Das Jubiläum feiern die beiden verbliebenen "Ohrwaschl", Kalle Dobler und Martin Winterholler, ganz groß. Schon vorab veröffentlichten sie die Lieder ihres einzigen Albums, die "Bahnwärterhäusl Tapes" (1986), auf den gängigen Streaming- und Download-Plattformen sowie auf "YouTube". Und auch live ist der geschrammelte Mix aus Punk, Wave und Volksmusik wieder zu erleben: bei einem einmaligen Reunion-Konzert am Samstag, 9. November, in der Kneipe "Neues Linda". Die Proben laufen glänzend, im Interview kann der 55-jährige Dobler seine Vorfreude kaum zügeln.
ONETZ: Ich erreiche Sie in Fürth. Wie lange leben Sie denn schon dort?
Kalle Dobler: Seit 20 Jahren, nachdem ich vorher über zehn Jahre in Dortmund war.
ONETZ: Aber Ihren Oberpfälzer Dialekt scheinen Sie sich bewahrt zu haben.
Kalle Dobler: Ja, jetzt darf ich ihn auch wieder stärker ausleben. Nach der Preußen-Zeit ist es ganz angenehm, mal wieder im Dialekt zu reden.Die Gefahr, dass ich plötzlich Fränkisch spreche und zum waschechten Franken mutiere, besteht sicher nicht.
ONETZ: Und damit auch nicht die Gefahr, dass sich in Texte wie "Oberpfalz" oder "Wenn der Böhmische bloust" ein fränkischer Zungenschlag einschleicht.
Kalle Dobler: Nein (lacht), das wird sicher nie passieren.
ONETZ: Gibt es die "Ohrwaschl" wieder oder gibt es Euch immer noch? Habt Ihr Euch jemals offiziell aufgelöst?
Kalle Dobler: Nein, wir haben uns nie aufgelöst. Wir haben uns am 1. November 1979 – das war auch damals schon Allerheiligen, ein grauer träger Tag – gegründet. Drei Freunde im pubertierenden Alter von 14, 15 Jahren, und seitdem gibt es die Band. Wir haben auch jedes Jahr um den 1. November rum unseren Band-Geburtstag gefeiert, auch nachdem wir circa 1990 zum letzten Mal live aufgetreten sind. Die Band ist ein Teil unseres Lebens.
ONETZ: Allerheiligen 1979 - was war da Euer Antrieb? Hattet Ihr Vorbilder?
Kalle Dobler: Ja, klar. Ende der 70er, in der Provinz in Weiden, hatte man schon Vorbilder, vor allem die Klassiker wie die Beatles und die Stones. Wir waren große Stones-Fans, haben das Stones-Songbook aus dem Zweitausendeins-Verlag rauf- und runtergespielt. In dieser Zeit haben aber auch Punk und New Wave ihren Weg in die bayerische Provinz gefunden. So was wie Cure und Talking Heads hat uns sehr beeindruckt. Aber musikalisch waren wie nie in der Lage, die Songs unserer Vorbilder nachzuspielen. Aus dieser Schwäche ist dann unsere Stärke geworden, weil wir auf unsere eigenen Sachen, unseren eigenen Stil gesetzt haben.
ONETZ: Das ist ja das originäre Punk-Ethos.
Kalle Dobler: Genau, do it yourself. Wobei, so eine richtige Punk-Band waren wir nie. Wir waren zwischen allen Stühlen. Irgendwann hat mal einer gemeint, das was Ihr macht's, das ist eine Mischung aus Pop, Punk und Volksmusik. Das trifft's ganz gut. Alles, was uns durch den Kopf geschossen ist, haben wir versucht auszuprobieren. Meistens mit sehr gutem Erfolg, wo's uns einfach richtig Spaß gemacht hat.
ONETZ: 1986 habt Ihr Euer erstes und einziges Album veröffentlicht, die "Bahnwärterhäusl Tapes".
Kalle Dobler: Ja, am Bahnhof in Oberwildenau gab es damals so ein altes Bahnwärterhäusl, da hatte ein Bekannter von uns ein kleines Tonstudio. Dort haben wir unsere Platte aufgenommen. Kürzlich habe ich auf Google-Maps nachgesehen: Das Häusl gibt's schon gar nicht mehr.
ONETZ: Dafür gibt's die Bahnwärterhäusl-Songs plötzlich bei Streaming-Diensten wie Spotify.
Kalle Dobler: Beim letzten Band-Geburtstag ist uns aufgefallen, dass wir heuer ja unser 40-Jähriges haben. Da dachten wir, wir machen irgendwas Besonderes. Also nahmen wir einfach mal die Platte und veröffentlichten sie neu. Wobei, "Platte" ist ja auch wieder übertrieben. Es war eine Musikkassette. Damals haben wir sie in einer Auflage von 200, 300 Stück herausgebracht. Die meisten davon haben wir sogar verkauft. Und wir dachten, wenn wir zum 40-Jährigen schon unsere Platte wiederveröffentlichen, dann könnten wir das Jubiläum auch live richtig feiern.
ONETZ: Die Qualität der Aufnahmen ist erstaunlich gut. Wie habt ihr das hinbekommen?
Kalle Dobler: Wir hatten damals einen guten Techniker. Wobei natürlich heute jeder 16-jährige Schüler bessere Aufnahmemöglichkeiten hat als wir damals. Das war ein Vier-Spur-Tonbandgerät, das im Overdubbing-Verfahren auf acht Spuren hochgezogen wurde. War schon viel hand-made damals.
ONETZ: Habt Ihr Pläne, etwas Neues aufzunehmen?
Kalle Dobler: Ja, Pläne schon, aber zum Glück wird's wahrscheinlich nicht passieren.
ONETZ: Warum "zum Glück"?
Kalle Dobler: Es ist halt sehr zeitaufwendig. Es war jetzt sehr spannend,mit neuer Besetzung die Lieder wieder einzuüben für unsere Feier. In unserer ursprünglichen Besetzung waren wir immer zu dritt plus wechselnde Schlagzeuger. Unser Multiinstrumentalist und Bassist ist leider 2005 verstorben. Jetzt sind wir nur noch zu zweit, haben aber im Nürnberger Raum einen Bassisten und einen Schlagzeuger gefunden, die mit renommierten Bands unterwegs sind. Mit denen haben wir geprobt, und das war wie ein kleiner Jungbrunnen. Da war so viel Leidenschaft und Freude dabei... man hat schon das Gefühl, man könnte nochmal was draus machen. Aber jetzt warten wir erstmal das Konzert ab.
ONETZ: Wie klingen die "Brennenden Ohrwaschl" 2019 – im Vergleich zu damals?
Kalle Dobler: Zum einen ähnlich, zum anderen ein bisschen druckvoller. Aber vom Prinzip her sind wir immer noch die gleiche Chaoten-Band wie damals, mit den gleichen Liedern. Bei den Proben haben wir gemerkt: Die alte Spielfreude ist wieder da, es macht einen Riesenspaß.
"Die Brennenden Ohrwaschl"
Am 1. November 1979 gründeten Kalle Dobler, Martin Winterholler und Johannes Schuster eine der ersten und wichtigsten Oberpfalz New-Wave-Bands, die ihre Texte konsequent deutsch oder auch mal im herben ostbayerischen vortrug. Bei einem der legendären Demo-Cassetten-Tests des "Zündfunks" (Bayern 2) wählte die Jury sie aus über 200 Bands auf den zweiten Platz. Und auch der Vorentscheid zum Landesrockwettbewerb endete mit dem Vizetitel. Es folgten bayernweit Auftritte, unter anderem auf Einladung von Georg Kostya, dem Entdecker und Förderer der "Spider Murphy Gang", in München. 1986 erschien das erste und einzige Album, die "Bahnwärterhäusl Tapes". Studienbedingt zerstreute sich die Band dann jedoch auf ganz Deutschland, wodurch es nur noch zu sporadischen Auftritten kam. 2005 starb Johannes Schuster. Beim Reunion-Konzert im "Neues Linda" spielen Dobler und Winterholler mit Bassist Flo Kenner (u. a. "The Mergers", "The Green Apple Sea") und Schlagzeuger Tobias Helmlinger ("The Robocop Kraus", "Your Careless Spark").
Band-Webseite mit allen Infos: https://brennende.houa.de
















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