14.06.2021 - 17:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nach dem Schock gezielt "schocken": So hilft man bei Herzstillstand

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Der beinah tödliche Zusammenbruch des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen schockt nicht nur Fußballfans. Wer gefährdet ist und was im Ernstfall zu tun ist, weiß ein Experte.

Im Ernstfall können Herzdruckmassagen und der Defibrillator Leben retten.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Der Fall Christian Eriksen wühlt auf, doch treffen kann es im Grunde jeden: Je nach Untersuchung gibt es laut der "Deutschen Herzstiftung" auf 100 000 Sporttreibende pro Jahr zwischen 0,7 und 3,0 Todesfälle. Nach Daten des deutschen Registers zum plötzlichen Herztod beim Sport (Sudden Cardiac Death Register, SCD Deutschland) seien 96 Prozent der betroffenen Sportler Männer. Der britische Fußballverband, schreibt die Deutsche Herzstiftung, habe innerhalb von 20 Jahren rund 11000 Nachwuchsspieler untersucht. Sie waren im Mittel rund 16 Jahre alt. Bei 42 Sportlern fanden die Ärzte Herzerkrankungen, die mit einem plötzlichen Herztod in Verbindung gebracht werden. Wir sprachen mit Prof. Dr. Robert H. G. Schwinger, Leiter der Medizinischen Klinik II in Weiden, über die Problematik.

Restrisiko bleibt

Grundsätzlich, so der Kardiologe, müsse zwischen Leistungs- und Freizeitsportlern sowie "Normalbürgern" unterschieden werden. Zwar ließen die Vereine ihre Spieler sportkardiologisch untersuchen - "insbesondere in Italien" -, doch könnte Eriksen dennoch "rein formal herzgesund sein", sagt Schwinger. Es bleibe immer ein Risiko. Rhythmusstörungen des Herzens könnten etwa die Folge einer Myokarditis, also einer Herzmuskelentzündung, sein. Sie trete häufig nach Virus-Infekten auf, aktuell sei sie auch nach einer Schutzimpfung mit dem Biontech-Vakzin zu beobachten.

Daneben, so Schwinger, gebe es eine Reihe von Herzkrankheiten, die sich erst im Laufe der Zeit entwickeln und deshalb zunächst unbemerkt blieben. Gefährlich werden können laut dem Experten aber auch sogenannte Ionenkanalstörungen wie das "Long-QT-Syndrom". "Bei besonderen Umständen, etwa Stress, kommt es dann zu Problemen." Das kann bis zum gefürchteten Kammerflimmern gehen, das innerhalb von Sekunden zu Bewusstlosigkeit und anschließendem Tod führt, wenn keine rasche Behandlung erfolgt.

Nur fit trainieren

Menschen, die nicht sportlich aktiv sind, seien vor allem durch Bluthochdruck oder Herzinfarkt gefährdet, sagt Schwinger. "Besonders schlimm sind dabei die Männer, die ewig keinen Sport mehr getrieben haben und plötzlich damit anfangen, weil sie zum Beispiel übergewichtig sind. Die übertreiben es oft gleich zu Beginn." Generell rät der Kardiologe vom Sport ab, wenn man sich nicht fit fühle oder unter Fieber oder starken Blutdruckschwankungen leide. "Und natürlich, wenn man Herzenge oder einen Druck vor der Brust verspürt." Schwinger betont, dass eine Myokarditis keineswegs selten auftrete. "Jeder Mensch hat mindestens eine in seinem Leben. Normalerweise heilt das aber unbemerkt folgenlos aus." Paradoxerweise seien gerade die austrainierten Leistungssportler hier "deutlich anfälliger".

Im Ernstfall ist schnelles Eingreifen entscheidend. "Man muss sofort mit Herzdruckmassage und Atemspende beginnen." Hohe Kompression und Ausdauer seien wichtig: "Man macht das so lange, bis der Notarzt kommt oder der Patient wieder bei Bewusstsein ist." Die Herzdruckmassage erhalte den Kreislauf des Patienten aufrecht, sei für den Ersthelfer allerdings sehr anstrengend. "Man sollte sich daher nach Möglichkeit abwechseln." Schwinger weist darauf hin, dass bei einem Herzstillstand bereits nach fünf Minuten irreversible Schäden am Gehirn drohten. Die flächendeckende Verfügbarkeit von tragbaren Defibrillatoren, die das Herz mit Stromstößen wieder in Gang setzen, hält der Chefarzt daher für äußerst wichtig. "Ich habe meinem Tennisverein selbst so ein Gerät gespendet, nachdem ein Sportler auf dem Platz mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen war."

Man muss sofort mit Herzdruckmassage und Atemspende beginnen. Man macht das so lange, bis der Notarzt kommt oder der Patient wieder bei Bewusstsein ist.

Prof. Dr. Robert H. G. Schwinger, Chefarzt der Medizinischen Klinik II in Weiden

Prof. Dr. Robert H. G. Schwinger, Chefarzt der Medizinischen Klinik II in Weiden

Hintergrund:

Schnelle Erste Hilfe

Wenn ein Herzstillstand eingetreten ist (Hinweise darauf sind fehlende Atmung und fehlende andere Lebenszeichen), muss die Person schnellstens wiederbelebt werden. Der Patient sollte dafür auf einem harten Untergrund liegen. Der einzige Fehler, den man machen kann, ist nichts zu tun.

  • Wenn weitere Helfer vorhanden sind, durch diese den Notruf absetzen lassen (sonst selbst anrufen unter 112) und, falls vorhanden, einen Defibrillator besorgen lassen.
  • Unverzüglicher Beginn mit 30 Herzdruckmassagen, Geschwindigkeit circa zwei Kompressionen pro Sekunde, etwa fünf bis sechs Zentimeter tief drücken. Für Kleinkinder gilt eine Drucktiefe von 4 Zentimetern, für Schulkinder von 5 Zentimetern.
  • Zwei Atemspenden geben und danach Fortsetzen der Wiederbelebung im Rhythmus 30:2.
  • Sobald der Defibrillator zur Verfügung steht, anwenden. Nach der Schockabgabe sofortiges Fortsetzen der Wiederbelebung im Rhythmus 30:2, bis der Patient das Bewusstsein wiedererlangt, wieder normal atmet oder der Rettungsdienst eintrifft.

Defibrillatoren retten Leben - diese Geschichte beweist es eindrücklich.

Weiden in der Oberpfalz

 

 

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