09.02.2021 - 16:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Naturschützerin Corinna Loewert: "Wald zu wertvoll, um ihn für Gewerbegebiet Weiden West IV zu opfern"

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Weiden braucht Arbeitsplätze. Das weiß auch Corinna Loewert. Doch fast 50 Hektar Wald für ein neues Gewerbegebiet zu roden, ist der Umweltschützerin entschieden zu viel. Bei einem Spaziergang vor Ort erklärt sie ihre Beweggründe.

Corinna Loewert durchstreift auch privat Wälder. "Ich mag die Ruhe."
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Als es in der Weidener Innenstadt noch trocken ist, fallen Luftlinie drei Kilometer außerhalb bereits dicke Schneeflocken. Corinna Loewert reckt die Hände nach oben und sagt erfreut: "Das ist der Wald. Der fängt das Wasser." In ihren Augen ist das Gebiet zu wertvoll, um es für ein Gewerbegebiet zu opfern, von dem man noch nicht mal wisse, welche Unternehmen sich ansiedeln und wie viele Arbeitsplätze es einmal bringen werde. "Der Wald hier, die Bäume, das ganze Ökosystem erfüllen eine wichtige Aufgabe für Weiden. Und es hilft unter anderem, den Klimawandel abzufedern."

Corinna Loewert ist naturverbunden aufgewachsen und pflegt eine nachhaltige Lebensweise. Die 28-Jährige stammt aus Kohlberg und wohnt seit drei Jahren in Weiden. Im Bund Naturschutz engagiert sie sich als Ortsgruppenvorsitzende, ist Sprecherin des Aktionsbündnis Walderhalt und seit wenigen Tagen zertifizierte Geoparkrangerin. "Ohne Natur kann ich nicht leben". Sie hat in Würzburg Physische Geographie studiert und an der TU München ihren Master in Umweltplanung und Ingenieurökologie erfolgreich abgeschlossen. "Ich saß mit Landwirten und Forstleuten im Kurs. Da gab es spannende Diskussionen."

Wasserspeicher und Temperaturregler

Es sind die Zusammenhänge von Umwelt, Klima und Boden, die sie faszinieren. Wälder erfüllten wichtige Aufgaben im Klimaschutz. Sie liefern Holz zum Bauen, zum Heizen und speichern große Mengen an Kohlendioxid. "Und sie sorgen für Kühlungseffekte. Wenn diese Bäume hier für West IV fallen, dann wird sich das auf die gefühlten Temperaturen auswirken", weiß Loewert. Während ihres Studiums habe sie unter anderem in einem Stadtviertel von München untersucht, welchen Einfluss die Anzahl von Bäumen und Fassadenbegrünungen auf die gefühlte Temperatur hat. "Das kann schnell zwischen 20 und 40 Grad Celsius schwanken."

Das Aktionsbündnis Walderhalt hat im Waldgebiet östlich der B 470 Protestschilder aufgestellt (im Hintergrund). Corinna Loewert: "Ab hier würde das Gewerbegebiet West IV beginnen. Die Bäume kämen alle weg."

Im Wald spiele auch der Wasserhaushalt eine wichtige Rolle. "Bei rund 47 Hektar bebauter Gewerbefläche wird viel Boden versiegelt, einschließlich der Straßen. Die Wasserneubildung im Boden wird massiv behindert." Im Wald könne Oberflächenwasser versickern, auf bebauter Fläche sei hingegen die Aufnahmekapazität begrenzt. "Das geplante Gewerbegebiet soll begrünt werden? Aber ich frage mich, was die Begrünung leisten kann. Grünstreifen allein reichen da nicht aus."

Mittlerweile sind wir ein paar Hundert Meter tief in den Wald gelaufen. Auch ein paar Spaziergänger mit Hunden sind im Schneetreiben unterwegs. Die Standortschließanlage haben wir rechts hinter uns gelassen. Ab hier soll laut Plan West IV beginnen. "Merken Sie was?", sagt Loewert. "Hier ist es total ruhig." Der Verkehrslärm von der nahen Bundesstraße ist kaum noch zu hören. "Auch das", so sagt die 28-Jährige, "macht der Wald. Er mindert die Geräuschkulisse. Und abgesehen von der guten Luft ist es hier einfach entspannend und gesund." Also ist der Wald im Westen der Stadt in ihren Augen ein Naherholungsgebiet? "Absolut, ja", ist die Naturschützerin überzeugt. Werde hier gebaut, sei das alles dahin.

Vor allem Hundebesitzer sind an diesem verschneiten Nachmittag auf den Wegen im Wald an der B 470 unterwegs.

Lebensraum wird beschnitten

Und nicht nur das. Auch für viele Pflanzen und Tiere sei es ein wertvoller Rückzugsort. 32 hier lebende geschützte Arten nennt das Aktionsbündnis. Corinna Loewert kennt nicht jede Art bei Namen. Aber sie weiß von bis zu fünf seltenen Fledermausarten, Vögel und Käuzen, die bei einer Bebauung des Areals vertrieben würden. "Sie werden keinen Specht mehr hier sehen." Sie sorgt sich auch um die Wildkatze im nahen Manteler Forst. "Wir wissen nicht, ob die Katze auch im Gebiet von West IV unterwegs ist. Aber das seltene Tier ist sehr störanfällig. Wenn wir immer mehr Wald drum herum wegnehmen, dann hat es bald keinen Raum mehr zum Leben." Zusammenhängende Waldflächen wie im Weidener Westen sollten erhalten und nicht zerschnitten werden. "Eingriffe in die Natur gibt es in ganz Deutschland schon genug. Wollen wir das wirklich aktiv provozieren?"

Die Aussage der Gewerbegebiet-Befürworter, dass für die gefällten Bäume doch Ausgleichsflächen geschaffen würden, greift für Loewert zu kurz. "Trockenheit und Klimawandel fordern Tribut. Unseren Wäldern geht es grad gar nicht gut. Die Aufforstung von Ersatzflächen dauert viel zu lange, bis die Funktion eines über Jahrzehnte gewachsenen Waldes, unter anderem als CO2-Speicher, erreicht werde. Auch gehe die Artenvielfalt verloren. "Ausgleichsflächen sind nur Flecken und haben eine andere Qualität. Ausgleichsflächen sind ein Trostpflaster, aber kein Ersatz für ein zusammenhängendes Waldstück. Ein intakter Wald ist schützenswerter."

Das sagen Naturschützerin Corinna Loewert und Unternehmer Norbert Samhammer zu Weiden West IV

Dass eine Stadt wie Weiden neue Arbeitsplätze schaffen muss, versteht Corinna Loewert. Aber man sei sehr spät dran. Warum wurden nicht schon lange andere Gebiete erschlossen? "Mir fehlt bei den Verantwortlichen einfach eine klare Kommunikation. Es ist nie gesagt worden, welche Unternehmen in West IV bauen wollen, geschweige denn, was die Alternativenprüfung anderer Standorte ergeben hat. Ich persönlich habe schon Angst vor Bodenspekulanten."

Als wir uns am Parkplatz in der Pressather Straße verabschieden, steigt die 28-Jährige auf ihr Fahrrad. "Ich habe kein Auto und will auch keines", sagt sie lächelnd. Sie hofft, dass sich viele Weidener am Bürgerentscheid beteiligen. "Ich für meinen Teil würde gerne noch lange hier in diesem Wald im Herbst Steinpilze und Röhrlinge sammeln wollen."

Weiden West IV: Waldspaziergang mit Unternehmer Norbert Samhammer

Weiden in der Oberpfalz

Befürworter und Gegner von Weiden West IV im Gespräch mit Oberpfalz-Medien

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Zur Person: Corinna Loewert (28)

  • In Kohlberg aufgewachsen, wohnt seit drei Jahren in Weiden
  • Abitur am Augustinus-Gymnasium
  • Studium der Physischen Geologie mit Schwerpunkt Fernerkundung in Würzburg
  • Masterstudiengang Umweltplanung und Ingenieurökologie mit Schwerpunkt Landnutzung, Biodiversität und Wassermanagement
  • Seit Mai 2019 Klimaschutzbeauftragte der Stadt Amberg
  • Vorsitzende der Bund Naturschutz-Ortsgruppe Weiden, Mitglied im Aktionsbündnis Walderhalt

"Ausgleichsflächen sind ein Trostpflaster, aber kein Ersatz für ein zusammenhängendes Waldstück"

Corinna Loewert

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