Weiden in der Oberpfalz
10.10.2018 - 08:51 Uhr

Sieg für "Rechts-Anwälte"

Eigentlich eine "kleine" Jugendsache: Sechs junge Burschen müssen sich vor dem Jugendschöffengericht Tirschenreuth verantworten, weil sie in Bärnau in die Wohnung von Asylbewerbern eingedrungen sein sollen, inklusive Hitlergruß. Recht spektakulär ist die Riege ihrer Verteidiger.

Am Dienstag läuft bei der Weidener Justiz eine Auswahl der „Crème de la Crème“ von Szene-Anwälten auf: (von links) Frank Miksch, Dr. Günther Herzogenrath-Amelung, Steffen Hammer. Bild: Gustl Beer
Am Dienstag läuft bei der Weidener Justiz eine Auswahl der „Crème de la Crème“ von Szene-Anwälten auf: (von links) Frank Miksch, Dr. Günther Herzogenrath-Amelung, Steffen Hammer.

Richter Wolfgang Höreth und seine Schöffen haben sich am Dienstag aus Platzgründen im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Weiden einquartiert. Vor dieser imposanten Kulisse sitzen sechs Lehrlinge und Handwerker (18 bis 27) aus dem Landkreis Tirschenreuth auf der Anklagebank. Einfache Leute. In Gegensatz dazu stehen ihre Wahlverteidiger, die schon "Prominenz" der rechten Szene vertreten haben (siehe Kasten). Am Dienstag gelingt den "Rechtsexperten" ein Sieg auf ganzer Linie: Alle Anklagepunkte werden nach achtstündiger Verhandlung aus Geringfügigkeitsgründen eingestellt.

Asylbewerber "besucht"

Die Anklagevorwürfe, vorgetragen von Staatsanwältin Sandra Dechant, sind schnell erklärt. Die sechs Männer sollen im Februar 2017 auf dem Nachhauseweg nach durchgefeierter Nacht in Bärnau einer Asylbewerberunterkunft einen unwillkommenen Besuch abgestattet haben. Laut Anklage wurde um 5 Uhr morgens an den Rolläden gerüttelt und "Polizei" gerufen. Als einer der Bewohner öffnete, hätten sich die Angeklagten an ihm vorbei in die Wohnung gedrängt. Etwa eine halbe Stunde, so die Staatsanwältin, hielten sich die angetrunkenen Burschen in der Wohnung auf. Mit einem Kissen sei die Lampe beschädigt, die Sprechanlage zerstört worden. Einer soll Schränke und Schubläden geöffnet haben. Ein anderer - ein 24-jähriger Schreiner - habe sich aus dem Kühlschrank einfach einen Joghurt genommen. Ein Facharbeiter (27) soll schließlich noch den Hitlergruß gezeigt haben.

Bei den Angeklagten hört sich das erwartungsgemäß ganz anders an. Man habe kurz geklingelt, schon sei geöffnet worden. Es habe eine "lockere" Atmosphäre geherrscht. Der Joghurt sei ihm freiwillig von dem Asylbewerber serviert worden, sagt der 24-Jährige: "Das war ganz friedlich. Wir sind zusammen auf der Couch gesessen." Der 27-Jährige will seine Kumpels mit dem erhobenen Arm nur "rausgewunken" haben: "vielleicht eine Verwechslung".

Die Bewohner, zwei Iraker, hätten den Vorfall selbst gar nicht angezeigt. Das taten später die Hausbesitzer aufgrund der Schäden. Als die Hintergründe bekannt wurden, übernahm die Kripo. Problem am Dienstag: Die Geschädigten sagen nicht aus. Einer meldet sich kurzfristig krank. Der andere ist inzwischen in den Irak zurückgekehrt. Weitere Belastungszeugen, wie das Hausbesitzersehepaar, verheddern sich ob der Schäden in Widersprüche.

Ein Kommissar gibt wieder, was die Bewohner bei ihrer Vernehmung gesagt hatten. Sie seien nicht geschlagen oder bedroht worden. "Was die eigentlich wollten, haben die Iraker nie erfahren. Sie hatten einfach Angst. Die haben sich nicht mehr rühren trauen." Am Ende demonstrierten ihm die Iraker, wie ein Glatzenträger den Arm hob. Was ein Hitlergruß ist, wussten sie gar nicht.

Vorfall auf Campingplatz

Weit von sich weisen alle Angeklagten auch den zweiten Anklagevorwurf: Auf einem Campingplatz hätten sie nach durchzechter Nacht morgens um 4 Uhr Lieder gegrölt, die mit "Sieg heil" endeten. Einer will geschlafen haben, einer nichts gehört haben. Einer sagt, die Boxen des Autos seien so schlecht, dass "sich selbst Helene Fischer wie Heavy Metal anhört".

Unfreiwillige Zeugen wurden Camper aus Würzburg. Das Pärchen hätte die Angeklagten vor Gericht beinahe nicht wiedererkannt. Die Burschen seien damals ganz anders aufgetreten: "In Springerstiefeln, mit Hosenträgern über dem nackten Oberkörper, Glatze." Man sei früh um 4 Uhr aufgewacht, weil laut gegrölt wurde. Der Wortlaut des Refrains sei eindeutig gewesen: "Sieg heil!" In einer Verhandlungspause sagt der Würzburger: "Wir campen seit 30 Jahren hier, seit ich ein Kind bin. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Da kann ich gleich nach Chemnitz fahren."

Bei ihrer Aussage vor Gericht widersprechen sich die beiden in Fragen zum Ablauf. Das Geschehen liegt anderthalb Jahre zurück. Der Prozess hatte sich auch deshalb so weit nach hinten geschoben, weil die Verteidiger schwer unter einen Hut zu bekommen waren. Am Ende verlassen am Dienstag sechs Burschen bei bester Laune das Landgericht.

Hintergrund:

Sehr spezielle Anwälte traten am Dienstag als Verteidiger auf. Anwalt Frank Miksch aus Fürth verteidigte schon Neonazi Martin Wiese. Interessant auch Anwalt Steffen Hammer aus Reutlingen, der bis 2010 als Frontsänger der Rechtsrock-Band „Noie Werte“ auf der Bühne stand. Gitarrist war der langjährige NPD-Landesvorsitzende Michael Wendland. Dr. Günther Herzogenrath-Amelung (Regensburg) schließlich soll Mitglied des „Deutschen Rechtsbüros“ sein, eines Netzwerkes von Juristen mit dem Zweck, nationalistischen und neonazistischen Aktivisten rechtliche Unterstützung zukommen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft stimmte der Einstellung am Dienstag zu, wenn die Auslagen bei den Angeklagten bleiben, sprich die Anwaltshonorare. Die Verteidiger signalisierten dem Gericht, dass dies kein Problem darstelle. (ca)

 
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