gerne zitiert, wenn die Relevanz moralischer Ansprüche relativiert werden soll. Tatsächlich wissen wir aber doch, dass unsere Lebensweise und unsere Wirtschaft ohne einen moralischen Grundkonsens, an den wir uns halten, nicht funktionieren könnten. Vertrauen und Ehrlichkeit sind Werte, auf die wir uns verlassen und verlassen müssen. Wenn wir mit einem Handwerker mündlich einen Termin vereinbaren, müssen wir uns darauf verlassen können, dass er kommt. Deshalb brauchen wir für das „Fressen“ sozusagen die Moral, sonst gäbe es gar kein Fressen. In manchen Belangen muss verantwortungsvolles Handeln aber auch gesellschaftlich definiert und zum Beispiel vom Staat durchgesetzt werden.

Dr. Lisa Schöttl, Professorin an der Fakultät Betriebswirtschaft der OTH Amberg-Weiden: "Ohne neue Wege auszuprobieren und das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen, werden wir es nicht in eine nachhaltige Zukunft schaffen.

ONETZ: Ich will, dass ihr in Panik geratet: Greta Thunberg fordert ein radikales Umdenken im wirtschaftlichen Handeln. Geht die junge Schwedin da nicht ein bisschen zu weit?

Prof. Schöttl: Die Wissenschaft sagt, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, um die Erderwärmung auf einem verträglichen Niveau zu halten. Ich finde diese Forderung daher nicht übertrieben. Wir müssen alternative Ansätze, zum Beispiel einer Gemeinwohlökonomie oder Postwachstumsökonomie, stärker diskutieren. Ohne neue Wege auszuprobieren und das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen, werden wir es nicht in eine nachhaltige Zukunft schaffen.

ONETZ: Geht es um solche Fragen auch in Ihren Lehrveranstaltungen?

Prof. Schöttl: Die Studierenden sind vor allem an praktischen Fragen und Lösungen interessiert, die etwas mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Deshalb diskutieren wir oft aktuelle Themen, wie zum Beispiel die gesellschaftlichen Auswirkungen von Unternehmen wie Airbnb oder die ethischen Risiken beim vermehrten Einsatz von Digitaltechnologien und Algorithmen.

ONETZ: Bekommen die Studierenden dabei konkrete Antworten mit auf den Weg?

Prof. Schöttl: Ideen, wie man zum Beispiel nachhaltiger leben kann, gibt es viele. Mir geht es weniger darum, Anreize für Handlungsveränderungen zu bieten, sondern darum, das Denken zu schulen und für ethisch relevante Themen zu sensibilisieren – damit die Studierenden diese unabhängig vom konkreten Gegenstand erkennen und lernen, wie mögliche Lösungswege aussehen. Sie sollen selber erkennen, wie sie Verantwortung übernehmen können – sowohl als Student, Konsument, Bürger als auch in späteren Rollen im Berufsleben.

ONETZ: Was hilft es, wenn man ein Problem erkennt, in der Realität aber nichts ändern kann?

Prof. Schöttl: Wir üben mit Fallstudien und Rollenspielen, wie man bestimmte Themen offen anspricht und sein Gegenüber mit einer guten, ethisch fundierten Argumentation überzeugt. Das ist eine Fähigkeit, die man im Job braucht – gerade, wenn es um Moral und Werte in der Wirtschaft geht, also um Themen, die nicht immer auf offene Ohren stoßen. Zugleich sprechen wir über die Bedingungen, die für verantwortungsvolles und nachhaltiges Handeln nötig sind und welche Rolle hier verschiedene „Stakeholder“, wie Unternehmen, der Staat, NGOs oder die Medien spielen. Diese Themen werden auch Teil des sich im Aufbau befindenden neuen Masterstudiengangs „International Management & Sustainability“ sein.

Zur Person:

Ethik-Expertin

Dr. Lisa Marie Schöttl ist Professorin an der Fakultät Betriebswirtschaft in Weiden. Die gebürtige Münchnerin wuchs bei Bremen auf. Studium und akademische Laufbahn führten sie unter anderem nach Konstanz, Jena, Berkeley (USA), Friedrichshafen – und ans Weltethos-Institut in Tübingen.

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