27.09.2019 - 11:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"In der Oberpfalz hat man das viel privilegiertere Leben"

Jochen Kuhlemann stammt aus Schwaben und lebt seit 1987 in der Oberpfalz. In unserer Serie "Zugroast" erzählt er, wie ihn die Region überrascht hat und was ihm daran gefällt. Und er räumt mit einem Vorurteil auf.

Jochen Kuhlemann stammt aus dem schwäbischen Tübingen.

Der Bau des Weidener Eisstadions spülte ihn erstmals in die Oberpfalz. Dort gefiel es ihm so gut, dass er keine zwei Jahre später herzog. Jochen Kuhlemann (64) stammt ursprünglich aus Tübingen und lebt seit 1987 in der Region. Der gebürtige Schwabe ist Geschäftsführer des Bauunternehmens KBZ und lebt in Neustadt/WN, wo seine Frau das Hotel Grader leitet.

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt’s?

Jochen Kuhlemann: Das ist ein Vorurteil. Man kann sowieso nicht alle Menschen einer Region über einen Kamm scheren. Es sind ja auch nicht alle Rheinländer Frohnaturen. Und nicht alle Schwaben sind sparsam. Meine Frau, eine Oberpfälzerin, ist sparsamer als ich. Die Oberpfälzer würde ich eher als ruhig beschreiben. Wenn man mit ihnen warm wird, hat man zuverlässige Partner und Freunde. Grantler stimmt überhaupt nicht. Am Anfang haben sich die Leute hier sehr um mich gekümmert, die haben geschaut, dass ich nach dem Feierabend nicht verkümmere. Aber vielleicht sind die Oberpfälzer nicht so selbstbewusst wie die Oberbayern, sie sind eher bescheiden.

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie in die Oberpfalz gekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Ich habe ganz, ganz wenig von der Oberpfalz gewusst. Das war Zonenrandgebiet für mich, ein weißer Fleck. Aber ich kannte den Witt-Katalog, der lag bei meiner Mutter daheim. Oder Seltmann-Geschirr. Bauscher, ATU, Conrad. Ich habe die Traditionsfirmen schon gekannt, aber nicht gewusst, dass die alle aus der Region kommen. Das Fazit ist eindeutig: Ich lebe hier gerne, es ist ja auch eine wunderschöne Landschaft. Man hat viele Vorteile, vom Verkehr her ist es ruhig. Ich fahre abends regelmäßig mit dem Mountainbike, bei Abendrot und Sonnenuntergang. In Oberbayern ist es auch nicht schöner. Aber wir hier in der Oberpfalz haben das viel privilegiertere Leben. Bei uns kann man sich das Bauen und Wohnen noch leisten.

ONETZ: Spielen Sie oft mit dem Gedanken, in Ihre alte Heimat zurückzukehren? Wie oft fahren Sie tatsächlich zurück?

Nein, eindeutig nicht. Verwandte in Tübingen habe ich nicht mehr, und die Freundschaften reduzieren sich auch. Ab und zu fahre ich aber noch hin, um Freunde zu besuchen. Es wird aber weniger. Ich werde hier mein Alter verbringen.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von Ihrer neuen Heimat? Was würden Sie Ihren Verwandten oder Freunden zuerst zeigen, wenn die zu Besuch in die Oberpfalz kommen?

Am Anfang, auch jetzt noch, haben mich die Leute hochgenommen. Haben mich gefragt: "Wie ist es so bei den Hinterwäldlern, im Entwicklungsgebiet?" Da erkläre ich immer, was für namhafte Unternehmen und Spezial-Firmen es hier gibt. Ich verteidige bei meinen Bekannten immer die Oberpfalz, lade sie ein, mich zu besuchen. Ab und zu bekomme ich auch Besuch, dem gefällt es hier auch sehr gut, vor allem die Landschaft. Je nachdem wie viel Zeit wir haben, schauen wir Weiden an oder machen eine Mountainbike-Tour zur Silberhütte. Da muss man gar nicht bis nach Regensburg fahren, um den Leuten was zu zeigen. Es gibt so viel in der näheren Umgebung.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihnen nach Feierabend ein Bier trinken?

Die, mit denen ich anfangs ein Feierabendbier getrunken habe, haben sich immer bemüht, damit ich sie verstehe. Wenn sich die Leute aber auf der Baustelle untereinander unterhalten haben, habe ich nichts verstanden. Meine Frau ist aber eine waschechte Oberpfälzerin. Da habe ich eine Art Crashkurs erhalten. Vor allem beim Stammtisch mit meinem Schwiegervater ging das sehr schnell.

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzer?

Das würde ich schon sagen. Ich bin stolz auf die Oberpfälzer. Aber ich bleibe natürlich auch noch ein bisschen ein Schwabe. Aber, wie gesagt: Ich möchte hier nicht mehr weg.

Serie "Zugroast":

In der Kolumne "Zugroast" stellen wir jede Woche Menschen vor, die aus Hamburg, dem Ruhrpott oder Kasachstan in die Oberpfalz gezogen sind - und hier eine neue Heimat gefunden haben.

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