29.10.2018 - 16:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schnelles Aus für "Need NO Speed"

Von wegen "Need NO Speed". Das Ende kommt schnell: Bereits am Mittwoch, 31. Oktober, verabschiedet sich die hochgelobte Initiative zur Drogenprävention. Der Bayerische Jugendring zieht sich als Träger zurück. Die Enttäuschung ist riesig.

Da ist die Welt noch in Ordnung. Die Beteiligten am Projekt "Need NO Speed" treffen sich 2017 in der Cafeteria des Jugendzentrums. Anlass ist der Gewinn des Bayerischen Gesundheits- und Pflegepreises.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Konkret will der Bayerische Jugendring (BJR) die Regionale Präventionsstelle schließen, die mit zwei Fachkräften professionelle Aufklärungsarbeit insbesondere in Sachen Crystal Meth betrieben hat. In einem Brief informierte BJR-Präsident Matthias Fack erst vor wenigen Tagen alle Projektbeteiligten über das bevorstehende Aus. Die Partner - darunter die Stadt Weiden und die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth - fielen aus allen Wolken. Als "sehr enttäuscht" vor allem über den Stil beschreibt sich Oberbürgermeister Kurt Seggewiß. "Man muss doch mit uns reden", sagt er. "Die Landräte und der Oberbürgermeister sind schließlich gerannt wie die Ochsen, damit die Präventionsstelle hier eingerichtet werden konnte."

Diese Stelle war das wichtigste Projekt der Initiative "Need No Speed", die unter anderem Verantwortliche aus Polizei, Suchtberatung und Jugendarbeit im Jahr 2012 für die nördliche Oberpfalz ins Leben gerufen hatten. Schnell fanden sie auch gleichgesinnte Partner auf tschechischer Seite. Im April 2016 nahm die Regionale Präventionsstelle ihre Arbeit auf. Zwei Fachkräfte organisierten und betrieben die Aufklärungsarbeit unter anderem an Schulen. Der Bayerische Jugendring übernahm die Verantwortung (und die Finanzierung) - zunächst für zwei Jahre, in denen eigentlich ein regionaler Träger gefunden werden sollte. Angedacht war die Gründung eines Trägervereins. Doch bis zum Ende der ersten Laufzeit im März gelang dies nicht. Die Frist wurde bis 2020 verlängert. Nun kamen jedoch weitere Schwierigkeiten dazu, die in der Summe für den BJR wohl untragbar geworden sind.

Absage des künftigen Trägers:

Eigentlich sollte der Bezirksjugendring 2020 die Trägerschaft übernehmen. Doch das lehnte er jetzt ab. Laut Vorstandsmitglied Jürgen Preisinger, zudem Jugendring-Chef in Tirschenreuth und einer der "Need NO Speed"-Initiatoren, fürchtete der Bezirksjugendring Probleme mit der Finanzierung. Vertreter des Bezirkstag hätten ihm keine Hoffnung auf Förderung machen können. Präsident Fack bestätigt das: "Bezirkstagsabgeordnete haben wohl keine Möglichkeit gesehen, das Projekt beim Bezirksjugendring zu finanzieren, das hatte Signalwirkung für den Bezirksjugendring."

Personelle Engpässe:

Aus privaten Gründen kündigte Projektbetreuerin Agnes Scharnetzky im Frühjahr. Es brauchte zwei Ausschreibungsverfahren, um die Stelle wiederbesetzen zu können. Fack: "Hier zeigt sich der Fachkräftemangel deutlich." Im August trat Franziska Kunzmann die Stelle an. Prompt folgte der nächste Tiefschlag: Projektassistentin Andrea Maier kündigte. Auch das Netzwerk verlor hoch engagierte Mitstreiter: unter anderem Suchtberater Gerhard Krones (Ruhestand), die Präventionsbeamtin der Polizei (gesundheitliche Gründe), zuletzt Kripo-Chef Thomas Bauer (berufliche Veränderung), einen der Väter des Projekts.

Finanzielle Probleme:

Der BJR finanzierte den größten Teil der Präventionsstelle, unterstützt mit Mitteln des bayerischen Gesundheitsministeriums. Die zeitliche Verzögerung durch die zweite Stellenausschreibung führte laut Fack dazu, dass das Ministerium für die Fortführung des Projekts noch keine Förderung bewilligt hat. Hinzu komme, dass die Finanzierung in der Zukunft wegen der offenen Trägerfrage ohnehin völlig ungeklärt ist.

Auflösung des Netzwerks:

Mit dem Netzwerk unter anderem aus Jugendringen, Polizei, Fachstellen in der Suchtberatung, Landkreisen und Stadt Weiden begann die Arbeit von "Need NO Speed". Es scheiterte allerdings mit dem Unterfangen, einen Trägerverein für die Präventionsstelle zu gründen. Die tschechischen Partner sprangen ab. Den sporadischen Treffen fehlte es nach Berichten von Teilnehmern an Struktur, die Motivation ließ nach. Im Juni löste sich das Netzwerk auf. Für Preisinger, der am letzten Treffen nicht teilnehmen konnte, ein großer Fehler: "Das Netzwerk leistete viel Lobbyarbeit. Es hatte politisches Gewicht." Dieses hätte es auf der Suche nach einer Lösung für die Präventionsstelle einbringen können.

"Eine komplexe Situation, ungünstige Förderbedingungen, die derzeit nicht absehbare Kostenübernahme, Personalwechsel, bei derzeitiger Aussichtslosigkeit der Verankerung vor Ort - das sind die Gründe, die zu dem Entschluss geführt haben", fasst Fack zusammen. "Gerade das Hauptziel, vor Ort Strukturen zu bilden und zu sichern, gelang bereits in der ersten Laufzeit, die im März 2018 endete, nicht. In einem zweiten und letzten Anlauf sollte dies bis 2020 in Angriff genommen werden. Doch gerade in den letzten Wochen wurde deutlich, dass dies in absehbarer Zeit nicht gelingen kann." Eine Rolle soll zudem gespielt haben, dass die Trägerschaft des BJR in eigenen Reihen nicht unumstritten war: Weshalb, so fragten die Kritiker, stecke die Dachorganisation Geld in ein regional begrenztes Projekt (das ,NO‘ im Titel soll auch für ,Nordoberpfalz‘ stehen)? Fack verteidigt das Engagement: "Das Konzept Need NO Speed überzeugte uns von Anfang an. Und wir sind eingesprungen, um subsidiär zu helfen, diese wichtige Arbeit in der Region abzusichern, die bis dahin rein ehrenamtlich aufrechterhalten wurde."

Als "mittelschwere Katastrophe" wertet der Stadtjugendring Weiden das plötzliche Ende der Präventionsstelle, die in "seinem" Jugendzentrum angesiedelt war. "Die Schwemme von Crystal Meth reißt nicht ab, und wir können nicht genug in der Prävention tun, um Jugendliche für die Gefahren der Droge zu sensibilisieren", teilt er in einer Stellungnahme mit. Die bittere Entscheidung des BJR sei jedoch nachvollziehbar. Nun seien die Fachleute in den einzelnen Organisationen wie eben dem Jugendring um so stärker gefordert. "Ich hoffe sehr, dass Fachwelt, Politik und Gesellschaft die Augen nicht vor der Thematik verschließen", erklärt BJR-Chef Fack dazu. Sie müssten "erkennen, dass eine wirksame Drogenprävention ein breites Miteinander braucht, dass mit neuen Ansätzen bewährte Drogenpräventionsarbeit ergänzt werden kann".

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