13.11.2019 - 17:28 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schock für Standbetreiber: Nach 43 Jahren das Aus beim Christkindlmarkt

Jahrzehnte richteten die Marktkaufleute den Weidener Christkindlmarkt aus. Heuer übernimmt die Stadt – und beschließt, den Glühweinstand der Familie Renner nicht mehr zuzulassen.

Seit 43 Jahren gibt es bei Familie Renner gleich am Eingang zum Weidener Christkindlmarkt Glühwein. Heuer ist der Stand nicht zugelassen. "Wir wurden ausrangiert", sagt die Betreiberin in vierter Generation der Schaustellerfamilie bitter.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Damit wird ausgerechnet der Stand ausgeschlossen, dessen Seniorchef Peter Renner 1976 mit drei anderen Marktkaufleuten - Robert Margraf, Gerhard Donhauser und Karl-Heinz Rothballer - auf Bitten der Stadt den Christkindlmarkt erst wiederbelebt hat. Daran erinnert Renners Tochter, Claudia Heindl. Die Grafenwöhrerin vertritt die Familie Renner als Schausteller und Marktkaufleute bereits in der vierten Generation. 43 Jahre nach dieser Wiederbelebung des Weidener Christkindlmarkts sagt sie fassungslos: "Wir wurden ausrangiert. Dabei haben wir uns nie etwas zu schulden kommen lassen."

Der negative Bescheid der Stadt Weiden trifft die Familie völlig unvorbereitet. Bestellungen sind längst getätigt. Habe es seitens des damaligen Rechtsdezernenten doch noch im Januar geheißen, die Stadt übernehme zwar nun die Regie für den Markt. Doch die Beschicker blieben in der ersten Zeit wie gehabt. Ein, zwei würden zwar neu dazustoßen, nicht aber auf Kosten der alten. Also bewarb sich die Familie Renner ordnungsgemäß im Mai. Der Ablehnungsbescheid der Stadt folgte am 24. Oktober.

"Keine Möglichkeit zu reagieren"

Das Aus kommt damit nur fünf Wochen vor Beginn des Christkindlmarkts am 28. November. "Ich bin traurig und wütend zugleich", sagt Claudia Heindl. Was sie nun stattdessen in der Vorweihnachtszeit unternimmt? "Nichts. Ich habe keine Möglichkeit mehr zu reagieren. Die Vorbereitungen für sämtliche Märkte sind längst gelaufen." Nach gescheiterten persönlichen Gesprächen mit der Rechtsdezernentin der Stadt bliebe der Schaustellerfamilie deshalb nur eins: der Klageweg. "Wir prozessieren."

Klage eingereicht

Zum 8. November ging die Klage auf Zulassung zum Weidener Christkindlmarkt beim Bayerischen Verwaltungsgericht in Regensburg ein. Darin ist von "groben Fehlern und Unebenheiten des Zulassungsverfahrens" die Rede. Zu fadenscheinig erscheinen den Grafenwöhrer Marktkaufleuten die Gründe im Ablehnungsbescheid, der Oberpfalz-Medien vorliegt. Darin heißt es: "Ausschlaggebende Faktoren waren [...] das Alter der Verkaufseinrichtung, die erhebliche Überschreitung des erwünschten Standardmaßes der Verkaufseinrichtung sowie ein deutlich attraktiveres Zusatzangebot eines Mitkonkurrenten."

Faktoren übrigens, die den Schaustellern nicht bekannt waren. Die Verwaltung erarbeitete sie intern, betont der Rechtsanwalt der Renners - und widerspricht ihnen. Ja, der Stand der Renners biete "nur" Glühwein. Allerdings in diversen Sorten. Der "Hausmacher" sei Tradition in Weiden. Genauso wie der Stand. Neu müsste dieser auch nicht sein. "Denn es kann keinen traditionellen Weihnachtsmarkt mit ausschließlich neuen Geschäften geben", vermerkt der Jurist.

"Mit viel Akribie herausgewertet"

"Etwa zwölf Jahre ist unser Stand und top in Schuss. Er wird ja nur ein Mal im Jahr in Weiden aufgebaut", ergänzt Claudia Heindl. Die Maße würden mit 8 mal 2,5 Metern dem zulässigen Maximalmaß der Ausschreibung von 8 mal 3 Metern entsprechen. Abweichungen gebe es vielmehr bei den Konkurrenten mit 8 mal 7 oder 6 mal 3,2 Metern. Damit steht für den Anwalt fest, Renners wurden "nicht fair bewertet, sondern mit viel Akribie aus dem Bewerberkreis herausgewertet".

Laut des städtischen Bescheids bewarben sich neben der Familie Renner sieben weitere Firmen um den Verkauf von Glühwein. Besonders bitter ist wohl, dass zwei davon zum Zug kommen, die sich nicht wie Seniorchef Peter Renner seit 1983 an der alljährlichen Tombola für wohltätige Zwecke beteiligten. Der Erlös daraus, der der Stadt übergeben wurde, belief sich über all die Jahre laut Renner auf rund 300 000 Euro. Auch deshalb sagt der Seniorchef: "Ich bin tief getroffen."

Auch eine Existenzfrage

Das unvorhersehbare Aus in Weiden gehe der Familie zudem an die Existenz. Die Einnahmen aus dem Christkindlmarkt in der Max-Reger-Stadt machten rund 20 Prozent des gesamten Jahresumsatzes der Grafenwöhrer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) aus. Und auch die Besucher des Marktes trifft es. Denn Klage hin oder her: Den traditionellen und beliebten "Hausmacher"-Glühwein der Renners gleich am Eingang beim Brunnen wird es heuer wohl nicht auf dem Christkindlmarkt geben.

Diese Hütte als Unterstand baute Peter Renner in Eigenregie und auf eigene Kosten für die Besucher des Weidener Christkindlmarktes. Seit 2017 stellte er zudem überdachte Heizofen für die Gäste auf. 2019 richtet erstmals wieder die Stadt den Markt aus und will dabei auf die Renner als Schausteller verzichten.
So reagiert die Stadt:

Der Christkindlmarkt soll noch attraktiver werden

An diesem Mittwoch landete die Klage der Familie Renner gegen den Ablehnungsbescheid zum Christkindlmarkt auf dem Schreibtisch der Rechtsdezernentin der Stadt. Innerhalb der nächsten sechs Wochen und damit nach Ende des Markts muss Nicole Hammerl laut Gerichtsbeschluss dazu Stellung nehmen. Vorab erklärt sie gegenüber Oberpfalz-Medien die Beweggründe der Stadt.

„Wir haben bei der Untergruppe Glühwein mehr Bewerbungen bekommen als wir Plätze haben. Es musste eine Auswahl getroffen werden, weil wir bei der Größe des Markts nur drei Plätze für den Glühweinverkauf für verträglich erachten.“ Weiter sagt Hammerl: „Wir haben es uns mit unserer Entscheidung nicht leicht gemacht, aber die Familie Renner erhält keinen dieser Plätze.“ Obwohl die Rechtsdezernentin das vorab mündlich erklärte? „Ich habe keine derartige Zusage gemacht“, sagt Hammerl. Vielmehr seien zwei voneinander unabhängige Sachbearbeiter auf der Basis entsprechender Vergabekriterien, die für alle gleichermaßen gegolten haben, zu dem Schluss gekommen, dass es für Renners nicht reiche.

Die Dezernentin bedauere aber die späte Zusendung des Ablehnungsbescheids. 2020 solle alles zügiger laufen. In der Sache aber bleibt Hammerl hart: Auch nach 43 Jahren gebe es „keinen Automatismus zur Zulassung“. Deshalb müsse ein Unternehmer, der wirtschaftlich denkt, sich gegebenenfalls auch auf anderen Märkten bewerben, um Umsatzausfällen zu entgehen. Weiter erklärt sie: „Unser Fokus liegt einfach darauf, die Attraktivität des Markts zu verbessern. Die Stände der anderen Bewerber sagten uns optisch mehr zu.“

Damit spielt Hammerl neben einer neuen Standaufstellung auch auf die Neuerung schlechthin beim Christkindlmarkt 2019 an: Direkt hinter dem Alten Rathaus soll erstmals auf 10 mal 20 Metern eine Eisbahn stehen – inklusive Glühweinverkauf. „Wenn die Stadt den Markt übernimmt, soll man schon auch die neue Handschrift erkennen.“

Das ist die neue Attraktion am Christkindlmarkt

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Der Christkindlmarkt soll attraktiver werden, sagt die Stadt als neuer Ausrichter. Damit ist der Traditionsbetrieb Renner mit Glühweinstand raus, eine Eisbahn wie hier in Stuttgart soll dafür kommen – übrigens mit Glühweinstand.
Kommentar:

Die Glühwein-Affäre

Das Aus für ihren Glühweinstand nach 43 Jahren auf dem Weidener Christkindlmarkt setzt der Grafenwöhrer Schaustellerfamilie Renner zu. Denn es kam unvermittelt. Ob die Entscheidung juristisch korrekt ist, muss nun das Verwaltungsgericht entscheiden.
Bitter ist die Entscheidung aber allemal. Trifft es mit den Renners doch ausgerechnet die Marktkaufleute, die mit einigen anderen auf Bitten der Stadt (!) ab 1976 den Weidener Christkindlmarkt erst wieder zu dem gemacht haben, was er heute ist. Zum Dank scheinen im ersten Jahr, in dem die Stadt wieder Regie führt, nun Mitbewerber zum Zug zu kommen, die von dieser Historie keinen Schimmer haben.
Mutig ist die Entscheidung der Stadt aber auch. Nach 43 Jahren übernimmt sie wieder die Ausrichtung des Marktes und tut das, wovon jeder Neu-Chef tunlichst die Finger lässt: Sie greift sofort durch, drückt dem Projekt gleich ihre ganz eigene Handschrift auf.
So heißt es also Wochen vor Weihnachten: Glühwein-Affäre contra Christkindlmarkt-Neuorganisation. Wobei genau diese Neuorganisation auch der Familie Renner in die Hände spielen könnte. Allerdings erst nächstes Jahr, falls mehr Platz für Glühweinstände am Christkindlmarkt geschaffen wird, weil er komplett andernorts eröffnet. Wo? Hinter statt vor dem Alten Rathaus, deutet die Rechtsdezernentin Überlegungen an. Der „Hausmacher“-Glühwein könnte also 2020 am Unteren Markt wieder obenauf sein.

Simone Baumgärtner

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