11.01.2022 - 08:22 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Prozess unter höchster Sicherheit: Miri-Clan als Strippenzieher?

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen hat vor dem Landgericht Weiden der Prozess gegen einen Türken (40) aus Würzburg begonnen. Er soll Senioren als "falscher Polizist" ausgenommen haben. Der Kopf der Bande soll Heisem Miri sein.

Prozessbeginn gegen Zafer K. Rechts Verteidiger Jan Paulsen.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Allerlei Aufhebens am Dienstagfrüh am Landgericht Weiden: Begleitet von über einem Dutzend Polizeibeamten wird Zafer K. aus Würzburg vorgeführt. Er soll Mitglied einer Bande sein, die in großem Stil Senioren betrogen hat. Angeklagt ist gemeinschaftlicher gewerbsmäßiger Bandenbetrug. Den Kopf der Gruppe vermutet die Staatsanwaltschaft in der Türkei. Es soll sich dabei um Heisem Miri handeln, ein mit mehreren Haftbefehlen gesuchtes Mitglied des mafiösen Miri-Clans.

Heisem Miri steht laut Staatsanwaltschaft im Verdacht, die Call-Center in der Türkei zumindest teilweise als "Gruppenkopf" betrieben zu haben. Der Angeklagte soll in direktem Kontakt zu Miri gestanden haben, der die Raubzüge von der Türkei aus dirigiert. Außer Zafer K. und Heisem Miri kennen die Ermittler die Namen von weiteren vier Angehörigen der Gruppe, gegen die gesondert ermittelt wird.

Vor dem Landgericht Weiden startet der Prozess gegen einen mutmaßlichen Seniorenbetrüger. Der 30 Jahre alte Würzburger soll sich als Polizist ausgegeben haben, um ältere Menschen abzuzocken.

Tätowierung abgedeckt

Zafer K. wird über den Hintereingang in die Justiz gebracht. Das Technische Hilfswerk hat extra ein Zelt aufgebaut, das es unmöglich machen soll, Blickkontakt zu dem Angeklagten aufzunehmen. Der 40-Jährige verbirgt sein Gesicht ohnehin unter einer Kapuze, trägt zur FFP2-Maske eine Sonnenbrille, die er erst abnimmt, als die Kameras weg sind. Auffallend ist ein Pflaster am Handrücken, das eine Tätowierung abklebt. Er - akkurater Bart, tiefe Stimme - macht nur Angaben zur Person: gebürtiger Würzburger, türkischer Staatsangehöriger, ledig. Das war's. Ein Rechtsgespräch, angeregt von den Würzburger Verteidigern Ulrich Heidenreich und Jan Paulsen, führt zu keinem Ergebnis.

Insgesamt soll die Gruppe nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Weiden von sieben Senioren in Bayern und Baden-Württemberg über 208 500 Euro erbeutet haben. Eine davon ist Gertrud E., die erste Zeugin des umfangreichen Prozesses. Die fast 90-Jährige rollt mit dem Rollator in den Gerichtssaal. Weißes Haar, gebeugter Rücken, altrosa Pullover.

Die fränkische Rentnerin schildert, wie sie an einem Abend im September 2020 angerufen wurde. Ein "Oberstaatsanwalt" warnte sie vor einer Einbrecherbande, die ihr Wohnhaus ausgespäht habe. Die Dame erinnert sich noch gut: "Ich solle sehr aufpassen. Das sage er seiner Mutter auch immer. Es wären doch so viele Gauner unterwegs." Sie hat gar kein Geld im Haus, lässt sich aber überzeugen, ihr Erspartes von der Bank zu holen. Zu Fuß geht sie am Folgetag in die örtliche Sparkasse und holt 32 000 Euro in bar. Ihr gewohnter Bankmitarbeiter ist an diesem Tag nicht am Schalter. "Wenn der nur da gewesen wäre! Der hätte mich bestimmt gefragt, was ich mit den Sachen aus dem Schließfach will."

Zur Übergabe fährt sie mit dem Auto. Bei einem Stopp an einer roten Ampel spricht sie ein Fußgänger durch die Seitenscheibe an: "Groß, gut angezogen, gepflegt." Er stellt sich als Vermittler der Staatsanwaltschaft vor. Er nehme das Geld in Verwahrung. Durchs Fenster übergibt sie die Scheine in einem Kuvert. Die 89-Jährige hadert noch immer mit sich: "Ich blöde Kuh war so dumm und habe mich auf das Gebabbel eingelassen."

Für Zuhörer gilt 3G

Der Verlust der 32 000 Euro schmerze sie sehr. "Ich verhungere deshalb nicht. Aber das war das, was man sich halt so zusammengespart hat." Ein klein wenig habe sie gehofft, die Summe am Landgericht Weiden wieder zu bekommen. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich es Ihnen geben", bedauert Richter Matthias Bauer.

Der Prozess ist bis 15. Februar terminiert. Bei den Opfern handelt es sich um ältere Herrschaften aus Bayern und Baden-Württemberg. Die Festnahme erfolgte in Wiesau, kurz nachdem eine Wiesauerin ihre Wertsachen übergeben hatte. Zafer K. wurde zu diesem Zeitpunkt bereits observiert. Fortsetzung am Donnerstag, 9 Uhr. Für Zuhörer des Prozesses gilt 3G (geimpft, genesen oder getestet).

"Und ich blöde Kuh habe mich auf das Gebabbel eingelassen. Darüber ärgere ich mich am meisten." Opfer Gertrud E. (89) aus Franken.
Am Dienstagmorgen wird über den Hintereingang der Justiz der Angeklagte gebracht. Dafür ist ein Zelt aufgebaut, dass den Eingang verdeckt.

Das wird Zafer K. vorgeworfen:

Weiden in der Oberpfalz

 

 

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