11.05.2021 - 12:59 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Pflegekräfte ein Jahr im Ausnahmezustand

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Die Corona-Pandemie hat auch die Pflegekräfte an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht. Im Interview zum Tag der Pflege am 12. Mai spricht Michaela Hutzler, Medizinische Direktorin im Klinikum Weiden, über die Situation.

Vor allem auf den Intensiv- und Isolierstationen war es ein Jahr im Ausnahmezustand.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil

ONETZ: Wie geht es den Pflegern und Pflegerinnen nach einem Jahr Corona?

Michaela Hutzler: Zusammengefasst war es, vor allem auf den Intensiv- und Isolierstationen, ein Jahr im Ausnahmezustand. Gerade zu Beginn der Pandemie im März 2020 war die emotionale Belastung sehr hoch. Die Pflegekräfte hatten natürlich Angst, sich selbst mit Covid-19 zu infizieren. Noch schlimmer war aber die Machtlosigkeit gegenüber dieser Krankheit. Die Pflegekräfte haben – und tun das noch immer – jeden Tag alles gegeben, um ihre Patienten auf eine normal Station verlegen zu können, sie wollen unbedingt, dass jeder Patient unser Haus gesund verlassen kann. Durch das Besuchsverbot von Covid-positiven Patienten erfolgte viel Kommunikation über die Pflege.

ONETZ: Wie groß ist die psychische Belastung?

Michaela Hutzler: Für alle, die im Gesundheitswesen tätig sind, waren die vergangenen Monate eine Herausforderung, die man sich bisher nicht vorstellen konnte. Deshalb sind wir mehr als stolz darauf, wie alle Kolleginnen und Kollegen die Aufgaben und Belastungen dieser Zeit bewältigt haben, denn jeder hat die Herausforderungen angenommen, wir haben gemeinsam alles für unsere Patienten getan. Gerade für die Kolleginnen und Kollegen, die auf den Intensivstationen täglich um das Leben unserer Patienten gekämpft haben, war es eine Zeit mit hoher Belastung – körperlich wie psychisch. Auch wenn Covid-19 weiter eine heimtückische und gefährliche Erkrankung bleibt, so haben wir doch eine gewisse Routine im Umgang mit der Krankheit entwickelt. Doch trotz aller Erfahrung bleibt die Belastung des Personals, gerade auf den Intensivstationen, bis heute ohne Unterbrechung hoch.

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ONETZ: Wer kümmert sich um Pflegepersonal, das wegen der Belastung Beratung, Hilfe oder sonstige Unterstützung benötigt?

Michaela Hutzler: Die Corona-Pandemie war für uns alle Neuland. Dennoch konnten wir innerhalb kurzer Zeit eine Telefonhotline anbieten. Sie wurde von März bis Juni durch Psychologen und Therapeuten des Sozialpädiatrischen Zentrums und der Schmerztagesklinik betreut und gut angenommen. Zudem stellen wir jederzeit die Nummer der Telefonseelsorge bereit und bieten per Livestream die Teilnahme an Workshops und Vorträgen zum Thema Krisenbewältigung an.

ONETZ: Es gab ja von der Politik Versprechen, die finanzielle Situation von Pflegekräften verbessern zu wollen. Was hat sich in diesem Zusammenhang nach einem Jahr getan?

Michaela Hutzler: Beim Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst für Kommunen und Bund haben die Gewerkschaften und Arbeitgeber im Oktober eine einmalige Corona-Sonderzahlung in Höhe von 1,4 Millionen Euro für alle Beschäftigten sowie eine Pflegezulage von 70 Euro ab März 2021 beschlossen, die ein Jahr später auf 120 Euro erhöht werden soll.

Die Zulagen in der Intensivmedizin und für Wechselschichten wurden erhöht. Je nach bisheriger Arbeitszeit steigern sich die Gehälter dadurch deutlich – was zumindest ein Anfang ist. Ende Juni wird dann noch die zweite Corona-Prämie in Höhe von 2,56 Millionen an unsere Kolleginnen und Kollegen im Pflegebereich ausgezahlt.

ONETZ: Was muss sich verbessern?

Michaela Hutzler: Ein einmaliges Aufstehen und Klatschen reicht als Wertschätzung nicht aus. Alle müssen an einem Strang ziehen und verhindern, dass die Belastung nicht chronisch wird. Und auch die Rettungsschirmzahlungen reichen vielen Kliniken nicht aus. Eine Verbesserung kann aber nur erreicht werden, wenn die Krankenhausfinanzierung entsprechend neu aufgestellt oder angepasst wird. Hier sind aber viele Akteure beteiligt: der Bund, die Gesundheitsministerien, der Gemeinsame Bundesausschuss oder die Krankenkassen.

ONETZ: Gibt es nach wie vor zu wenig Pflegepersonal?

Michaela Hutzler: Der Mangel an Pflegekräften ist ein deutschlandweites Problem, das auch wir bemerken. Umso höher ist die Leistung der Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen Monaten zu bewerten. Wir haben aber das Glück, dass wir mit unserer Gesundheitsakademie New Life jährlich eigene Pflegekräfte ausbilden und nach der Ausbildung eigentlich auch immer übernehmen können.

ONETZ: Schreckt die Pandemie künftige Interessenten ab, einen Pflegeberuf zu ergreifen?

Michaela Hutzler: Wir hatten tatsächlich die Befürchtung, dass sich die Pandemie negativ auswirkt und sich die Zahl der Bewerbungen reduziert. Was uns aber sowohl überrascht als auch gefreut hat: Diese Befürchtung ist nicht eingetreten, ganz im Gegenteil. Wir hatten ähnlich viele Bewerbungen für eine Ausbildung im Pflegebereich. Diese Entwicklung freut uns natürlich. Über die genauen Gründe können wir aber nur spekulieren. Wir merken aber, dass ein gewisses Umdenken stattfindet: Jugendliche Bewerber verbinden mit der Pflege inzwischen einen Berufsstand, der in der Bevölkerung sicher einen höheren Stellenwert hat als noch vor drei, vier Jahren. „Systemrelevant“ zu sein ist nicht mehr nur ein Schlagwort, sondern auch eine Einstellung.

ONETZ: Was müssen Politik und Gesundheitssystem tun?

Michaela Hutzler: Ein erster Schritt wäre, die Zahl der Ausbildungsplätze für die Pflege zu steigern. Denn die Auszubildenden von heute sind die Pflegekräfte von morgen. Das eingeführte Pflegebudget sollte nicht nur für bettenführende Stationen gelten, auch die Pflegekräfte in anderen Bereichen, wie Notaufnahme, OP und Aufwachraum sowie in Funktionsdiensten, müssen gegenfinanziert werden. Enorm wichtig wäre es auch, die Bürokratie abzubauen. Das betrifft die Kolleginnen und Kollegen, die direkt beim Patienten sind, aber auch die Verwaltung, wenn man an die Dokumentation der Pflegepersonaluntergrenzenverordnung denkt. Bei der Digitalisierung geht es voran, hier hilft das Krankenhauszukunftsgesetz. Aber es ist noch ein weiter Weg.

ONETZ: Ein weiter Weg liegt aber auch hinter den Pflegekräften. Zur Erinnerung: Was lief zu Beginn der Pandemie falsch?

Michaela Hutzler: Zu den großen Herausforderungen der Anfangszeit der Pandemie gehörte sicherlich, Schutzausrüstung wie FFP2-Masken, Mund-Nase-Schutz, Handschuhe und Kittel oder Desinfektionsmittel in ausreichender Menge zu beschaffen.

ONETZ: Haben Sie auch positive Erinnerungen?

Michaela Hutzler: Positiv war die Unterstützung, die wir durch das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege erhalten haben. Es hat uns mehr als 20 Beatmungsgeräte zur Verfügung gestellt sowie ein CT zur schnelleren Diagnostik von Covid-Erkrankungen. Auch das Landesamt für Gesundheit hatte mit seinen Lieferungen großen Einfluss darauf, dass wir unsere Kolleginnen und Kollegen mit persönlicher Schutzausrüstung ausstatten konnten. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Verfügbarkeit von Schutzausrüstung besser wurde, haben wir ein Pandemielager geschaffen, um einem möglichen Engpass entgegenzuwirken.

Besonders erwähnenswert sind auch die vielen Spenden, mit denen wir unsere Behandlungsmöglichkeiten noch weiter ausbauen und verbessern konnten – vor allem auf den Intensivstationen. Positiv in Erinnerung geblieben ist uns auch der Zuspruch der Bevölkerung, gerade zu Beginn der Pandemie. Ganz besonders gefreut hat uns das Spruchband, das Unbekannte an der Zentralen Notaufnahme angebracht haben: „Krankenhauspersonal – der wahre Freund und Helfer. Haltet durch!“ Das hat die Kolleginnen und Kollegen enorm motiviert, weil es ihre Leistungen anerkannte und wertschätzte.

Medizinische Direktorin Michaela Hutzler.
„Krankenhauspersonal – der wahre Freund und Helfer. Haltet durch!“ Dieses Banner das Unbekannte an der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Weiden angebracht hatten, hat die Pflegekräfte enorm motiviert, weil es eine Anerkennung und Wertschätzung ihrer Leistungen war.

"Für alle, die im Gesundheitswesen tätig sind, waren die vergangenen Monate eine Herausforderung, die man sich bisher nicht vorstellen konnte."

Michaela Hutzler

Service:

Pflegesituation in den Kliniken Nordoberpfalz

  • standortübergreifend rund 1300 Pflegekräfte, davon 950 in Weiden
  • von März bis Juni 2020 interne Hotline für Pflegepersonal zur Krisenbewältigung
  • Corona-Sonderzahlung 2020: 1,4 Millionen Euro, im Juni 2021 kommen weitere 2,56 Millionen Euro
  • Zahl der Bewerbungen kaum gesunken
Hintergrund:

Tag der Pflege am 12. Mai

  • wird anlässlich des Geburtstags von Florence Nightingale am 12. Mai 1820 in Florenz gefeiert
  • die britische Krankenschwester war Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege
  • Nightingale gilt auch als Pionierin der visuellen Veranschaulichung von Zusammenhängen in der Statistik
  • sie starb am 13. August 1910 in London

 

 

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