18.07.2018 - 14:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Rio-Raub: Verdächtige in Transnistrien

Zwei der vier Männer, die in Grafenwöhr ein Seniorenpaar überfallen haben sollen, haben ihren Wohnsitz in Transnistrien. "Man lernt bei uns nie aus", kommentiert Richter Markus Fillinger trocken. Transnistrien? Gibt's das?

Rund 550000 Einwohner leben im von Moldawien abgesplitterten Landesteil Transnistrien. Der durchschnittliche Monatslohn wird mit 30 bis 100 Euro beziffert. Transnistrien gilt als Freihandelszone für organisierte Kriminalität.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Weiden/Grafenwöhr. (ca) Oleg B. und Vadim C. heißen die Herren, die mit europäischem Haftbefehl gesucht werden. Die beiden stehen unter dringendem Verdacht, im April 2016 am Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. Die DNA von Oleg B. haftete an der Jacke des inzwischen 92-jährigen Erich W. Die DNA von Vadim C. fand sich an der Strickweste seiner Frau Luise (82)

Die Moldawier sind flüchtig. Das Landgericht Weiden hatte die beiden dennoch pflichtgemäß als Zeugen geladen. Zum Ladungstermin am 21. März kam - und das wunderte keinen - niemand. Diesen Montag ging nun ein Schreiben beim Landgericht ein, in dem das moldawische Justizministerium mitteilt, bei der Zustellung der Ladungen nicht dienen zu können. Der Wohnort der Gesuchten befände sich auf "transnistrisch-moldawischen Gebiet".

Der abtrünnige Landesteil Transnistrien (die selbst ernannte "Pridnestrowische Moldawische Republik") befindet sich laut Auswärtigem Amt außerhalb der Kontrolle der moldawischen Regierung. Es handelt sich um ein De-facto-Regime, das international ohne Anerkennung ist. Ein Land, das es nicht gibt. Quasi das "schwarze Loch" Europas.

"Es gibt keine konsularischen Beziehungen in diesen Teil der Erde." Eine Ladung sei damit nicht möglich, meinte Vorsitzender Richter Markus Fillinger. Und mal ehrlich: Gekommen wären Oleg & Co wohl auch bei erfolgter Zustellung nicht.

Für die Mittäterschaft von Oleg B. und Vadim C. spricht Einiges. An der Kleidung des Paares fand sich ihre DNA: Die alten Herrschaften waren spätabends beim Fernsehen ("Bulle von Tölz") aus den Sesseln gerissen, zu Boden geschleudert und gefesselt worden. In Weiden vor Gericht steht der Ukrainer Viktor C., der beim Überfall dabei gewesen sein soll. Mit ihm teilten sich Oleg B. und Vadim C. das Pensionszimmer in Prag. Sie saßen auch bei ihm im Auto, als Viktor C. im Oktober 2016 in Prag festgenommen wurde. Damals wurden die Moldawier zwar mit zur Wache genommen. Aber sie standen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im Verdacht, am Überfall in Grafenwöhr beteiligt gewesen zu sein.

Sie hinterließen ihre (transnistrischen) Adressen und gaben freiwillig DNA-Abstriche ab. Dann ließen die Prager Behörden sie laufen. Mehrere Wochen später meldete das Landeskriminalamt die Übereinstimmungen mit den Grafenwöhrer Spuren.

Info:

Zum Prozessende "Last-Minute-Alibi"

Der „Rio“-Prozess neigt sich seinem Ende entgegen. Alle vorgesehenen Zeugen sind gehört, die Beweise der Staatsanwaltschaft eingebracht. Die Plädoyers könnten folgen. Davor sind allerdings noch die zehn Verteidiger der fünf Angeklagten am Zug, die Beweisanträge stellen können. Das könnte geraume Zeit in Anspruch nehmen. Und gleich am Mittwoch, dem 21. Verhandlungstag, gab es in dieser Hinsicht einen Paukenschlag.

Anwalt Jörg Sodan, Verteidiger des Hauptangeklagten Viktor C., wollte einen Zeugen geladen haben, der beweisen könne, dass sein Mandant zum Zeitpunkt des Überfalls in Prag war. Zwar sei Viktor C. wenige Stunden vor der Tat am Steuer des Tatfahrzeugs gesessen. Aber er sei in Prag bei "Kentucky Fried Chicken" ausgestiegen. Die beiden Moldawier (siehe " Verdächtige in Transnistrien") seien ohne ihn weitergefahren.

Für den Aufenthalt im Schnellrestaurant benannte Sodan einen Zeugen. Dabei handelt es sich um einen aus der Haft entflohenen Ukrainer. Das Gericht hat nun die unangenehme Aufgabe, sich mit diesem "Alibi" zu befassen, was den Prozess hinauszögern könnte.

Auch die anderen Verteidiger - insgesamt sind es zehn - der fünf Angeklagten hatten für Mittwoch eine Reihe von Beweisanträgen in der Tasche, unter anderem Anwalt Gunther Haberl. Er vertritt einen Landkreisbürger, der als Beihelfer angeklagt ist. Der 58-Jährige soll den Ukrainern den Tipp auf die angeblich hohe Bargeldsumme im Haus des ehemaligen Wirt des "Rio"gegeben haben, bestreitet dies aber. Haberl würde gerne die Gerüchteküche ausleuchten, die damals brodelte. Eine 80-jährige Zeugin wurde gleich noch am Mittwochnachmittag gehört. Zudem will Haberl Zeugen geladen haben, die mehr über den Suizid eines Grafenwöhrers wissen, der sich während der Ermittlungen das Leben nahm. Der Prozess wird am 7. August fortgesetzt. Aktuell sind noch fünf weitere Verhandlungstage bis Mitte September terminiert.

Transnistrien liegt zwischen Moldawien und der Ukraine.

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