Die Schlaraffia: Ein Männerbund voller kunstsinnigem Humor, der seinen Gästen den Bauch pinselt

Weiden in der Oberpfalz
20.04.2023 - 10:48 Uhr
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Nicht nur der Papst ist unfehlbar. In Weiden fordert bis zur Sommerpause jeden Montag nach dem Tamtam ein Mann in einer Burg absoluten Gehorsam. Was folgt sind wort- und geistreiche Gefechte. Das Spiel der Schlaraffen hat begonnen.

Wer die Burg der Schlaraffen in den ehemaligen Weidener Johannisstuben betritt, wähnt sich auf einer Karnevalssitzung im Kleinformat. Männer sitzen in grün-roten Mänteln und Kappen, behängt mit allerhand Orden und Abzeichen an den Tischen. Drei von ihnen, der Oberschlaraffe, der Kanzler und der Reichsmarshall, nehmen am Thron an der Stirnseite des Raumes Platz. Wer spricht steht auf. Die Sprache bei den "Sippung" genannten wöchentlichen Treffen wirkt altertümlich, die Beiträge humorvoll und modern. Die Stimmung ist fröhlich. Statt Applaus drücken "Lulu, Lulu"-Rufe und Tischklopfen Zustimmung und Begeisterung aus.

Hochsaison im Winter

"Wir sind kein Geheimbund und keine Burschenschaft", sagt Ritter "El Padrino", mit bürgerlichem Namen Guido Nörtemann. "Wir sind fröhlich und humorvoll", ergänzt "Wald-Bertl" (Albert Urban). Mit einer Lebenseinstellung sei es verbunden, Schlaraffe zu sein. Deren Hochsaison endet im April und startet wieder im Oktober. Die Sippungszeit nennt sich "Winterung". Das Programm der "Sommerung" enthält zwanglose Treffen, Feste und Ausflüge wie bei den meisten anderen Vereinen auch. Hier sind die Frauen, anders als bei den Sippungen, aktiv mit eingebunden.

Im Zentrum der Treffen in der kalten Jahreszeit steht das schlaraffische Spiel. Ein Schlag auf den Gong, das sogenannte "TamTam" eröffnet es und beendet es später wieder. Zuvor bilden die Ritter mit erhobenen Schwertern ein Spalier, durch das die Gäste anderer "Reyche" – Schlaraffen aus einem anderen Ort – einziehen, beziehungsweise "einreiten". In dieser fiktiven Welt ist es verpönt, über Alltagsprobleme zu reden oder Politik, Sex, Beruf und Religion zu thematisieren. "Wir wollen die rosarote Brille aufsetzen", sagt "El Padrino", der außerhalb des Spiels das Amt des Vorsitzenden des offiziell "Schlaraffia in der Weyden e.V." genannten Weidener Ablegers innehat.

Absolutistischer Herrscher

Durch den Abend kann der Vorsitzende, aber auch ein anderer Sasse als Fungierender Oberschlaraffe führen. Er ist bei dieser Sippung im ritterlichen Spiel wie ein absolutistischer Herrscher unfehlbar. Für die Junker genannten Nachwuchs-Schlaraffen ist es die höchste Aufgabe mit sportlichem Ehrgeiz zu versuchen, dass er doch nicht so unfehlbar ist. Im Zentrum stehen als "Fechsungen" bezeichnete Kurzvorträge der Sassen oder Gäste von etwa zwei bis fünf Minuten Länge in Reim und Prosa, musikalische Darbietungen oder auch Pantomime.

Landshut, Regensburg, Thailand

Einen besonderen gelungenen Beitrag belohnt Ritter "Ofensiv" (Hans Zeitler) als Ceremonienmeister mit Bauchpinseln im wahrsten Sinn des Wortes: Mit drei an einem Stock befestigten Malerpinseln streicht er vom Thron aus Ritter "Filophil" über den Bauch, der sich als Niederbayer mit valentinesken Seitenhieben mit der Oberpfalz auseinandergesetzt hatte. "Filophil" war mit dem Ritter "Scharnierl" und einigen anderen aus Landshut in der Weyden "eingeritten". "Basso Contonio" kam als weiterer Gast aus Regensburg und "XXL" (Henry Senger) aus Thailand. Zum Weidener Reych hat er, der das halbe Jahr in Schwarzenbach lebt, als einer der Gründer eine besondere Beziehung.

Frauen dürfen keine Mitglieder bei den Schlaraffen werden, aber bei den Sippungen von dem "Vorburg" genannten Vorraum aus teilnehmen. Frauen waren auch mit beteiligt, dass sowohl Guido Nörtemann wie auch Albert Urban Mitglieder der Männergemeinschaft wurden. Nörtemanns Lebensgefährtin war zuvor mit einem Schlaraffen liiert, der sie und ihn zu einer Veranstaltung eingeladen hatte. "Da bin ich vor acht Jahren hängengeblieben", sagt der 66-Jährige.

Schneidermeisterin

"Meine Frau Uta hat als Schneidermeisterin im Auftrag des Weidener Ur-Schlaraffen "Bio-Rex" (Dr. Axel Poy) den Rittermantel geschneidert", erinnert sich der Förster im Ruhestand, Albert Urban. "Irgendwann vor etwa 16 Jahren sagte "Bio-Rex" ‚Geh halt mit!‘. Seitdem bin ich dabei."

Wie die meisten Vereine ist auch die Schlaraffia stets auf der Suche nach Nachwuchs, der den launigen ein- bis zweijährigen Weg vom Pilger über den Knappen und Junker zum Vollmitglied mitgeht. Im nächsten Jahr begeht das "Reych in der Weyden" das 20-jährige Bestehen. Der Initialfunken zur Gründung war 2004 aus Amberg gekommen. Zur ersten Weidener "Sippung" traf man sich im damaligen Gasthaus "Hennerloch".

Info:

Schlaraffia

  • Reyche (Ortsvereine): etwa 260
  • Sassen (Mitglieder): über 9000 Männer weltweit; in Weiden rund 32, im Alter zwischen 40 und 88 Jahren von Wernberg bis Waldsassen
  • Geschichte: 1859 in Prag; als Stammtisch geboren, als Protestverein gegen die Obrigkeit weitergeführt, heute eine Gemeinschaft von Männern, denen Kunst, Humor und Freundschaft hohe Werte sind.
  • Sippungen (Treffen): Auf der Nordhalbkugel wöchentlich im Winter, in Lateinamerika, Australien und Afrika in deren Winter
  • Pilger: Gast, der in Begleitung eines Schlaraffen unverbindlich an Sippung teilnimmt
  • Sprache: Weltweit Deutsch mit einigen besonderen Ausdrücken
  • Tabuthemen: Beruf, Politik und Religion
  • Uhu: symbolisch-humorvoller Inbegriff aller schlaraffischen Tugend, Narretei und Weisheit des Spiels
 
 

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