19.07.2019 - 12:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Spiel ohne Grenzen": Als die Weidener nach den Sternen griffen

Tausende von Weidenern fieberten mit: Zuerst am Wasserwerk, dann vor dem Bildschirm. Mit vollem Einsatz kämpfte das heimische Team um Punkte beim "Spiel ohne Grenzen" 1969. Letztlich verfehlte es das Ziel nur knapp.

Das erfolgreiche Trio: Hans Sperrer, Gerd Schmid und Norbert Griesbacher lösten ihre Aufgabe beim Wettkampf im Weidener Wasserwerk mit Bravour - dank der enormen Zugkraft des erfolgreichen Judoka Hans Sperrer. Die Weidener Astronauten brachten ihre Rakete mit großem Vorsprung ins Ziel.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Und das macht Norbert Griesbacher immer noch zu schaffen. Der 78-jährige ehemalige Leistungssportler ärgert sich bis heute über eine kurzfristige Regeländerung, die den Weidenern seiner Ansicht nach den Einzug ins Finale gekostet hat. Stroh bremste die schnellen Männer bei einem Spiel in Edinburgh aus - und brachte sie letztlich so aus dem Tritt, dass sie sich nicht in die Finalteams einreihen konnten.

Auf Bitten von Oberpfalz-Medien haben sich zwei ehemalige Teilnehmer des spannenden Fernsehwettkampfs 50 Jahre danach noch einmal getroffen. Als Dritte im Bunde sollte eigentlich eine Frau dabei sein. Doch die Dame musste aus Krankheitsgründen leider kurzfristig absagen. Also kramte das Duo Hans Sperrer - als langjähriger Stadtrat in Weiden bestens bekannt - und Norbert Griesbacher - viele schätzen seine Kenntnisse als Pilzberater der Stadt - in alten Bildern und Zeitungsberichten, um die Spiele ohne Grenzen noch einmal aufleben zu lassen.

Als Teilnehmer auserkoren wurden 1969 - im Jahr der Apollo-11-Mondlandung also - nur Spitzensportler. Schließlich wollte Weiden gewinnen. Etliche Wochen vor dem ersten Wettkampf begann das Training. "Im Bauhof und in einer Turnhalle", erzählt Sperrer. Vier Mal die Woche Training war für die Leistungssportler ohnehin Minimum. Auf Stelzen gehen, ein Hindernis-Parcours, Medizinbälle rollen, balancieren: Alles wurde trainiert, denn keiner wusste, welche Aufgaben letztlich auf das Team zukommen würden. Hans Sperrer trainierte außerdem Zugkraft. Wie? "Wir hatten einen alten Opel Rekord." An dem hat er die Handbremse leicht angezogen und dann das Auto per Seil über den Hof geschleppt.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Als er zusammen mit Norbert Griesbacher eine Rakete ins Ziel bringen sollte, löste Sperrer die Aufgabe mit Bravour. Griesbacher: "Ich musste gar nichts machen. Der hatte eine Kraft, das ist Wahnsinn." Gerd Schmid sammelte als dritter Mann zu Fuß Sterne auf. Sperrer: "Wir haben mit Abstand gewonnen."

Raketen, Sterne, Astronauten und der Wasserwerk-Sportplatz als Mondlandschaft. Passend zur Mondlandung von Apollo 11 im Jahr 1969 lautete das Motto für den Vorentscheid "Im Weltall". Die Gegner - aus Osterode am Harz angereist - unterlagen nach spannenden Matches schließlich mit 16:10 Punkten. Damit lösten die Weidener das Flugticket für den internationalen Vorentscheid in Edinburgh.

Im dortigen Schloss hatte die Spielleitung am 9. Juli eine grandiose Kulisse für die Wettkämpfe aufgebaut. Darunter das Spiel, das Norbert Griesbacher bis heute im Magen liegt. "Wir mussten einen Medizinball auf die Burg hochbringen, dort auf eine Rutsche legen, dann selbst an einer Stange runterrutschen und den Ball auffangen bevor er den Boden berührt." Im Training hatte das super geklappt. Doch kurz vor dem Start ließ die Spielleiterin den Betonboden rund um die Stange mit Stroh auslegen. "Um das Verletzungsrisiko auszuschließen." Das Stroh bremste aber zugleich die Läufer nach der Rutschpartie aus. "Wir konnten nicht mehr so schnell antreten. Die Gegner dagegen sprangen früher von der Stange, über das Stroh hinaus und rannten los. Das hätten wir auch machen sollen."

Hans Sperrer schaukelte derweil seine Teamkollegin so hoch, dass ihr fast schlecht wurde, erinnert er sich. Und bei dem zweiten Spiel, in dem er eingesetzt war, rannte er als Erster über den schrägen Steig. Losrennen durfte man erst, wenn man einen Luftballon zum Platzen gebracht hatte. "Alle anderen hielten ihren Ballon vorher brav in der Hand. Ich hab meinen mehrfach aufgeblasen, deshalb platzte er schneller." Mit 30 Punkten kehrte Weiden schließlich aus Edinburgh zurück und hatte damit noch die Chance auf eine Teilnahme am Finale. Doch Wolfsburg machte diesen Traum am 20. August 1969 zunichte: Das Team erzielte 33 Punkte und durfte damit Deutschland am 3. September in Blackpool vertreten.

"Das ist egal", sagt Hans Sperrer. "Es war trotzdem ein Riesenerlebnis, als wir in Edinburgh zur Eurovisions-Melodie im Schloss aufgelaufen sind." Bei der Heimkehr in Weiden wurde das Team jubelnd empfangen. "Die ganze Fußgängerzone war voller Menschen als wir auf der Freitreppe am Alten Rathaus standen." Mit dabei der damalige Oberbürgermeister Hans Schelter, der das Team auch nach Schottland begleitet hatte.

Fotos, Zeitungsberichte und ein Album fördern die Erinnerungen an "Spiel ohne Grenzen" im Jahr 1969 wieder zutage: (von links), Hans Sperrer und Norbert Griesbacher waren als Leistungssportler mit von der Partie.
"Spiel ohne Grenzen":

Die "Mutter aller Spielshows"

Ganze Familien versammelten sich in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren vor dem Fernseher, um mit ihrem Landesteam mitzufiebern. Denn bei "Spiel ohne Grenzen" traten Mannschaften aus Frankreich, England, Deutschland, Holland und Österreich an. Anfangs waren es fünf, später acht europäische Länder. Die Sendung, in Deutschland wurde sie vom WDR übertragen, gilt für manch einen als Mutter aller Spielshows. Erfunden wurde sie angeblich in Frankreich.

In phantasievollen Wettkämpfen traten die Teams aus verschiedenen Ländern abschließend im internationalen Wettbewerb an, nachdem sie sich in Vorentscheidungen dafür qualifiziert hatten. Moderatoren waren unter anderem Arnim Dahl, Camillo Felgen und Frank Elstner.

Phantasievolle Requisiten und akrobatische Einsätze waren typisch für die Wettkämpfe im "Spiel ohne Grenzen".
Jubel beim Weidener Team am Wasserwerk. „Im Weltall“ erwiesen sich die Oberpfälzer gegenüber dem Team aus Osterode am Harz als überlegen und lösten damit das Ticket nach Edinburgh.
Die Mondrakete muss sicher ins Ziel kommen. Eine knifflige Aufgabe für beide Teams.
Rund um Astronauten und das Weltall drehte sich alles beim Vorentscheid in Weiden.
Camillo Felgen, weithin bekannt von Radio Luxemburg, moderierte in Weiden als „Mondplayboy“. Seine Autogramme waren gefragt.
Hintergrund:

Sportler mit zahlreichen Meistertiteln

Nur wer bereits sportliche Höchstleistungen erbracht hatte, kam für die Mannschaft der Fernsehshow "Spiel ohne Grenzen" in Frage. Hans Sperrer zum Beispiel war unter anderem Deutscher Juniorenmeister im Judo, bestritt 13 Länderkämpfe für Deutschland, war zwei Mal Süddeutscher und zwei Mal Bayerischer Meister.

Norbert Griesbacher war unter anderem rund ein Dutzend Mal Bayerischer Meister im 100- beziehungsweise 200-Meter-Lauf, zwei Mal Bayerischer Meister mit der Turnerbund-Staffel über vier Mal 400 Meter, ein Mal Bayerischer Vizemeister im 400-Meter-Lauf in der Halle und mit etwa 36 Jahren Deutsche Vizemeister im 200-Meter-Lauf der Senioren.

Fotos, Zeitungsberichte und ein Album fördern die Erinnerungen an "Spiel ohne Grenzen" im Jahr 1969 wieder zutage: (von links), Hans Sperrer und Norbert Griesbacher waren als Leistungssportler mit von der Partie.
Fotos, Zeitungsberichte und ein Album fördern die Erinnerungen an "Spiel ohne Grenzen" im Jahr 1969 wieder zutage: (von links), Hans Sperrer und Norbert Griesbacher waren als Leistungssportler mit von der Partie.
Mit dem Medizinball über den Balken balancieren. Eine der Übungen, mit denen sich Norbert Griesbacher und die weiteren Jugendlichen aus Weiden für den Wettkampf fit machten.
Das Weidener Team von 1969 mit dem Trainer Hans Badhorn (hinten, links), Oberbürgermeister Hans Schelter (hinten,Vierter von rechts), Norbert Griesbacher (hinten, Fünfter von rechts), Hans Sperrer (hinten, Zweiter von rechts) und Trainer Lothar Höhn (hinten, rechts).

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