04.12.2018 - 16:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Jeder Stamm zählt

Volkszählung im Grünen: Die Stadtgärtnerei Weiden ist dabei, die rund 23 000 Bäume im Stadtgebiet einschließlich der Ortsteile digital zu erfassen. Das erleichtert nicht nur die regelmäßigen Baumkontrollen.

Diese Weide am Stadtmühlbach ist bereits im Baumkataster der Stadt erfasst.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Eine Beschau muss sein, damit kranke Bäume rechtzeitig entdeckt, behandelt oder beseitigt werden können. "Niemand möchte, dass einem plötzlich ein Ast auf den Kopf fällt", sagt Thomas Huber (52) von der Stadtgärtnerei. Gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Dürgner (39) hat er das Grün der Stadt im Blick. Neuerdings auch digital. Sämtliche Bäume in den Parkanlagen, an öffentlichen Gebäuden, auf den Friedhöfen oder entlang der Straßen, deren Stammumfang größer als 14 Zentimeter ist, werden erfasst. Bei knapp 23 000 Bäumen im Stadtgebiet eine Herkulesaufgabe.

Die Bäume werden durchnummeriert. Sichtbares Zeichen ist eine circa zwei mal drei Zentimeter große Plakette am Stamm. Sie bescherte der Stadtgärtnerei während der Aktion manchen Anruf besorgter Bürger. "Die dachten, wir beschädigen die Bäume, weil wir mit Hammer und Nägeln unterwegs waren", sagt Huber im Gespräch. Von Gewalt kann jedoch keine Rede sein. Dürgner und Huber kämpfen um jeden Baum. "Gefällt wird nur in allerhöchster Not", versichern die Fachleute.

Mit Tablet und Hammer

Die so gekennzeichneten Bäume finden sich auch in einem digitalen Verzeichnis wieder, das die Gärtnermeister jederzeit über ein Tablet abrufen können. Mit dem ist die meiste Zeit in Weiden Gärtnergehilfe Andreas Markert (24) unterwegs. So kann er gleich vor Ort die Ergebnisse seiner Sichtkontrollen eintragen: Baumart, Entwicklungszustand, Auffälligkeiten und den daraus resultierenden Handlungsbedarf. Auch sieht er die zuletzt erfolgten Maßnahmen. Ins Gepäck als Baumkontrolleur gehören außerdem: Ein Hammer, um den Stamm nach Hohlstellen abzuklopfen, ein Stocherstab, um die Tiefe von Rissen zu testen und ein Fernglas für den Blick in die Krone.

Wie oft kontrolliert werden muss bestimmt die FLL, die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau. "Normalerweise zwei Mal jährlich. Je nach Alter des Baums reicht auch ein Mal oder öfter", weiß Huber. Nach Sturm "Fabienne" im September fuhr die Stadtgärtnerei Sonderschichten. "Im Winter findet die Hauptkontrolle statt. Dann tragen die Bäume kein Laub und die Krone ist gut sichtbar."

Pflegekatalog

Geregelt sind auch die Pflegemaßnahmen, die die Stadtgärtnerei nach Sichtung von Schäden vornimmt. Das wiederum gibt der "Katalog" ZTV-Baumpflege vor. Schäden können zum Beispiel Verletzungen an der Rinde, Totholz, blattlose Kronen, Pilzbefall oder Verfärbungen sein. Muss Totholz beseitigt werden, Kronen beschnitten oder gar gefällt werden, dann geschehe das auch immer in Absprache mit der Umweltbehörde, dem Tiefbau- oder dem Straßenbauamt. Noch nicht digitalisiert seien die Bäume entlang des Flutkanals oder an Bachläufen. "Hier ist das Tiefbauamt für den Unterhalt zuständig", sagt Huber.

Um als zertifizierter Baumkontrolleur arbeiten zu dürfen, machen Gärtnermeister eine Zusatzausbildung, erklärt Stefan Dürgner. Sein Kollege Andreas Markert bildet sich außerdem gerade zum "European Tree Worker" weiter. Ein Abschluss, der in gegenwärtig 21 europäischen Ländern anerkannt wird. Sein Inhaber kann alle Arbeiten am und im Baum unter Berücksichtigung des Natur-, Umwelt- und Unfallschutzes unter Anleitung durchführen. "Bei der Anzahl an Bäumen, die wir zu betreuen haben, eine sinnvolle Investition", sagt Huber. "Allein mit der Kontrolle ist Markert fast acht Monate beschäftigt. Wenn er durch ist, kann er wieder von vorne anfangen."

Und wie geht es unseren städtischen Bäumen eigentlich? "Überwiegend gut", sagt der Gartenfachmann. Mancher Straßenbaum brächte es auf 80 Jahre. "Aber die wenigsten werden so alt." Hitze, Streusalz und auch Vandalismus forderten immer wieder Opfer. Thomas Huber erinnert an den Baumfrevler, der im Frühjahr in Weiden sein Unwesen trieb und unter anderem bei Schulen und im Stadtbad Pappeln und Obstbäume knickte. Dafür hat der Gärtner kein Verständnis. "Ein Baum erfüllt so viele Aufgaben. Er liefert Holz, bietet Lebensraum für Tiere, ist Windschutz, verschönert die Städte, beeinflusst den Wasserhaushalt und liefert Sauerstoff. Immerhin täglich 10 bis 15 Kilogramm." Neben über 3000 Kiefern auf dem Waldfriedhof, finden sich unter den häufigsten Laubbaumarten in der Stadt Linden, Ahorn und Eichen. "Jedes Jahrzehnt hat auch seine Modebäume", sagt Huber. So seien zum Beispiel in der 70er Jahren oft Blaufichten oder Tannen in den Vorgärten oder Parks gepflanzt worden. Fichten waren eher verpönt, kamen in den Achtzigern aber wieder. Berg- oder Spitzahorn seien nach wie vor beliebt, vertrügen aber Hitze nicht besonders gut.

Klimabäume pflanzen

"Heimische Arten werden langsam verschwinden", sind sich Huber und Dürgner sicher. Klimabäume seien die Zukunft. Arten, die auch heißere und trockenere Perioden besser verkraften. Die Forschung sei hier schon sehr weit, so die Experten. "Auch in Weiden experimentieren wir bereits", sagt Huber. "Wir haben Eisenholzbäume gepflanzt. Die stammen ursprünglich aus dem Nordiran. Wir beobachten, wie sie sich entwickeln werden." Klimabäume seien auch Rot-Ahorn, oder der kleinwüchsige Wollapfel, Hopfenbuche oder Purpur-Erle. Die vertrage zum Beispiel Hitze sehr gut.

Die digital erfassten Bäume der Stadt finden sich noch in einem weiteren Plan wieder. So arbeiten die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei auch mit dem Grünflächen-Geoinformationssystem, das neben den Bäumen alle Grünflächen darstellt. Als Grundlage für einen städtischen Pflegeplan sei dies unerlässlich, so Huber. Übrigens:Von den rund 23 000 Bäumen stehen mit 6500 Bäumen die meisten als Begleitgrün an Straßenrändern. 4000 Bäume (überwiegend Kiefern) befinden sich auf den Friedhöfen, 3500 in Parks, 1500 an Schulen und 1300 säumen Spielplätze. Allein 1000 Bäume sind als Naturdenkmäler eingestuft. Am bekanntesten dürfte die "Schlör-Eiche" mit ihren 350 Jahren sein. Aber auch die "Riesen" hinter dem Finanzamt, beim "Alten Schuster" oder beim Wasserwerk in der Alten Neustädter Straße können sich sehen lassen.

Pilzbefall am häufigsten:

Wenn Bäume schwächeln, dann können viele verschiedene Ursachen verantwortlich sein: Streusalz, Umwelteinflüsse, Insekten, Beschädigungen durch Autos, Vandalismus und anderes. Besonders fies ist Pilzbefall. Die unscheinbaren Fruchtkörper sehen wie verbrannt aus, daher der Name. Sie knacken beim Draufdrücken mit dem Finger. Der Pilz zersetzt Wurzel und (untere) Stammbereiche. Betroffene Bäume zeigen zunächst keinerlei Anzeichen von verminderter Vitalität, können aber bei entsprechendem Befall ohne Vorwarnung umstürzen. "das bricht wie Knäckebrot", weiß Gärtnermeister Thomas Huber. Oft bleibt nur die Fällung des Baumes. (shl)

Alle 23 000 Bäume im Stadtgebiet mit Ortsteilen werden digital erfasst.

Thomas Huber (li.) und Stefan Dürgner haben die Gesundheit der Bäume im Blick. Gemeinsam mit Kollege Andreas Markert (nicht im Bild) kümmern sie sich um die regelmäßigen Kontrollen.

Im Nachgang der Baumkontrolle werden eventuelle Schäden wie zum Beispiel Totholz zeitnah beseitigt. Hier ist der Truppe der Stadtgärtnerei gerade in Ullersricht zu Gange.

Der Brandkrustenpilz ist die aggressivste Art unter den Pilzen, die Bäumen zusetzen. Im Sommer zeigen sich vor allem die typisch schwarzen, krustenartigen Fruchtkörper.

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