25.03.2020 - 16:20 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Risikopatient aus Weiden über Coronavirus: "Für mich ist das Jahr gelaufen"

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Wie lebt es sich, wenn eine Begegnung mit Menschen lebensgefährlich sein kann? Für Mukoviszidose-Patient Johannes Gollwitzer aus Weiden gehört diese Angst zum Alltag. Doch in der Coronakrise nimmt sie zu.

Wenn Johannes Gollwitzer mit seinem Hund spazieren geht, muss er einen Mundschutz tragen. Er ist wegen seiner Mukoviszidose-Erkrankung Risikopatient. Eine Ansteckung mit dem Coronavirus wäre lebensgefährlich.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Wer Mukoviszidose hat, hat eine stark geschädigte Lunge. So ist es auch bei Johannes Gollwitzer. Der 35-jährige Weidener erzählt im Interview, was die Coronapandemie für ihn bedeutet.

ONETZ: Wie schlimm wäre eine Ansteckung mit dem Coronavirus Covid-19 für Sie?

Johannes Gollwitzer: Fieber, Husten und eine Verschleimung ist für mich ganz normal. Eine Ansteckung wäre trotzdem lebensgefährlich, weil meine Lunge durch die Mukoviszidose schon angegriffen ist.

ONETZ: Welche Auswirkungen hat die Coronapandemie auf Ihren Alltag?

Johannes Gollwitzer: Von den Hygienevorschriften her hat sich nichts geändert. So wie wir Mukoviszidose-Patienten es schon immer gemacht haben, so macht es jetzt jeder, zum Beispiel beim Händewaschen. Wir müssen immer auf Hygiene achten, damit wir uns nicht mit Keimen anstecken. Ansonsten gehe ich noch weniger raus, höchstens mit unserem Hund Leo Richtung Wald. Soziale Kontakte beschränke ich auf den Haushalt. Meine Schwester und mein Vater gehen für mich einkaufen.

Hintergrund: Einblick in das Leben von Johannes Gollwitzer

ONETZ: Müssen Sie sich besonders schützen, wenn Sie raus gehen?

Johannes Gollwitzer: Ich muss einen Mundschutz tragen. Ich versuche es aber zu vermeiden, rauszugehen. Die FFP3-Masken sind unangenehm zu tragen. Ich bewundere das medizinische Personal, das sie tragen muss. Und ich habe schon von anderen Patienten gehört, dass sie doof angemacht werden, wenn sie ihre Masken tragen. Aber nicht jeder, der hustet oder einen Mundschutz trägt, hat Corona. Für manche ist das lebenswichtig. In meinem Freundeskreis ist die Rücksichtnahme sehr groß. Meine Freunde haben schon von sich aus vor eineinhalb oder zwei Wochen gesagt, dass wir uns lieber nicht treffen, weil ich Risikopatient bin.

ONETZ: Haben Sie jetzt mehr Angst um Ihre Gesundheit als sonst?

Johannes Gollwitzer: Ja. Ich habe jetzt ein anderes Gefühl von Unsicherheit, auch wenn sich in meinem Alltag gar nicht so viel geändert hat. Ich empfinde die Situation als belastender. Es ist ein Unterschied, ob ich zwei Wochen nicht raus gehe, weil ich keine Lust habe, oder ob ich nicht raus gehe, weil ich Angst habe, dass ich sterbe. Wir empfinden in der Mukoviszidose-Community eine große Unsicherheit, wie es für uns weitergeht. Wenn's rund geht, wissen wir nicht, ob wir richtig versorgt werden. Ich habe meine Ambulanztermine in Donaustauf mit Blutentnahme, Lungenfunktionstest und Verlaufskontrolle abgesagt. Meine eigentlich wichtige Physiotherapie fällt flach. Desinfektionsmittel, die ich regelmäßig nutze, gibt es nicht mehr. Wird unsere Medikamentenversorgung weiter gewährleistet? Ich weiß es nicht. Ich habe das Gefühl, wir stehen am Ende der Nahrungskette. Vielleicht geht es Diabetikern, die Insulin brauchen, ähnlich. Und was ist, wenn meine Eltern krank werden?

ONETZ: Wie gehen Sie mit diesen Gedanken um?

Johannes Gollwitzer: Ich versuche, mich nicht verrückt zu machen: weniger Internet, mit Leo spazieren gehen, mehr lesen. Aber ich merke schon, dass ich schlechter schlafe. Momentan ist jeder für mich gefährlich. Meine Schwester ist Krankenschwester. Wenn ich es genau nehmen würde, müsste ich mich komplett in meiner Wohnung abschotten. Aber da geht man ja dran kaputt.

ONETZ: Glauben Sie, dass wir etwas aus dieser Krise lernen?

Johannes Gollwitzer: Ich hoffe, dass die Menschen achtsamer bei Hygiene werden. Aber ich glaube es nicht. Ich glaube aber schon, dass die Gesellschaft mitnimmt, Rücksicht zu nehmen und Berufe wie Ärzte, Schwestern, Pflegepersonal und Verkäufer mehr wert zu schätzen. Sie machen einen wahnsinnig guten Job und verdienen mehr Geld und Anerkennung.

ONETZ: Wie geht es für Sie nach der Ausgangssperre weiter?

Johannes Gollwitzer: Ich kann das Virus auch noch bekommen, wenn alle wieder raus dürfen. Damit Risikogruppen wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, müssen eigentlich alle immunisiert sein - durch Impfung oder dadurch, dass sie das Virus schon besiegt haben. Ich kann mich erst immunisieren, wenn es einen Impfstoff gibt. Sonst bleibt es für mich besonders gefährlich. Eigentlich dürfte ich nur noch mit Menschen Kontakt haben, die das Virus schon hatten. Für mich ist das Jahr, was das gesellschaftliche Leben angeht, gelaufen.

Info:

Mukoviszidose

Bei Mukoviszidose handelt es sich um eine vererbte und von Geburt an bestehende Stoffwechselerkrankung. In Deutschland gibt es rund 8 000 Betroffene. Das Sekret der schleimbildenden Organe (Lunge, Bauchspeicheldrüse, Leber, Geschlechtsorgane, Darm) ist extrem zähflüssig, verstopft die Organe und ist Nährboden für Keime. Zu den Symptomen zählen Husten, Lungenentzündungen, Untergewicht, Verdauungsprobleme. Mukoviszidose ist nicht heilbar. Die Lebenserwartung lag lange Zeit bei rund 40 Jahren. Dank neuester Forschung haben Erkrankte und Neugeborene heute die Chance auf eine weitaus höhere Lebenserwartung.

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