09.02.2021 - 16:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Unternehmer Norbert Samhammer: "Vor 20 Jahren hätte man Weiden West IV längst abgeholzt"

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Das Unternehmen agiert international, aber der "Kopf" sitzt in Weiden. Hier lässt es sich gut arbeiten, sagt Norbert Samhammer, Aufsichtsratsvorsitzender der Samhammer AG, beim Spaziergang in "West IV". Er überrascht mit einem Bekenntnis.

Welche Firmen könnten sich im geplanten Gewerbegebiet West IV ansiedeln? Beim Waldspaziergang macht Norbert Samhammer sich so seine Gedanken.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Mit 61 Jahren darf sich Norbert Samhammer schon etwas zurücklehnen. Er habe viel erreicht, wie er sagt. Der Aufsichtsratsvorsitzende weiß sein 1988 gegründetes Dienstleistungsunternehmen gut aufgestellt. Rund 500 Mitarbeiter am Standort Weiden kümmern sich um Lösungen im digitalen Kundenservice. Seit 2018 wird in einem eigens gegründeten Institut auch zu Künstlicher Intelligenz geforscht. "Ein Unternehmen muss sich alle fünf Jahre erneuern, um bestehen zu können", sagt Samhammer. Als Visionär hat er dies auch im eigenen Betrieb auf dem ehemaligen EAW-Gelände stets beherzigt.

Wer wachsen will, braucht Platz. Und den soll es für bestehende Unternehmen, die erweitern wollen, oder für Neuansiedlungen im künftigen Gewerbegebiet Weiden West IV geben. Mit Norbert Samhammer machen wir uns an diesem regnerischen Tag auf in das betreffende Waldgebiet. Der Weidener hat keine Berührungsängste mit dem Thema. Im Gegensatz zu manch anderen Unternehmern aus der regionalen Wirtschaft, die die Einladung zum Spaziergang ausschlugen.

Weiden braucht ein Gewerbegebiet

"Ich habe als Unternehmer eine klare Meinung", sagt der 61-Jährige. "Weiden ist Oberzentrum und braucht die Wirtschaft. Weiden braucht ein Gewerbegebiet." Das große Aber folgt auf den Fuß - und überrascht: "Als Privatmensch bin ich gegen West IV." Punkt.

Wie passt das zusammen? Samhammer versucht es, zu erklären. "In Weiden sind Gewerbeflächen im Moment nicht gerade üppig vorhanden. Es gibt noch Restlücken, aber die eignen sich nicht für jeden", wisse er. Auch sei manche Fläche überteuert. Hinzu komme der Wettbewerb ums Gewerbe mit dem Landkreis Neustadt/WN. Mit größeren Flächen sehe es grundsätzlich nicht so gut aus. "Ja, als Unternehmer, bin ich ganz klar für ein Gewerbegebiet in Weiden."

Aber der Privatmensch Samhammer, der viel in der Natur unterwegs ist, denke eben anders, gibt er unumwunden zu. "Ich kann es moralisch nicht vertreten, dass der Wald hier gerodet wird. Ich kann nicht mit dem Finger auf die Welt zeigen, wenn der Regenwald zerstört wird, aber vor der eigenen Haustür vergehen wir uns an der Natur." Vor 20 Jahren hätte man West IV längst abgeholzt. Heute sei das in der globalen Diskussion um den Klimawandel nicht vertretbar. "Es sind nicht nur zwei Bäume, es ist eine Riesenverantwortung."

"Weiden braucht Gewerbeflächen. Die sind zurzeit nicht üppig vorhanden."

Wirtschaft verändert sich

Aber Weiden braucht doch Gewerbeflächen. "Natürlich", sagt der 61-Jährige. "In der ganzen Debatte um West IV hätte ich mir aber grundsätzlich eine viel tiefergreifende Diskussion gewünscht." Weiden habe keine Schwerindustrie zu bieten. Es gebe zwei bis drei Großunternehmen wie Witt oder ATU, der Rest seien Handwerksbetriebe, Mittelständler und Kleinunternehmer. "So ist die Situation nun mal. Wir haben doch in den letzten sieben Jahren keine große Ansiedlung mehr gehabt. Stattdessen gibt es Start-ups und Existenzgründer, wie auch das stark nachgefragte E-House auf dem Campus der OTH zeigt." Es freue ihn, wenn daraus Betriebe wachsen und bislang leerstehende Räume wie aktuell im ehemaligen Telekom-Gebäude in der Oberen Bauscherstraße eine sinnvolle Nutzung erfahren. Überhaupt sei das E-House eine feine Sache. "Da sollte man dranbleiben", sagt Samhammer. "Schon allein aufgrund der Nähe zur OTH. Sie bietet Studierenden wie Firmen, die qualifizierte Akademiker suchen, gute Möglichkeiten."

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"Frauenricht besserer Standort"

Leerstände oder brache Flächen gebe es in Weiden noch einige. Als Beispiel nennt Samhammer den alten Volksfestplatz. "Der gehört sich bewirtschaftet. Ich kann nicht verstehen, warum hier nicht die Verhandlungen wieder aufgenommen werden." Positiv nennt der Unternehmer das Gewerbegebiet Neustädter Straße beim neuen Festplatz. "Die Ausweisung war richtig, es kommt langsam in Fahrt." Mehr Nachdruck hätte er sich jedoch in der Diskussion um alternative Standorte für West IV gewünscht. Er finde es traurig, dass darüber nicht abgestimmt wurde. "Frauenricht /Latsch sind für mich eindeutig die besseren Standorte. Nah an der Autobahn, Flächen, die nicht gerodet werden müssen und man könnte an die dort entstehende ,Denkwelt' von Christian Engel andocken." Und Samhammer denkt noch weiter, ganz Visionär. "Da wäre Raum für innovative Konzepte wie eine autonome Anbindung ans Stadtzentrum. Warum nicht selbst fahrende Busse einsetzen?" Die Gewerbeflächen dort wären zwar kleiner, aber besser, ist sich Samhammer sicher. Wer brauche schon so riesige Flächen, wie in West IV angedacht? Er wisse von keinen Interessenten.

Dass Logistikfirmen mit viel Flächenverbrauch und wenig Arbeitsplätzen nicht die erste Wahl für West IV seien, versteht der Weidener. Aber wer sei dann die Zielgruppe? "Auch diese Frage wurde, wie ich finde, im Vorfeld zu wenig ergründet", sagt er und macht noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam. "Die Arbeitswelt und die damit verbundenen Bedürfnisse verändern sich. Nicht erst, seit es Corona gibt. Viele Unternehmen haben Arbeit ins Homeoffice verlagert. In Zukunft wird es viel mehr Heimarbeitsplätze geben." Er sehe das auch im eigenen Betrieb. "Bei uns arbeiten momentan rund 35 Prozent von zu Hause aus." Homeoffice bleibe (für die Betriebe, die es anbieten können) über die Pandemie hinaus ein Thema. Das habe aber wiederum Einfluss auf den Bedarf und die Größe von Gewerbeflächen.

Samhammer hat seine Entscheidung getroffen. "Im Grunde genommen gibt es doch drei Möglichkeiten, um ein Gewerbegebiet zu erschließen: 1. Wald abholzen, 2. landwirtschaftliche Flächen nutzen oder 3. Brachen reaktivieren. Alles legitim, aber für mich muss es umweltverträglicher sein, als es jetzt passiert. Ich frage mich ,Ist der Standort in West IV richtig' und komme zu dem Schluss, dass das Gewerbegebiet hier nicht hingehört. Als Unternehmer tut mir das leid, aber wir alle tragen eine größere Verantwortung."

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Norbert Samhammer: "Moralisch kann ich es nicht vertreten, dass die Bäume in West IV gefällt werden."
Info:

Zur Person: Norbert Samhammer (61)

  • In Weiden aufgewachsen
  • Nach dem Informatik-Studium erste Berufsjahre bei Hewlett Packard in
    Deutschland und den USA
  • Mit 29 Jahren Rückkehr nach Weiden
  • 1988 begründet der erste Computerladen in der Prinz-Ludwig-Straße die Firma Samhammer. In den Folgejahren Umzug ins ehemalige EAW-Gelände, wo das Unternehmen kontinuierlich wächst
  • Im Jahr 2000 Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
  • Internationaler Dienstleister für technische Helpdesk Services (Optimierung von digitalen Serviceprozessen) und führend in KI-basierten Service Bots.
  • 800 Mitarbeiter (davon rund 500 am Standort Weiden).

"Weiden braucht Gewerbeflächen. Aber muss es West IV sein?"

Norbert Samhammer, Unternehmer

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