24.03.2019 - 19:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wenn der Sperrtrupp kommt

Der Herd bleibt kalt, der Eisschrank wird warm: Ohne Strom läuft in einem normalen Haushalt nichts mehr. Trotzdem geraten Verbraucher immer wieder mit ihren Zahlungen für Energiekosten in Rückstand.

Wenn der Strom abgestellt wird, gerät das gewohnte Alltagsleben aus dem Tritt. Kerzenschein ist dann nicht mehr romantisch.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Zwischen 330 000 und 350 000 Stromsperren aufgrund von Zahlungsrückständen gibt es in Deutschland jedes Jahr. Diese Zahlen nennt die Bundesnetzagentur in ihrem Monitoringbericht zum Energiemarkt. Bei gut 41 Millionen Haushalten bedeutet das eine Sperrquote von deutlich unter einem Prozent.

Auch in der Region gibt es säumige Zahler. Das Bayernwerk hat in seinem gesamten Netzgebiet im Jahr 2018 insgesamt 5137 Stromsperren verzeichnet, auf die Oberpfalz entfielen dabei 1167 Fälle. Von 161 Stromsperren berichten allein die Stadtwerke Weiden im Jahr 2018. "Das kommt relativ häufig vor", sagt Michael Baier, Abteilungsleiter für den Kundeservice. "Dabei sind die Energieversorger aber sehr kulant." Da die Stadtwerke nur das Netz stellen, jedoch nicht den Strom selbst vertreiben, handeln sie stets im Auftrag von Energieversorgern, wenn sie die Zufuhr kappen.

"Unter 200 Euro Zahlungsrückstand passiert in der Regel nichts", sagt Baier. Und auch dann folgten zunächst mehrere Mahnungen. Selbst nach der Sperrandrohung hätten die säumigen Zahler aber noch vier Wochen Zeit, bis die Techniker anrücken. "Da gibt es dann unterschiedliche Typen von Kunden", sagt Baier: "Die einen überweisen schnell noch Geld, die anderen machen absichtlich die Tür nicht auf." In jedem Fall sei Fingerspitzengefühl gefragt.

Zu spät reagiert

Oft handelt es sich bei den Schuldnern um sozial Schwache. Der Leiter des Jobcenters in Schwandorf, Günter Burgespfleger, kennt die Problematik. "Man muss den Leuten leider vorwerfen, dass sie auf die Schreiben des Energieversorgers nicht reagieren. Und es gehen etliche Schreiben raus, bis der Strom abgedreht wird." Die Sperre sei die letzte Maßnahme, die getroffen werde. "Und dann stehen die Kunden auf einmal bei uns auf der Matte mit einer dicken Rechnung von mehreren 100 Euro."

Tim Ebner, Teamleiter für Leistungsgewährung am Jobcenter Schwandorf, versucht in solchen Fällen zu helfen. "Es hat oberste Priorität, eine Stromsperre zu verhindern oder aufzuheben", betont er. "Die Problematik ist aber komplex und wir müssen stets den Einzelfall betrachten." Zunächst werde geprüft, ob es sich bei dem Zahlungsrückstand um nicht beglichene Abschläge oder die Jahresrechnung handle. Möglich sei dann die Gewährung eines Darlehens oder dass die Abschläge aus dem laufenden Bezug des Arbeitslosengelds II heraus überwiesen werden. In anderen Fällen prüft das Jobcenter aber auch, ob nicht besser doch die Wohnung gewechselt werden sollte.

Für alle Verbraucher gilt unabhängig vom individuellen Einkommen: Um böse Überraschungen zu vermeiden, sollte der Energieverbrauch stets im Blick behalten werden. Es empfiehlt sich, Abschlagszahlungen rechtzeitig anzupassen. Energiekosten lassen sich nicht nur durch sparsameren Verbrauch senken, sondern auch durch einen Tarif- oder Lieferantenwechsel. Die Verbraucherzentralen bieten hierzu auch Energiekostenberatungen an.

Zahlen rückläufig

Wie Eon als einer der größten Anbieter in Deutschland feststellt, sind die meisten Stromsperren zum Glück nur von kurzer Dauer. Und auch eine andere Entwicklung stimmt positiv: Trotz gestiegener Energiekosten ist die Gesamtentwicklung der Stromsperren rückläufig.

So kommt es zur Stromsperre:

Die Voraussetzungen für eine Sperrung sind in der Strom-Grundversorgungsverordnung (StromGVV) im §19 geregelt.

  • Wenn ein Kunde mit Zahlungsverpflichtungen von mindestens 100 Euro in Verzug ist, erhält er eine Mahnung. Zeitgleich oder anschließend folgt eine Sperrandrohung. Der Beginn der Sperrung muss drei Werktage im Voraus angekündigt werden. Die Sperrung erfolgt frühestens vier Wochen nach Androhung und drei Tage nach Ankündigung. Die meisten Stromanbieter gewähren aber längere Fristen, um die Schulden zu begleichen.
  • Die Verbrauchsrechnung kann gestundet oder in Raten bezahlt werden. Bei Raten ist Zuverlässigkeit die Voraussetzung. Die Raten sollten so bemessen werden, dass eine durchgehende Zahlung sichergestellt ist.
  • Neben den Grundsätzen regelt die StromGVV in Paragraph 19 zwei Sonderfälle. So ist eine Stromsperre nicht zulässig, „wenn die Folgen der Unterbrechung außer Verhältnis zur Schwere der Zuwiderhandlung stehen oder der Kunde darlegt, dass hinreichende Aussicht besteht, dass er seinen Verpflichtungen nachkommt.“ Die Härtefallregelung greift, wenn es gravierende Gründe gibt, die Gesundheit und Leben des Schuldners beeinträchtigen könnten. Beispielsweise, wenn elektrische Geräte benötigt werden, die für die Gesundheit unentbehrlich sind.
  • Nicht empfehlenswert ist es, den Energieversorger austricksen zu wollen, etwa durch einen kurzfristigen Anbieterwechsel. Die Stromsperre lässt sich dadurch nicht unbedingt verhindern und die offenen Forderungen müssen immer noch beglichen werden. Unter Umständen wird so ein Manöver als Betrug gewertet.

Quellen: Monitoringbericht 2018 der Bundesnetzagentur; www.eon.de

Ein Stromzähler zeigt in einem Mietshaus die verbrauchten Kilowattstunden an.
Kosten steigen und Reallöhne sinken:

Kurz vor der Jahrtausendwende öffnete der Staat den Energiemarkt. Eigentlich hätte der Wettbewerb die Kosten senken sollen und müssen. Tatsächlich sind die durchschnittlichen Stromkosten der privaten Haushalte in Deutschland jedoch allein im Zeitraum von 2005 bis heute um rund 160 Prozent gestiegen (Preis in Cent pro Kilowattstunde: 18,66 bzw. 30,22). Im selben Zeitraum wuchs der durchschnittliche Bruttolohn von (gerundet) 925 auf 1430 Euro an, das entspricht einer Steigerung von 154 Prozent. Die Höhe des Arbeitslosengelds II (Hartz IV) stieg im Zeitraum von 2005 bis 2019 um 122 Prozent.

Was diese Zahlen verschleiern: Die Reallöhne sind in Deutschland zwischen 1991 und 2012 um lediglich 3,1 Prozent gestiegen. Zurückzuführen ist dies auf die Entwicklung der Verbraucherpreise. Insbesondere seit dem Jahr 2000 sanken die Reallöhne kontinuierlich, weil die Steigerungsrate der Verbraucherpreise beinahe durchweg über der Höhe der Nominallohnrate lag.

Für die gestiegenen Stromkosten ist vor allem der Gesetzgeber verantwortlich, der seit Beginn des Jahrtausends bereits fünf Umlagen auf Strom eingeführt hat, um die Energiewende voranzutreiben. Der Staatsanteil an den Strompreisen stieg von knapp 25 Prozent im Jahr 1998, als der Markt geöffnet wurde, auf über 54 Prozent im Jahr 2017. Zugenommen haben auch die Entgelte für die Stromnetze. Je stärker die einzelnen Posten wachsen, desto mehr Mehrwertsteuer fällt am Ende auch an, was den Haushalt der Bundesrepublik ent-, den Verbraucher jedoch zusätzlich belastet.

Zwar sind die Strompreise an der Börse dank der erneuerbaren Energien zwischen 2011 und 2016 gesunken, doch kam dank der gestiegenen Umlagen und Steuern davon beim Verbraucher wenig bis gar nichts an, und seit 2017 ziehen die Strompreise wieder an.

Quellen: Statista, Bundeszentrale für politische Bildung, Finanztipp.de

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