22.03.2019 - 16:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Obdachlosenunterkunft in Not

Im Winter droht Bewohnern der Notunterkünfte in Weiden Gefahr für Leib und Leben, sagt der Sozialdezernent. Das sitzt. Der Bericht über den Zustand der Obdachlosenunterkunft in der Schustermooslohe schockt die Stadträte. Die meisten.

In der Obdachlosenunterkunft muss viel getan werden. Darüber sind sich die Stadträte nun einig.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

„Was ich andernorts in der Welt gesehen habe, war um Hausnummern schlimmer“, sagt etwa Grünen-Fraktionschef Karl Bärnklau in der Stadtratssitzung und bittet um „verbale Abrüstung“. Zugleich sieht aber auch er „dringenden Handlungsbedarf“.

Zu brisant ist laut Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier der Zustand der Notunterkunft Schustermooslohe, deren erste Baracke laut Stadtarchiv bereits 1935 für sozial schwache, obdachlose Weidener in Betrieb genommen wurde. Die übrigen Baracken wurden zwischen 1962 und 1964 errichtet. „Und so ehrlich muss man sein“, sagt Hohlmeier, „seit der Errichtung der Gebäude wurden Neubauten beziehungsweise umfassende Renovierungen kaum vorgenommen.“ Das hat Folgen. „Die Sanitärverhältnisse (im Bild die Gemeinschaftstoilette), die Beheizbarkeit der Zimmer mit Holzöfen und die notdürftige Ausstattung mit Mobiliar entsprechen bei weitem nicht dem zeitgemäßen, funktionellen Standard eines Notquartiers.“ Wegen der schlechten Isolation der Baracken seien diese kaum beheizbar. In den Wintermonaten würde deshalb Gefahr für Leib und Leben für Bewohner mit gesundheitlichen Einschränkungen bestehen.

Ein Bewohner der Obdachlosenunterkunft gewährt Einblicke

Weiden in der Oberpfalz

"Höchste Zeit"

„Es ist also höchste Zeit, dass wir uns um die Erneuerung dieser menschenunwürdigen Notunterkünfte kümmern“, fordert CSU-Stadtrat Hans Sperrer – nicht zum ersten Mal. Bereits in der Januar-Sitzung sprachen sich er sowie fraktionsübergreifend viele Stadträte spontan dafür aus, Geld in die Hand zu nehmen, um eine menschenwürdige Unterbringung für oft ohne Verschulden in Not Geratene zu schaffen.

„Ein Oberzentrum wie Weiden muss auch Menschen in Not Hilfe anbieten können“, stimmt Bürgermeister Lothar Höher zu. „Ein weiteres Zuwarten kann man nicht verantworten“, sagt Stefan Rank (Bürgerliste). Sperrer bittet die Stadtverwaltung, entsprechende Planungen im Bauausschuss vorzulegen. Vielleicht könnten Container aufgestellt oder in einer neuen Bauweise neue Unterkünfte geschaffen werden. Rank schlägt vor, in eine Fertigbauweise einzusteigen, um Tempo zu machen. Der nächste Winter stehe vor der Tür.

Drei Schritte nötig

Dass Handlungsbedarf besteht, würde der Sachstandsbericht eindrücklich deutlich machen, findet auch SPD-Fraktionschef Roland Richter. „Wenn ich in dieser Unterkunft beispielsweise nur noch eine Durchschnittstemperatur von 19 oder 20 Grad im Maximum herbringe, ist das im Winter schon eine Zumutung.“ Eine bauliche Aufwertung also sei mehr als wünschenswert. Das geplante Vorgehen der Verwaltung überzeugt Richter.

• Zuerst müsse der Bedarf ermittelt werden. 30 bis 40 Menschen wohnen laut Sozialamt durchschnittlich im Monat in der Unterkunft. „Eine große Zahl“, findet Richter. Wobei doch jeder einzelne ein Grundrecht auf Wohnen habe.

• Zweitens sei die betriebliche Konzeption zu klären. Sprich, wie muss eine Notunterkunft ausgestattet sein, wer betreut und begleitet die dort Untergebrachten, um sie wieder in eine nachhaltige Wohnform und damit in eine verbesserte Lebenssituation zu bringen? Aktuell nehmen sich derer übrigens besonders die Initiative e.V. von Ursula Barrois in Zusammenarbeit mit dem Besonderen Sozialdienst der Stadt an.

• Am Ende stünde die bauliche Umsetzung auf Basis des Konzepts.

Einhellig stimmen die Stadträte für die bedarfsgerechte Erneuerung des städtischen Notunterkunftsangebots nach dem beschriebenen Vorgehen. Dabei wollen sie über jeden Schritt unterrichtet werden und in den entsprechenden Ausschüssen dazu beraten. „Aber wir werden bis Ende 2019 nichts Neues haben“, bremst SPD-Stadtrat Josef Gebhardt die Zuversicht des Gremiums.

Baudezernent Oliver Seidel stimmt ihm zu. Bedarfs- und Konzeptionsermittlung dürften schon ein Jahr in Anspruch nehmen. „Erst dann kann es an die bauliche Umsetzung gehen.“ Vielleicht auch an einer anderen Stelle in der Stadt. Gebhardt wünscht sich, dass die Unterkunft näher ins Zentrum und so an die Ausgabestelle der Tafel heranrückt. „Nur besitzt die Stadt ein Grundstück in der Schustermooslohe und nicht in der Stadt“, gibt der Baudezernent zu bedenken. Seidels Zeitrechnung nach dürften die Stadträte also um modernisierte oder neue Notunterkünfte bis mindestens zum Winter 2020 bibbern.

Das ist die Gemeinschaftstoilette der Obdachlosenunterkunft.
Leute:

Lob und Applaus für Initiative-Chefin

Sie steht wie keine andere für Hilfe für Obdachlose: Ursula Barrois. Am Montag weiß die Vorsitzende des Vereins „Die Initiative – Obdachlosenhilfe Weiden“ gar nicht, wie es ihr als Zuhörerin in der Stadtratssitzung im Neuen Rathaus geschieht: Beim Punkt Erneuerung des städtischen Angebots an Notunterkünften stimmt Bürgermeister Lothar Höher ein Loblied auf Barrois’ Einsatz an. Fraktionsübergreifend stimmen die Stadträte mit ein und applaudieren.

Aber wer ist Ursula Barrois? Zum Beispiel seit 2017 Inhaberin des Luise-Kiesselbach-Preises des Verbands Paritätischen. In deren Laudatio heißt es, angefangen hat alles mit 800 DM, die Ursula Barrois in den 1970er Jahren als Spende der Weidener Notunterkunft für Obdachlose zukommen lassen wollte. Doch der Besuch in der Notunterkunft sei ein so eindrückliches und prägendes Erlebnis gewesen, dass Ursula Barrois beschloss, das Geld als Grundstock für ein längerfristiges Engagement vor Ort zu nutzen. Der Verein „Die Initiative“ war geboren, der Obdachlose betreut, begleitet und ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zeigen will. Unterstützer sind willkommen. Geld- und Sachspenden auch. Aktuell werden laut Homepage Briefkästen mit Schlüssel, Kühlschränke und Putzsachen gesucht. Spender melden sich unter info[at]dieinitiative[dot]org.

Ursula Barrois.
Hintergrund:

Familien werden anderweitig untergebracht

„Wohnungslosigkeit hat viele Gründe“, weiß Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier und verweist auf die Sicherung des Grundbedürfnisses auf Wohnraum mit Schlafplatz, Wasser, Heizung, Sicherheit und mehr. Derzeit verfügt die Notunterkunft Schustermooslohe laut Stadtverwaltung über 53 Bettplätze bei einer durchschnittlichen monatlichen Belegung von 30 bis 40 Personen. Pro Jahr durchlaufen beziehungsweise bewohnen etwa 140 Personen die Notunterkunft.

Wegen einer möglichen Kindswohlgefährdung würden Familien mit Kindern oder Alleinerziehende nicht dort untergebracht. „Bislang ist es uns immer gelungen, wenn Kinder betroffen waren, etwas alternativ anzumieten“, betont OB Kurt Seggewiß. Diese Unterkünfte heißen Schlichtwohnungen. „Deren Zahl ist nicht bedarfsdeckend“, sagt Hohlmeier. „Trotzdem dürfen Kinder nicht darunter leiden, dass ihre Eltern so lebensuntüchtig sind und trotz Schulden noch und noch einen Handyvertrag abschließen“, kritisiert der OB. Zudem gibt es laut Josef Gebhardt (SPD) weitere Unterkunftsmöglichkeiten wie Gasthäuser, in denen die Stadt zeitweise Zimmer miete. „Wir haben auch Personen, die zwangsgeräumt werden, weil sie etwa ihre Miete nicht mehr zahlen können oder zunehmend junge Erwachsene.“ Für die Obdachlosen in ihrer Verschiedenheit müsse also ein Konzept gefunden werden.

Kommentar:

Auf den Hund gekommen

Es ist ein Ort, von dem fast jeder in der Stadt weiß, aber den kaum einer besucht: die Obdachlosenunterkunft in der Schustermooslohe. Nicht mal jeder der 40 Stadträte ist dort gewesen, um sich ein Bild davon zu machen, was wir zwei Seiten weiter zeigen: Schimmel an den Wänden, Löcher in den Türen, Sanitärräume zum Fürchten. Im Winter kommen bibbernde Bewohner dazu, weil die Baracken die teils mühsam über Holzöfen generierte Wärme nicht speichern können.
Aber das Bild, das die Verwaltung nun in einer Stadtratssitzung eindrücklich von dieser Situation zeichnete, hat gereicht. Es überzeugte ausnahmslos alle, dass für die Menschen ohne Wohnung etwas getan werden muss. Für diese Überzeugungsarbeit ist es aber auch höchste Zeit.
Ein Teil der Notunterkünfte ist fast 100 Jahre alt. Großartige Renovierungs- oder Sanierungsarbeiten gab es nicht. Zusätzlich Druck dürften auch die Entwicklungen wenige Meter Luftlinie entfernt ausgeübt haben: Dort soll für mehrere Millionen Euro das neue Tierheim gebaut werden. Es wäre schwer vermittelbar, wenn Obdachlose weiter in alten Baracken auf den Hund kommen, während sich Tiere unweit entfernt über ein neues Zuhause freuen dürfen.

Simone Baumgärtner

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