12.03.2019 - 17:26 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schulstreik für Klimaschutz: Abiturienten bleiben sitzen

In Amberg fiel vor fünf Wochen wegen Glatteis die Schule aus, als Jugendliche während der Unterrichtszeit gegen den Klimawandel demonstrierten. In Weiden wird das Wetter den Schulleitern nicht so in die Karten spielen. Der "Friday for future" bringt sie in eine Zwickmühle.

Rund 150 Amberger Schüler streikten Anfang Februar für Klimaschutz. Schwänzen musste dafür niemand, da in Stadt und Landkreis wegen Glätte ohnehin der Unterricht ausfiel. Nun ist Weiden mit einem „Friday for future“ am Zug.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

In über 50 Ländern wollen am Freitag Schüler statt über Trigonometrie lieber über den Treibhauseffekt reden. Die Klimaschutz-Bewegung "Fridays for future" samt Schülerstreiks hat die Nordoberpfalz erreicht. Am Oberen Markt ist von 10 bis 13 Uhr eine Kundgebung angesetzt (wir berichteten).

Angemeldet hat sie Franz Zielinski, ein langjähriger Greenpeace-Aktivist und dem Schulalter längst entwachsen. "Die Jugendlichen sind ja noch nicht volljährig", erklärt er seine Art der Hilfestellung. Den Rest aber überlässt er Lukas Prölß, einem 15-jährigen Hans-Scholl-Realschüler aus Thansüß. Wie viele Mitstreiter er und seine Freunde via Whatsapp, Instagram und Co. mobilisieren, weiß Zielinski nicht. "Es können 50 oder 500 werden." Lukas schätzt etwa 200. Die von ihm zum Schülerstreik organisierte Whatsapp-Gruppe hatte bis Dienstag 194 Mitglieder.

Zur Versammlung, bei der neben Lukas Prölß auch Tim Ramm und Johanna Pickert sprechen werden, dürften tatsächlich einige mehr auftauchen, denn Schützenhilfe kommt von unerwarteter Seite. "Wir machen mit den neunten und zehnten Klassen einen Unterrichtsgang zum Oberen Markt", erklärt Michael Meier, Chef der Hans-Scholl-Realschule. So könne man zeigen, dass man seit neun Jahren das Siegel "Umweltschule in Europa" nicht umsonst trage. "Ich glaube, damit mobilisieren wir viel mehr Teilnehmer als wenn es freiwillig wäre. So bringen wir das Thema Klimawandel in die Köpfe, und wir genügen unserer Aufsichtspflicht."

Sollten Meier und seinen Kollegen bei dieser Aufsichtspflicht aber jüngere Realschüler ins Blickfeld geraten, droht Ärger. "Für die Klassen fünf bis acht gilt Schulpflicht. Wer dennoch demonstriert, muss mit Sanktionen rechnen." Das bedeutet in der Regel Verweis und nachgeholten Unterricht. So hat es Meier in einem Elternbrief kundgetan.

Sein Kollege Reinhard Hauer vom Elly-Heuss-Gymnasium hängt das Thema an die kleinere Glocke. "Das ist keine Schulveranstaltung, also ergreifen wir auch nicht die Initiative." Wenn aber Eltern auf ihn zukämen und bereit seien, die Aufsichtspflicht während des Streiks für ihre Tochter zu übernehmen, sei er bereit, das Mädchen ab 11 Uhr zu befreien. In zwei Fällen lässt Hauer keinesfalls mit sich verhandeln. Die Zwölftklässlerinnen, die kurz vorm Abitur stehen, und Klassen, die Schulaufgaben schreiben, müssen im Haus bleiben. Diese Linie haben die Chefs der weiterführenden Schulen in Weiden abgesprochen.

Anton Hochberger vom Neustädter Gymnasium fährt eine striktere Linie: "Schulen haben sich politisch neutral zu verhalten." Außerdem müssten seine Schützlinge erst nach Weiden fahren. Da sei es nicht so einfach, die Aufsichtspflicht einfach den Eltern zu übertragen. Stattdessen denkt Hochberger über eine Art Studientag zum Klimaschutz kurz vor den Osterferien nach. Ähnlich sieht es sein Eschenbacher Kollege Peter Schobert. Allerdings sei an ihn noch kein Schüler herangetreten.

Auch Susanne Genser von der Sophie-Scholl-Realschule liegt noch kein einziger Antrag vor. Sie würde auch nicht jeden genehmigen: "In den neunten Klassen laufen gerade Berufswahlseminare mit teuren Referenten. Da befreien wir nicht." Sigrid Bloch vom Kepler-Gymnasium würde das Anliegen für mehr Klimaschutz "außerhalb meiner Dienstzeit unterstützen", wie sie unterstreicht. "Aber ich habe mit diversen Schülern gesprochen und schon das Gefühl, dass es mehr ein Hype ist."

In der Fachoberschule hat Chefin Gabriele Dill mit der Schülermitverantwortung einen Kompromiss gefunden. Jede Klasse darf ihre beiden Klassensprecher oder zwei andere Vertreter schicken.

Die Schulchefs und das Kultusministerium sind sich einig: Solange der "Friday for Future" eine einmalige Geschichte bleibt, fällt öfter mal das Wort, die Sache "wohlwollend" zu begleiten. Sollte es in den nächsten Wochen aber näher Richtung Abitur oder Abschlussprüfungen gehen und ein neuer Streik zeichne sich am Horizont ab, werde das Klima schlagartig rauer.

Kommentar:

Schwankendes Schulklima

Aber warum während der Unterrichtszeit? Diese Frage stellen fast alle Schulleiter der Region beim Gespräch über die geplanten Schüler-Demos für Klimaschutz. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Weil die Galionsfigur der Proteste, die Schwedin Greta Thunberg, schlau ist. Sie weiß, dass ihre Bewegung nur wegen der geschwänzten Freitage große mediale Aufmerksamkeit erhält.
Wie viele Schüler der erste „Friday for future“ in Weiden auf die Straße treibt, ist spannend. Auch für Schulchefs, die schwanken, ob sie engagierte Schüler eventuell bestrafen müssen, wo sie sich doch für eine gute Sache einsetzen. In diesem Fall ist ihre Linie nicht so einheitlich.
Am geschicktesten geht wohl die Hans-Scholl-Realschule mit dem Thema um. Und auch wenn Rektoren ihre Klassen voll behalten wollen, indem sie als Kundgebungsersatz an Klima-Projekttagen oder ähnlichem basteln, hat der blaue Freitag etwas bewegt. Vielleicht mehr als manchem Teenager lieb ist. Denn eines ist trotz des hehren Ziels klar: Etliche spekulieren am Freitag unter der Fahne des Klimaschutzes auf mehr Freizeit als auf weniger CO2. Verständlich, aber von Greta Thunberg so weit entfernt wie Weiden vom Nordkap.

Friedrich Peterhans

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