01.07.2020 - 17:59 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Neuer Mindestlohn: Gemischte Gefühle in der Oberpfalz

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Bis zum Juli 2022 soll der Mindestlohn von 9,35 auf 10,45 steigen. Gewerkschafter aus der Region sehen das negativ wie positiv: Kein Traumergebnis, aber ein weiterer Schritt Richtung 12 Euro. Ein Arbeitgebervertreter findet kritische Worte.

Die Erhöhung des Mindestlohns trifft viele Branchen: Hier putzt ein Gebäudereiniger eine gläserne Fassade.
von Julian Trager Kontakt Profil

Kein Traum, aber auch kein Albtraum: Der Weidener Gewerkschafter Peter Hofmann sieht die künftige Mindestlohnerhöhung mit gemischten Gefühlen. "Natürlich ist das kein Traumergebnis", sagt der Regionssekretär des deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). "Wir sind aber trotzdem zufrieden, dass sich überhaupt etwas bewegt hat." Die Arbeitgeber hatten wegen der Belastungen vieler Firmen in der Coronakrise vor zu großen Erhöhungen gewarnt. Hofmann spricht von "erbitterten Widerständen". Von dem her seien die 1,10 Euro mehr pro Stunde positiv zu sehen.

Der gesetzliche Mindestlohn soll bis Juli 2022 in vier Stufen von jetzt 9,35 Euro auf dann 10,45 Euro steigen. Das hat die Mindestlohn-Kommission - bestehend aus Gewerkschaften, Arbeitgeber und Wissenschaftlern - am Dienstagabend empfohlen. Die Bundesregierung muss den künftigen Mindestlohn allerdings noch per Verordnung umsetzen, in der Regel richtet sie sich dabei an die Empfehlungen der Kommission.

"In Mitterteich sind 10,45 Euro mehr wert als in München"

Perspektivisch gesehen ist das Ziel der Gewerkschaften ein Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde. "Das ist eine lange Zeremonie", sagt der Weidener DGB-Mann. Es gehe eben nur Schritt für Schritt.

Wie gut man mit 10,45 Euro Lohn in der Stunde leben kann, kommt auch auf die Lebensverhältnisse an. "In Mitterteich sind 10,45 Euro mehr wert als in München", sagt Hofmann. Die einfachste Lösung sei aber ohnehin der Eintritt in eine Gewerkschaft, "dann könnte die anständige Bezahlung über einen Tarifvertrag geregelt werden".

Mindestlohn steigt von 9,35 Euro auf 10,45 Euro

Deutschland und die Welt

Alexander Gröbner, Geschäftsführer von Verdi Oberpfalz, schätzt den Kompromiss der Kommission ähnlich ein. "Ich bedaure sehr, dass der neue Mindestlohn nicht höher ist." Aber die Arbeitgeberseite hätte eben stark gemauert. "Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise muss man dann eben in den sauren Apfel beißen", sagt Gröbner. Und trotzdem sei Verdi weiter stark daran interessiert, dass der Mindestlohn von 12 Euro so schnell wie möglich erreicht wird. Weil: "12 Euro pro Stunde sind mindestens notwendig für ein armutsfreies Leben." Zudem entwickle sich das Preisniveau ja weiter nach oben.

"Erstmal abwarten, ob Pleitewelle kommt"

Hans-Jürgen Nägerl steht auf der anderen Seite, er ist Inhaber des Landhotels Weißes Roß in Illschwang (Kreis Amberg-Sulzbach) und im Bezirksvorstand der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft.

12 Euro pro Stunde sind mindestens notwendig für ein armutsfreies Leben.

Alexander Gröbner, Geschäftsführer von Verdi Oberpfalz

Wegen Corona findet Nägerl die Erhöhung nicht optimal. In der Situation hätte man die Verhandlungen über einen neuen Mindestlohn aussetzen sollen, meint er. "Eine vernünftige Lösung wäre gewesen, abzuwarten, ob eine Pleitewelle kommt, ob Hotels, Restaurants, Reisebüros schließen müssen." Danach hätte man schauen können, wie man den Mindestlohn anpasst.

Sehr viele Branchen leiden, speziell die eigene, die der Hotels und Gastrobetriebe. "Selbst jetzt in der Hochfahrphase liegen die Umsätze bei nur 40 Prozent", sagt Nägerl.

Zum Mindestlohn hat der Hotelier eine pragmatische Einstellung. "Wenn man die guten Leute bekommen möchte oder halten will, muss man den Mindestlohn ja eh schon zahlen, sogar mehr." Auch mehr als 10,45 Euro. Die Arbeitsmarktsituation und der Mangel an Fachkräfte geben das gar nicht anders her. Wenn Corona nicht reingegrätscht hätte, wäre Nägerl auch für eine Erhöhung gewesen: "Es war klar, dass die Löhne steigen hätten müssen, wenn die Situation so weitergegangen wäre" - aber dann seien eben Pandemie und Einschränkungen gekommen.

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