17.03.2019 - 15:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Oberpfälzer vor dem Brexit

Gestrichene Flüge, Papierkram, Behördenbesuche. Oberpfälzer, die in Großbritannien leben, berichten von ihren Erfahrungen vor dem Brexit.

Oberpfälzer, die in Großbritannien leben, berichten, wie es ihnen vor dem Brexit geht.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

"Pre-Settlement" - fast alle Kontinental-Europäer, die auch nach dem Brexit gerne in Großbritannien bleiben wollen, setzten sich gerade mit diesem Antrag auseinander. Einige haben ihn schon ausgefüllt und eingereicht.

Gerlinde Grunt aus Weiden

Gerlinde Grunt stammt aus Weiden und lebt seit 2013 in London.

Aber: "So genau weiß keiner, wofür das gut ist", sagt Gerlinde Grunt. Die Weidenerin zog 2013 der Liebe wegen nach London. Mit einer App können Europäer ihren Ausweis scannen und an die Behörden schicken. Die funktioniert aber nur auf Android-Handys. Weil Grunt, die einige Jahre bei Witt Weiden im Einkauf gearbeitet hat, ein I-Phone nutzt, muss sie persönlich zum Bürgeramt. Es herrscht Chaos. "Wenn ich da nächste Woche hingehe, bin ich gespannt, ob die überhaupt wissen, warum ich da bin."

Die 50-Jährige berichtet, dass sie, wäre sie eine Britin, für das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU gewesen wäre. "Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert: Alles, was versprochen worden ist, hat sich in Luft aufgelöst." Trotzdem will Grunt im Moment noch in Großbritannien bleiben, "weil ich meinen neuen Beruf sehr gut finde". Sie arbeitet als Tagesmutter und verdient gut. Nach dem Brexit werde sich erst einmal nicht viel ändern: "Ich werde hier weiter arbeiten, zahle hier weiter meine Steuern."

Ulrike Gupta aus Weiden

Ulrike Gupta stammt aus Weiden und lebt seit 2004 in Bushey (Nord-London).

Aus Vorsicht sind Ulrike Gupta, ihr Mann und ihre drei Kinder seit kurzem Briten. "Das war schon ziemlich kompliziert", berichtet Gupta, die auch aus Weiden stammt und seit 2004 in Großbritannien lebt. Um die englische Staatsbürgerschaft zu erlangen, hat sie mit Anwälten zusammengearbeitet. Fünf Jahre muss man in dem Land leben, um zunächst eine "Residency" zu erhalten. Bekommt man die, muss man erneut ein Jahr warten, um dann die Staatsbürgerschaft beantragen zu dürfen.

Die kam bei Familie Gupta im vergangenen September an. Deutschland erlaubt die doppelte Staatsangehörigkeit nur innerhalb der Europäischen Union. "Deshalb haben sich viele Deutsche letztes Jahr gestresst gefühlt und wollten die doppelte Staatsangehörigkeit vor dem Brexit." Die Deutsche Regierung habe erst im September 2018 erklärt, dass alle, die die englische Staatsbürgerschaft innerhalb der Transition Period (also bis 2021) erlangen, auch ihren deutschen Pass behalten dürfen. "Man ist vermutlich mit einem Britischen Pass im Non-EU-Großbritannien besser dran." Ohne den britischen Pass hätte sie für sich und ihre Familie Diskriminierung und Restriktionen befürchtet. Aber: "Ich hatte eigentlich nie vor, die englische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ich bin Europäerin", sagt die 41-Jährige.

Jetzt nimmt Ulrike Gupta die verschiedenen Pässe mit, wenn sie nach Deutschland reist. Im April steht zunächst der Besuch ihrer Eltern in Bushey (Nord-London) an. Gupta fragt sich, ob sie problemlos einreisen können oder die Kontrollen lange dauern.

Anna Weber aus Kümmersbruck

Anna Weber kommt aus Kümmersbruck und studiert zur Zeit in Newcastle.

Keinen Papierkram musste bisher Anna Weber aus Kümmersbruck bei Amberg erledigen. Die 21-Jährige studiert englische Literatur und Philosophie an der Newcastle University im Nordosten Englands. "Dies ist ja eine der ärmsten und am stärksten pro-Brexit eingestellten Regionen in England", berichtet Weber. An der Uni ist die Stimmung ganz anders. "Hier an der Uni sind alle Pro-Europa." Weil immer noch keine Klarheit über den Brexit herrscht, seien die Leute aber verunsichert. "Am liebsten wäre ihnen, der Brexit würde verschwinden wie ein böser Traum." Die Kümmersbruckerin absolviert derzeit ein Erasmus-Jahr in Newcastle. Erasmus ist ein Programm der EU, das den Austausch von Studenten fördert. Die nächsten dürften im Sommer noch nach Großbritannien kommen, erklärt Weber. Ob es das Land danach noch am Programm beteiligt ist, sei unklar. Die britischen Universitäten bemühen sich aber, ihre vielen ausländischen Studenten und Wissenschaftler behalten zu können. Auch Weber hat kürzlich eine E-Mail ihres Uni-Kanzlers erhalten, in der er sich für weiteren Austausch einsetzt. "Die Unis bekommen auch viel Geld dafür von der EU." Ihr wäre am liebsten, der Brexit würde verschoben werden. Denn dann könnte sie in Ruhe ihr Uni-Jahr beenden.

Johannes Bayerl aus Pleystein und Bastian Klever aus Amberg

Johannes Bayerl (24 Jahre) aus Pleystein und Bastian Klever (23 Jahre) aus Amberg studieren gerade Maschinenbau an der Glyndwr Universität in Wrexham, Wales. Im Sommer machen die beiden ihren Abschluss. Erst dann geht es zurück nach Deutschland. Ihnen sei aufgefallen, dass einige Billigfluglinien wie Ryanair für die Zeit nach dem möglichen Brexits am 29. März Verbindungen nach Großbritannien gestrichen haben. "Die Verbindung Nürnberg nach Manchester oder Stuttgart nach Manchester, welche beide für uns wichtig sind, wurden vorläufig gestrichen, da man sich in der britischen Politik nicht einig ist, welcher Brexit jetzt vollzogen wird", schreiben die Studenten an die Redaktion. Außerdem kritisieren Klever und Bayerl, dass die Briten und Waliser kaum diskussionsbereit seien. Der Brexit scheint junge wie ältere Leute nicht zu interessieren. Das Thema wird "eher sprichwörtlich unter den Teppich gekehrt".

Verena Kuttich aus Freihung

Verena Kuttich wuchs in Freihung auf und lebt seit 2018 in Motherwell bei Glasgow.

Ruhiger geht es bei Verena Kuttich in Motherwell bei Glasgow zu. "Die Schotten sind gemütlicher", sagt die gebürtige Ambergerin, die in Freihung aufgewachsen ist. Kuttich ist erst seit 25. Juli 2018 in Großbritannien. Trotz Brexit-Hin-und-Her betont sie: "Mir geht's echt gut hier." Als Kuttich das erste Mal 2010/2011 nach Großbritannien kam, "war es wie nach Hause kommen". 2018 zog sie "im Wissen, dass es den Brexit geben wird", nach Motherwell.

Die 35-Jährige arbeitet dort in einem Kundencenter und ist für Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständig. Ihre Firma hat nun einen Anwalt beauftragt, der die europäischen Mitarbeiter betreut. Das Schlimmste für Kuttich sei momentan, dass sie den Antrag "European Settlement Screen" stellen muss, um zu bekunden, dass sie gerne in Schottland bleiben würde. "Das ist ein bisschen seltsam. Hier würde man sagen: uneasy." Die Schotten beschreibt sie als gelassener als die Briten, "sie sind offener für EU-Bürger" und hatten beim Referendum gegen den Brexit gestimmt.

Nadine Makitta aus Sulzbach-Rosenberg

Nadine Makitta stammt aus Sulzbach-Rosenberg und lebt nun in Birmingham.

Bei Nadine Makitta ist der Brexit kein tägliches Thema mehr. Die Sulzbach-Rosenbergerin arbeitet seit Januar 2017 in Birmingham. "Es hat mich am Anfang nervös gemacht", gibt die 29-Jährige zu. "Jeder wartet ab." Die Leute aus ihrem Umfeld seien alle gegen den Austritt aus der EU. Zum Teil hätten sie beim Referendum 2016 aber auch nicht abgestimmt, erzählt Makitta. Inzwischen seien die Menschen besser aufgeklärt. "Die meisten wünschen sich ein neues Referendum", sagt die Leiterin für internationale Verkaufsoperationen. Die junge Frau hat in Birmingham eine Wohnung gefunden, sich einen Freundeskreis aufgebaut. Ob Brexit oder nicht, "ich würde hier gerne bleiben."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.