Weiden in der Oberpfalz
09.10.2022 - 11:38 Uhr
OnetzPlus

Schweigerblock in Weiden: In Denkmal kehrt neues Leben ein

Seit zwei Jahren laufen die Bauarbeiten in der Schweigerstraße. Dort saniert die Baugenossenschaft Familienheim sechs Häuser aus dem Jahr 1925. Die Wohnungen werden dringend benötigt. 2023 ziehen die ersten Mieter ein.

„Ist das hell hier! Das begeistert mich jedes Mal“. Sabine Bergler gerät beim Gang durch die Wohnungen in der Schweigerstraße ins Schwärmen. Das Gebäude, die Raumaufteilung, die vielen charmanten Details des Baustils haben es ihr angetan. Insgesamt sechs Häuser mit 33 Wohnungen (Hausnummer 1, 3, 5 ,7, 9 und 11) bilden den Schweigerblock. Ein Jugendstilensemble, das die Baugenossenschaft Familienheim 1925 bauen ließ. Bergler ist seit April 2018 Vorstandsvorsitzende und hat mit dem Amt damals auch das Sanierungsprojekt als „dickes Paket“ geerbt.

Dabei schien das Schicksal des prägenden Baus im Stadtteil Stockerhut besiegelt. 2014 zogen die letzten Mieter aus, der Vorbescheid für den Abbruch und einen Neubau war bereits erteilt. Dem schob das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege einen Riegel vor und erklärte die Gebäude zum Baudenkmal. Fast vier Jahre standen die Häuser leer. Parallel dazu liefen die Überlegungen, wie die Genossenschaft den Erhalt des fast 100 Jahre alten Wohnblocks finanziell stemmen könnte. Im Oktober 2018 wurde schließlich der Bauantrag eingereicht, zwei Jahre später rückten im September 2020 die Handwerker in der Schweigerstraße 11 an.

In eben diesem Haus stehen nun Bergler und Architektin Edith Huff vom Planungsbüro Karlheinz Beer Architekten, Weiden, und freuen sich über die großzügigen Räume. „Das Licht kann von beiden Seiten des Hauses einfallen, das ist auch gut beim Durchlüften“, sagt Huff, die die durchdachte Bauweise des damaligen Stadtbaurats von Weiden, Josef Linhardt (1886 – 1985) noch heute schätzt. „Es wäre ein Schande gewesen, diese Häuser abzureißen.“

Platz für junge Familien

Mit der Modernisierung stehen der Baugenossenschaft bald 33 Wohnungen zwischen 60 und 120 Quadratmetern zur Verfügung, für die es bereits genügend Interessenten gibt. Mieter seien ausschließlich Genossenschaftsmitglieder, sagt Bergler. Jungen Familien mit Kindern, aber auch 1- bis 2-Personenhaushalten wolle man hier bezahlbaren Wohnraum bieten.

In die Originalwohnungen, die nicht barrierefrei sind, wurde nur behutsam eingegriffen, dem Denkmalschutz entsprechend. In Haus 5 und 7 sind die Grundrisse gespiegelt. „Hier haben wir etwas variiert. In der einen Wohnung gibt es nun ein Tageslichtbad, dafür hat die andere ein innenliegendes, jedoch eine größere „Diele“. Die bisherigen verglasten Loggien werden in fast allen Wohnungen zu Balkonen erweitert. Einige dürfen sich auch über kleine Abstellkammern freuen. Türen, Fenster, Treppen bleiben erhalten, werden abgeschliffen und geben nicht selten unter dicken Lackschichten ihre wahre Schönheit preis. Detailarbeit erfordert zum Beispiel die Suche nach passenden Glasscheiben für die Türen. „Wir wollen den Charakter des Hauses ja erhalten.“

Die Höhe des Mietpreises weiß Bergler noch nicht. „Die Regierung der Oberpfalz hat die Wohnungen eingruppiert, aber wir müssen noch die Endabrechnungen unter Einbeziehung aller Förderungen abwarten.“ Rund 9 Millionen Euro reine Baukosten waren einst veranschlagt. Bergler und Huffs Blicke sind jedoch vielsagend, als die Frage nach den zu erwartenden Kostensteigerungen durch Baumaterialengpass und Energiekrise fällt.

Von Gas abhängig

Apropos Energie. Die sechs Häuser in der Schweigerstraße und die Fehrstraße 7 und 9 werden künftig über ein gemeinsames Fernwärmenetz versorgt. Das dezentrale Heizhaus wird in der Tiefgarage untergebracht, deren Baubeginn für 2023 im Hinterhof vorgesehen ist. „Energieträger ist Gas. Leider“, sagt Sabine Bergler mit Blick auf die Kostenexplosion. „Aber wir haben keine Alternative. Für Hackschnitzel bräuchten wir Lagerkapazitäten, die es aber hier nicht gibt. Als wir mit den Planungen anfingen konnte das ja keiner ahnen.“

Zug um Zug sollen 2023 die ersten Bewohner einziehen, damit nicht zu lange „Leerstand“ entsteht. „Wir machen das von Haus zu Haus, während weiter vorne noch Baustelle ist“, erklärt Bergler. Die Handwerker haben sich mittlerweile bis zur Schweigerstraße 1 vorgearbeitet – momentan im Rohbauzustand.

Inmitten der blanken Ziegelwände, der frei gelegten gewölbten Kellerdecken im Erdgeschoss, den Fehlböden in den Obergeschossen oder dem flaschengrünen Treppengeländer, lässt das 97 Jahre alte Gebäude in seine Historie blicken. „Viel Dreck haben wir hier herausgeholt“, sagt Bergler, während sie über ein Wirrwarr aus Kabelsträngen steigt. Gerade verlegen die Elektriker die Leitungen, setzen Steckdosen. Bergler, selbst gelernte Elektrikerin, ist „froh um jede Firma, die da ist“.

Keine Kellerabteile

Auch für einen späteren Glasfaseranschluss sei alles vorbereitet, sagt Architektin Huff beim Blick auf die Kabel im Keller. In knapp 2 Metern Deckenhöhe verlaufen die Heizungsrohre. Kopf einziehen. Die Keller bleiben der Technik vorbehalten, erklärt Huff, die in Haus 1 noch beiläufig auf einen Raum deutet, der einstmals als Luftschutzkeller diente. Hier unten atmet das Haus besonders, der Keller ist feucht, aber nicht nass. „Trotzdem müssen wir das im Auge behalten“, weiß die Planerin. Die Decken zu den Wohnungen darüber werden extra gedämmt. Eine 8 Zentimeter dicke Schicht gib’s auch für die Außenfassade. Die Fenster haben Lüftungsschlitze. 20 Zentimeter Mineralwolle dämmen in allen Häusern die Fußböden unterm Dach, das nicht isoliert wurde und nach fast 100 Jahren noch im Top-Zustand sei.

„Wir hatten viele Ideen“, sagt Bergler. So wurde auch über Wohnungen im Dachgeschoss nachgedacht. „Doch dann hätten die Mieter dort keine Stauräume und auch die Statik ließ es nicht zu.“ Statik sei alles, habe sie mittlerweile gelernt. „Deshalb gibt es im Keller ein paar neue Stützpfeiler und auf den Dächern etwas leichteren „Biberschwanz“. Wir mussten mehrmals den goldenen Mittelweg gehen und haben das Maximum für das Haus und seine Nutzung rausgeholt.“

Stadtbaumeister Linhardt hätte es sicher gefallen. Er wusste schon damals, dass „gute Bauten ihren Wert durch alle Zeiten behalten“ (Die Bauzeitung, 1927).

Weiden in der Oberpfalz29.08.2021
Info:

Die Baugenossenschaft Familienheim Weiden

  • Gründung: 1908
  • Mitglieder: 591 mit 5263 Genossenschaftsanteilen zu je 160 Euro (Stand 31.12.2021)
  • Eigener Wohnungsbestand: 52 Häuser, 330 Wohnungen, 175 Garagen und 2 Gewerbeeinheiten
  • Sanierung Schweigerstraße 1 bis 11: 33 Wohnungen zwischen 60 und 120 Quadratmetern (5 Häuser mit 6 Wohnungen, 1 Haus mit 3 Wohnungen)
  • Baukosten: 8,5 bis 9 Millionen Euro; gefördert mit 950 000 Euro aus dem Entschädigungsfonds des Wissenschaftsministeriums; Fördermittel über KfW-Bank und Landeswohnungsbaugesellschaft beantragt
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.