14.09.2018 - 21:35 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Staatsanwalt fordert 10,5 Jahre für Rio-Raub

Freitagabend. Während beim Weidener Volksfest schon gefeiert wird, starten im Schwurgerichtssaal des Landgerichts die Plädoyers im Rio-Prozess. Um 20.35 Uhr fordert Staatsanwalt Peter Frischholz für den Hauptangeklagten Viktor C. 10,5 Jahre Haft wegen schweren Raubes.

Das erste Plädoyer hält am Freitag Staatsanwalt Peter Frischholz. Rechts im Bild Nebenklagevertreter Tobias Konze.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Weiden. (ca) Für die Strafkammer hätte es auch Mitternacht werden dürfen: Die Richter wollten diesen entscheidenden Schritt vorankommen. Nach etlichen Verzögerungen wird kurz vor 18 Uhr die Beweisaufnahme geschlossen. Bis zur letzten Minute fordern die Verteidiger des Angeklagten Viktor C. die Vernehmung weiterer Zeugen.

Staatsanwalt Frischholz erinnert an das schwere Verbrechen vom 11. April 2016, als Ernst und Luise W. (damals 89 und 80) im Wohnhaus in Grafenwöhr überfallen worden waren. Die Senioren wurden so schwer verletzt, dass ein eigenständiges Leben nur noch eingeschränkt möglich sei. Schwer wögen die psychischen Folgen. "Sie werden ihr Leben lang an dieser Tat zu leiden haben."

Fatale Flüsterpost

Die Anklage habe sich an 25 Verhandlungstagen bestätigt, auch wenn nur einer der Angeklagten - ein Tippgeber - umfangreich ausgesagt hat. Auf der Anklagebank in Weiden sitzt nur einer der vier mutmaßlichen Haupttäter Viktor C. (41); der zweite Räuber verbüßt in Österreich eine Haftstrafe, zwei weitere sind flüchtig. Der zweite Kreis der Weidener Angeklagten sind vier Beihelfer.

Frischholz fasst zusammen: Ausgangspunkt der Tat war eine Gruppe von Ukrainern und Moldauern, die "Arbeit" in Deutschland suchte. Der "Berufskriminelle" Viktor C. kontaktierte dazu einen Bekannten in Tachau. Eine fatale Flüsterpost nahm ihren Lauf. Der Tscheche wandte sich an einen schwer vorbestraften Bekannten (45) im Landkreis Neustadt, der die Anfrage an einen Kumpan (58) weitergab. In Grafenwöhr ging damals das Gerücht, dass Ernst W. die Rio-Bar verkauft hätte. Zwei Tage vor der Tat besichtigen die Ukrainer mit den Beihelfern den Tatort.

Frischholz rekonstruiert den Abend der Raubs: Gegen 18.20 Uhr werden die Täter noch im Komoranski-Tunnel in Prag fotografiert. Am Steuer sitzt Viktor C. In Grafenwöhr parkt um 23 Uhr der Renault Megane auf dem Netto-Parkplatz. Die Täter dringen in das nahe Wohnhaus ein. Der Fernseher läuft, die Lichter sind an. "Es war ihnen bewusst, dass jemand daheim war und dass sie Gewalt anwenden mussten."

Der Staatsanwalt glaubt, dass sich auch Viktor C. im Haus befand, selbst wenn dort nur die DNA der anderen Drei gefunden wurde. Viktor C.'s DNA war an Handschuhen, welche die Polizei in einem Bach fand. "Wieso sollte er Handschuhe anziehen, wenn er nicht im Haus war?" Die Einzelbeweise würden nicht ausreichen: Handschuh, Tunnelbild, Anmietung des Autos. "Aber in der Gesamtsicht ist die Beweislage erdrückend."

Viel diskutiert wurde die Höhe der Beute: "Die Opfer haben nicht Buch geführt." Der Staatsanwalt geht von 70 000 Euro aus, aufbewahrt in zwei Dosen im Schrank. Am Rande: Die Versicherung deckt 1500 Euro ab.

Ein Freispruch

Frischholz fordert für die Beihelfer zwischen 3 und 5,5 Jahren. Sie hätten den Überfall durch ihre Hinweise erst ermöglicht. "Auch ihnen war klar, dass alte Leute in ihrem Haus überfallen und um ihr Geld gebracht werden sollten." Für den Ukrainer (24), der für Viktor C. das Auto angemietet hat, plädiert er auf Freispruch.

Hintergrund:

Wer nach Prag reist, sollte nichts zu verbergen haben. Das Kamerasystem in und um Prag ist flächendeckend.

Das zweite Alibi, das der Hauptangeklagte am Dienstag im Rio-Prozess vorgebracht hatte, wurde ihm am Freitag von der Kriminalpolizei zerpflückt. Viktor C. hatte angegeben, am Abend des 11. April 2016 mit seinem Jaguar zur Übergabe von Schmuggelzigaretten durch Prag gefahren zu sein. Er nannte drei Treffs. Kriminalkommissar Carsten Schultes konnte diese Story widerlegen – mithilfe der tschechischen Kollegen.

Wie im Verfahren bereits mehrfach zutage trat, verfügt die Polizei im Nachbarland über weit umfangreichere Möglichkeiten. Etwa eine komplette Kennzeichenerfassung. Der Jaguar ist demnach im fraglichen Zeitraum innerhalb von 38 Tagen 511 Mal von Straßenkameras erfasst worden – am 11. April 2016 aber kein einziges Mal. „Es ist unmöglich, mit einem Auto ungesehen die genannten Routen zu fahren“, zitierte Schultes seine Prager Kollegen.

Viktor C. war sichtlich von den Socken, dass die Verkehrsdaten noch vorrätig sind. Das wären sie auch nicht mehr: Die Bewegungsdaten für den Jaguar waren bereits im Juni 2016 abgefragt, aber als (damals) unwichtig abgelegt worden.

Ebenfalls ein Schuss in den Ofen war für den Angeklagten der Versuch, mit seinem I-Phone die angebliche Unschuld zu beweisen: Es beweise, dass er am 11. April 2016 Prag nicht verlassen habe. Die Kripo hat die Geodaten jetzt ausgelesen. An 200 Tagen waren 3600 „Events“ (SMS, Anrufe, Fotos, Wlan-Einloggungen etc.) verzeichnet, am Tag des Überfalls „nichts, rein gar nichts“. Fazit des Kriminalbeamten: „Es war aus.“

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